Waldbrände

Türkei: So bringt die Feuerkatastrophe Erdogan in Bedrängnis

| Lesedauer: 5 Minuten
Gerd Höhler
Türkei: Luftbilder zeigen Kampf gegen Waldbrände

Türkei: Luftbilder zeigen Kampf gegen Waldbrände

Drohnenbilder zeigen den Kampf der Feuerwehr im Süden der Türkei in der Provinz Mugla.

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Die Türkei wird von den verheerendsten Bränden seit Menschengedenken heimgesucht. Warum das Präsident Erdogan in Bedrängnis bringt.

Ankara. Als die Flammen das Dorf Cökertme an der türkischen Ägäisküste erreichten und die Wasserversorgung zusammenbrach, griff Gülseli Karaduman zu einem Feuerlöscher, um ihren Olivenhain zu verteidigen. „Unser Land brennt, aber wir bekommen keine Hilfe“, klagt die Bäuerin.

Seit acht Tagen lodern die Wälder in der Türkei, von der türkischen Riviera im Süden bis zur Ägäisküste. Dort griffen die Flammen auf das Kohlekraftwerk Kemerköy in der Provinz Mugla über. Auf dem Gelände lagern Tausende Tonnen Kohle. Es sind die ­verheerendsten Feuerstürme seit ­Menschengedenken. Die Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdogan und die Behörden wirken völlig überfordert.

Feuerkatastrophe: Die Türkei besitzt kein einsatzfähiges Löschflugzeug

Am Donnerstag begannen Rettungskräfte, die Bewohner umliegender Ortschaften mit Booten übers Meer zu evakuieren. Andere Fluchtwege gab es nicht mehr. Einwohner und Touristen sind seit Tagen auf der Flucht vor den Flammen. Wasserbomber sind bei großen Waldbränden die einzige Hoffnung. Aber die Menschen warteten vergeblich auf Hilfe aus der Luft. Die Türkei besitzt kein einsatzfähiges Löschflugzeug. Lesen Sie auch: Brände bei Athen: Tausende vor Feuersturm geflüchtet

#HelpTurkey – dieser Hashtag geht um die Welt, während die Wälder brennen. Nicht allen gefällt der Hilferuf. Das sei eine „aus dem Ausland gesteuerte Kampagne“, die die Türkei schwach aussehen lassen solle, kritisiert Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun. Er hält mit dem Slogan #StrongTürkiye dagegen. Dazu passt, dass die türkische Regierung Hilfsangebote aus westlichen Ländern zunächst abgelehnt haben soll, weil „alles unter Kontrolle“ sei.

Erdogans Prunksucht steht im Kontrast zum fehlenden Brandschutz

Experten sehen die Ursache der Feuerstürme im Klimawandel und in unzureichendem Brandschutz. Erdogan sucht die Schuldigen woanders: Er vermutet „Sabotage“, wähnt „Verräter“ am Werk, „die unser Land in Brand stecken“.

Es tobt eine heftige politische Debatte. Erdogan habe eine Regierungsflotte von 13 Flugzeugen, aber eigene Löschflugzeuge besitze das Land nicht, kritisiert ein Oppositionsabgeordneter. Der von seinen Kritikern als „Sultan“ verspottete Staatschef habe sich einen Sommerpalast mit 300 Zimmern bauen lassen, aber für den Brandschutz fehle das Geld, klagt ein anderer Parlamentarier. Er spielte damit auf einen 62 Millionen Euro teuren neo-osmanischen Prunkbau an, den sich Erdogan an der Ägäisküste errichten ließ. Lesen Sie mehr: Hitze und Brände in Südeuropa: Das berichten Augenzeugen

Der Präsident wirft den Brandopfern Teepakete zu

Die Region Marmaris, in der sich der Palast befindet, gehört zu den vom Feuer besonders heftig heimgesuchten Landstrichen. Viele Bewohner der Gegend haben alles verloren. Erdogan besuchte mit seinem Wahlkampfbus die Katastrophenregion. Der Staatschef versprach den Menschen Entschädigung.

Und er beließ es nicht bei Worten. Die Brände loderten noch, als Erdogan bei der Abfahrt aus der geöffneten Tür seines Busses den am Straßenrand stehenden Menschen kleine Teepakete vor die Füße warf. Ein inzwischen fast fünf Millionen Mal angesehenes Video auf Twitter dokumentiert die Szene.

„Surreal“ fand das ein Twitter-Nutzer – und zog einen Vergleich: „Man stelle sich vor, Angela Merkel wäre nach der Flut durch das Ahrtal gefahren und hätte den Menschen Kleenextücher zugeworfen.“ Mehr zum Thema: Griechenland: Erneuter Waldbrand bei Athen ausgebrochen

Zeichen von Schwäche – wie steht es um Erdogans Gesundheit?

Viele fragen, ob Erdogan den Kontakt zur Realität verloren hat. Seine Protzpaläste und Prestigeprojekte wie der ökologisch umstrittene und ökonomisch unsinnige „Kanal Istanbul“, das chaotische Corona-Krisenmanagement, und nun die Feuersbrunst: Das Land treibt immer tiefer in den Strudel einer chronischen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Krise.

Auch über Erdogans Gesundheitszustand gibt es Spekulationen, seit der Präsident vor zwei Wochen in einer TV-Botschaft zum islamischen Opferfest sichtlich Schwäche zeigte: Er sprach schleppend, an einem Punkt war ein tiefer Seufzer zu hören. Dann schloss Erdogan kurz die Augen, als schlafe er ein. Der Kolumnist Fatih Altayli sieht bereits ein „Problem der nationalen Sicherheit“.

Erdogans AKP ist in den Umfragen abgesackt

Auch die türkische Wirtschaft schwächelt immer mehr. Am Dienstag meldete die Statistikbehörde Türkstat einen Anstieg der Inflationsrate auf fast 19 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 13 Prozent, ist in der Realität aber eher doppelt so hoch.

Die schlechte Wirtschaftslage spiegelt sich in den Meinungsumfragen wider. Da liegt Erdogans regierende AKP bei 30 Prozent gegenüber 43 Prozent bei der letzten Wahl. Und nun läuft Erdogan auch das Corona-Krisenmanagement aus dem Ruder: Am Mittwoch wurden fast 28.000 Neuinfektionen festgestellt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt mit 192 so hoch wie Ende März.

Leitet die Brandkatastrophe den politischen Wechsel ein?

Viele Türken erinnern sich an die Erdbebenkatastrophe bei Istanbul vom August 1999. Das Totalversagen der damaligen Regierung leitete einen politischen Umbruch ein, der Ende 2002 zum ersten triumphalen Wahlsieg der AKP führte. Erdogan war damals in der Türkei ein Hoffnungsträger. Jetzt könnte die Brandkatastrophe für ihn zu einer Feuerprobe werden, die über sein politisches Schicksal entscheidet.

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