Covid-19

Corona bei gestörtem Immunsystem - so leiden Betroffene

| Lesedauer: 6 Minuten
Frances Theres Beier
Cave-Syndrom - Angst vor den Corona-Lockerungen

Cave-Syndrom - Angst vor den Corona-Lockerungen

Erklärung des Cave-Syndroms und aus was dieses resultiert.

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Miriam ist 53 Jahre alt und hat ein gestörtes Immunsystem. Ob Corona-Impfungen bei ihr wirken, ist unklar. Über ein Leben in Angst.

Berlin. Die Schübe kommen plötzlich. Miriam beschreibt das wie eine Attacke, wenn man plötzlich nichts mehr sehen kann oder die Beine nicht mehr fühlt. Miriam leidet an Neuromyelitis optica. Sie ist 53 Jahre alt, vor fünf Jahren erhält sie die Diagnose. Bei ihr wird eine Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems festgestellt, bei der das körpereigene Immunsystem der Betroffenen die Nervenzellen angreift.

Seitdem lebt Miriam, die nur mit ihrem Vornamen genannt werden möchte, in der ständigen Angst, sich anzustecken. Nicht nur mit dem Coronavirus, jede Erkältung ist für sie gefährlich. Denn durch die erforderliche Therapie mit Immunsuppressiva – Medikamente, welche die Funktion des Immunsystems vermindern – sind ihre körpereigenen Abwehrkräfte gleich null.

Infektion mit dem Coronavirus – Miriam überlebt

Sie erleidet in den vergangenen Jahren mehrere schwere Schübe, den letzten im Januar 2021. Um die für sie lebensnotwendige Plasmapherese, bei der die Autoantikörper entfernt werden, zu erhalten, muss sie ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nur drei Tage nach ihrer Entlassung Ende Januar muss sie wieder in die Klinik, diesmal wegen schwerer Corona-Symptome.

"Ich habe mich dort während meiner Schub-Behandlung angesteckt. Dass das passieren konnte, war furchtbar für mich. Es ist aber auch nicht nachzuvollziehen, warum Risikopatienten unter diesen Umständen kein Einzelzimmer bekommen", erzählt sie am Telefon. Aus Angst vor Ansteckung lässt sie niemanden in ihre Wohnung.

Miriams Aufenthalt im Krankenhaus wegen Corona dauert drei Wochen. Sie hat 40 Grad Fieber, eine Lungenentzündung und muss zusätzlich mit Sauerstoff versorgt werden. Durch die immunsupprimierenden Medikamente besteht immer die Gefahr, dass sich ihr Zustand lebensbedrohlich verschlechtert.

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Kaum eigene Abwehrkräfte durch Autoimmunkrankheit

So wie Miriam leiden deutschlandweit fünf Prozent der Menschen an einer Autoimmunkrankheit. Auch die chronische Darmentzündung Morbus Crohn, die Schilddrüsenentzündung Hashimoto, Rheuma oder Multiple Sklerose gehören dazu. Doch auch durch eine Krebstherapie, Niereninsuffizienz oder nach einer Organtransplantation wird das Immunsystem durch die Medikamente künstlich unterdrückt.

Dadurch fehlen Kranken wie Miriam nicht nur die eigenen Abwehrkräfte – auch die Antikörper, die sich nach einer vollständigen Corona-Impfung bilden sollen, bleiben aus.

Selber einkaufen zu gehen wäre zu risikoreich

Bei Miriam ist es mittlerweile sechs Monate her, dass sie ihre Infektion überstanden hat. Auch für sie steht nun die Erstimpfung an. Diese muss allerdings an ihren Gesundheitszustand und die Einnahme ihrer Medikamente angepasst werden, um eine entsprechende Immunreaktion erwarten zu können. "Ich hoffe auch, dass die Impfung bei mir keinen neuen Schub auslöst, weil mein Immunsystem dadurch wieder angeregt wird", sagt sie. Lesen Sie hier: Nur selten geimpft – Wird Corona zur Pandemie der Kinder?

Miriam wünscht sich vor allem klarere Vorgaben aus der Politik, um Betroffene besser zu schützen. Seit der ersten Welle hat sie ihre Wohnung nur selten verlassen. "Der Friedhof ist für mich der einzige Ort, an den ich kann, wenn ich mal raus will. Hier muss ich niemandem ausweichen, der absichtlich nicht den Mindestabstand einhält."

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Viel mehr noch als der Gang nach draußen fehlt ihr der Besuch bei der Physiotherapie. Weil das Team dort nicht geimpft war, hat sie die Behandlungen aussetzen müssen, obwohl diese regelmäßig notwendig sind, denn die 53-Jährige leidet seit einem Schub an einem inkompletten Querschnittssyndrom, weshalb ein Teil ihres Rückenmarks geschädigt ist. Auch verschiedene Arzttermine hat sie ausfallen lassen. "Der Weg dorthin wird für mich zur Qual." Hintergrund: Die dramatischen Schicksale der Corona-Reha-Patienten

Betroffene wünscht sich mehr Rücksicht – und kritisiert die Politik

Um zur Behandlung zu kommen, bestellt sie vorab einen Taxifahrer, der geimpft ist, eine FFP2-Maske trägt und eine Trennwand zwischen Vorder- und Rücksitzen hat. Doch manchmal geht das schief, trotz ihrer genauen Angaben. "Abgeholt wurde ich schon von Fahrern, die nur eine OP-Maske trugen und auf die Trennwand im Auto verzichteten." Miriam wünscht sich mehr Rücksichtnahme ihrer Umgebung. So bekäme auch sie wieder Lebensqualität zurück.

Ein gezieltes Schutzkonzept für diese Patienten fordert auch Judith Bellmann-Strobel, Neuroimmunologin an der Charité. "Letztendlich gilt es, dieses für alle Immunsupprimierten zu entwickeln." Was Corona betrifft, bestehe für diese Menschen ein erhöhtes Infektionsrisiko sowie die Gefahr für einen schwereren Verlauf einer Infektion. Zudem müsse bei dieser Gruppe – auf Basis der derzeitigen Datenlage – mit einem reduzierten oder ganz ausbleibenden Impferfolg gerechnet werden.

Miriam versucht so gut es geht, ihren Alltag zu meistern. Dazu gehört auch das Einkaufen. Die Besorgungen selbst zu machen wäre für sie zu risikoreich. Deshalb lässt sie sich – am Telefon, in der Wohnung sitzend – von einem Freund, der ihr dann die Lebensmittel bringt, durch den Supermarkt führen und ist so immer mit dabei.

Ihren gesundheitlichen Zustand nimmt sie so an, wie er ist, aber von der Politik fühlt sie sich im Stich gelassen. Sie kann nicht nachvollziehen, dass es immer noch keine Lösungen für Menschen wie sie gibt.