Corona-Pandemie

Corona in England: Leere Regale, erste Tankstellen dicht

| Lesedauer: 5 Minuten
Gudrun Büscher
Fast keine Corona-Beschränkungen mehr in England

Fast keine Corona-Beschränkungen mehr in England

In England gibt es nun so gut wie keine Corona-Beschränkungen mehr - obwohl die Zahlen steigen. Die Lockerungen sorgen für Sorgen und Kritik.

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Wen die Corona-Warnapp warnt, der muss in England in Quarantäne. Inzwischen sind es so viele Menschen, dass Versorgungsengpässe drohen.

Berlin/London. Keine Gurken und Tomaten im Supermarkt, das Lieblingsrestaurant geschlossen – so hatten sich meisten Engländerinnen und Engländer das Leben nach dem „Tag der Freiheit“ nicht vorgestellt. Die ständig steigende Zahl von Corona-Neuinfektionen stellt das Land vor allem in Norden vor enorme Probleme.

Weil sich immer mehr Menschen nach einem Kontakt mit einem Corona-Infizierten für zehn Tage in häusliche Quarantäne begeben müssen, sitzt nicht nur Premierminister Boris Johnson fest. Mehrere Hunderttausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fehlen schon an ihrem Arbeitsplatz. Die britische Presse spricht vom Ausbruch der „Pingdemie“ – benannt nach dem Signal der Corona-Warnapp auf dem Smartphone, das eine Begegnung mit einem positiv Getesteten meldet.

Delta: Ein Viertel der Mitarbeiter in Quarantäne

Supermärkte und die Logistik-Branche warnen wegen des Personalmangels vor Engpässen und sich weiter leerenden Regalen. Es fehlen die Angestellten, die Waren liefern, stapeln und einräumen. „Wir haben unsere Läden die ganze Pandemie hindurch offengehalten, aber jetzt müssen wir wenige Läden schließen und die Öffnungszeiten in anderen verkürzen“, sagt der Geschäftsführer der Iceland-Supermarktkette, Richard Walker, dem Sender BBC. „Es kann aber sehr schnell viel schlimmer werden.“ Gleichzeitig warnte er vor Hamsterkäufen, es sei genug Ware da, nur die Mitarbeiter fehlten.

Die Spediteure beklagen, dass viele Lkw-Fahrer ihren Dienst nicht antreten können. In einigen Unternehmen seien ein Viertel der Mitarbeiter in Quarantäne. Die Lage sei ohnehin angespannt, so Rod McKenzie vom Speditionsverband RHA. Denn schon wegen des Brexits mangelte es an Personal. Die Quarantäneregeln seien „ein Rezept für Chaos“.

Delta breitet sich in rasendem Tempo aus

Die Bilder leergekaufter Supermarktregale, die britische Medien zeigten, stammen aus Geschäften in den Midlands und im Norden Englands. In der Hauptstadt London dagegen ist kaum etwas zu spüren.

Die Pingdemie war absehbar. Sie ist eine Folge der sich seit fast zwei Monaten in rasendem Tempo ausbreitenden Delta-Variante, die viel ansteckender ist als die früheren Mutanten. Schon vor der Abschaffung fast sämtlicher Corona-Restriktionen am 19. Juli schlug die Corona-Warnapp täglich bei etwa 88.000 Briten an. Nach der Öffnung des Landes, so schätzen Experten, könnten in den kommenden Wochen bis zu vier Millionen betroffen sein.

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Die Impfbereitschaft der Jüngeren sinkt

Es gibt keine Abstandsregeln mehr, auch die Maskenpflicht ist abgeschafft. Nachtclubs und Diskos haben wieder geöffnet, Großveranstaltungen sind erlaubt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 479, durchschnittlich infizieren sich derzeit mehr als 46.000 Menschen täglich. Auch die Zahl der Menschen, die wegen ihrer Corona-Infektion ins Krankenhaus müssen, steigt. Und die nachlassende Impfbereitschaft bei den Jüngeren verschärft die Lage.

Während mehr als 80 Prozent der über 50-Jährigen vollständig geimpft sind, sind das bei den unter 30-Jährigen weniger als 60 Prozent. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssten rund 85 Prozent der Gesamtbevölkerung doppelt geimpft sein, meinen einige der Experten.

Infektionsketten durchbrechen. Geht das?

Doch es gibt auch zunehmend Zweifel, ob die Herdenimmunität überhaupt die erhoffte Wirkung erzielt. Erste Studien haben gezeigt, dass auch vollständig Geimpfte das Virus weitergeben können, Delta offenbar sogar noch leichter als andere Varianten. Wenn Geimpfte die Infektionsketten nicht brechen können, wird eine Herdenimmunität zunehmend unwahrscheinlicher.

Nun sitzen also fast eine Millionen Menschen in Quarantäne fest. Sie wurden von der staatlichen Kontaktnachverfolgung „Test and Trace“ oder ihrer Corona-Warnapp in die Selbstisolation geschickt. Und das trifft nicht nur die Logistik- und Lebensmittelbranche.

Müllabfuhr kommt nicht, erste Tankstellen geschlossen

Die Pingdemie bringt auch die Müllabführ, die Bahn, Krankenhäuser, Arztpraxen und die Post in Nöte. Der Mineralölkonzern BP schloss wegen des Personalmangels vorübergehend erste Tankstellen, Schulen gingen mancherorts früher in die Ferien, Bars und Restaurants hängen Schilder an die Tür: vorübergehend geschlossen. Der Autobauer Vauxhall strich eine komplette Schicht. Auch die Polizei klagt über zu wenig Einsatzkräfte.

Die Wirtschaft ist sich einig: Unternehmen und Verbände fordern Ausnahmen von der Quarantänepflicht. Doppelt Geimpfte sollten mit einem täglichen negativem Corona-Test wieder zur Arbeit kommen können. Nur so könne sichergestellt werden, dass die Bevölkerung mit Lebensmitteln und anderen Gütern versorgt wurden, so der Lebensmittel-Branchenverband British Retail Consortium.

Wirtschaftsminister will Ausnahmen schaffen

Nun bestätigte Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng, dass es Ausnahmen geben soll – vor allem im Gesundheitswesen und bei der Energieversorgung. Unternehmen könnten Anträge für ihre Mitarbeiter stellen - auch die Lebensmittelverteilzentren. Am 16. August, kündigte Kwarteng, an würden die Regeln für Kontaktisolation sowieso geändert. Bis dahin, so hofft die Regierung, seien ausreichend Menschen geimpft. Dann soll die Quarantänepflicht für Doppelgeimpfte nach einem „ping“ generell entfallen - wenn sie sich täglich testen lassen. Sicher ist das aber noch nicht.

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