Bildung

Corona-Pandemie: Die meisten Unis bleiben weiterhin leer

Das Coronavirus verändert das Uni-Leben grundlegend. Die meisten Universitäten haben zwar ein sogenanntes Hybrid-Semester geplant.

Montgomery: Lockdown ab 20.000 Neuinfektionen am Tag

Bei 20.000 Corona-Neuinfektionen pro Tag In Deutschland hält der Weltärztebund-Vorsitzende Frank Ulrich Montgomery einen erneuten Lockdown für nötig. Bei dieser Zahl würde "die Lage außer Kontrolle" geraten, meint Montgomery.

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Berlin. In diesen Wochen nehmen die Hochschulen wieder den Betrieb auf. Wegen der Corona-Pandemie rund drei Wochen später als sonst. Nach der digitalen Lehre im Sommer kündigten viele Unis an, nun zum Normalbetrieb zurückkehren zu wollen. Doch während viele Rektorate noch am Ende des Sommersemesters gehofft hatten, dass sich das Infektionsgeschehen in Deutschland bis zum Herbst entspannt haben würde, steigen die Infektionszahlen stark an.

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), sieht die Hochschulen dennoch für den Corona-Herbst gerüstet: „Die Hochschulen haben sich mit viel Verantwortungsbewusstsein und Sorgfalt seit Monaten vorbereitet.“ Die Planung der Hochschulen werde keineswegs von der aktuellen Pandemie-Entwicklung umgestoßen, da sie von Anfang an auf Vorsicht bedacht gewesen sei, so Alt.

Finanzielle Lage der Studierenden ist angespannt

Die meisten Universitäten haben zwar ein sogenanntes Hybrid-Semester geplant. Eine Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen wird es für die meisten Studierenden dennoch nicht geben. Während Schulen und Kitas unbedingt offen bleiben sollen, werden Vorlesungen und Seminare im Herbst und Winter weiter vor allem digital stattfinden.

Denn hybrid wird es nur für einzelne Studierendengruppen: Ausnahmen sollte es vor allem für Erstsemester geben, und für praktische Kurse, beispielsweise in den naturwissenschaftlichen Studiengängen. Doch auch bei diesen Lehrveranstaltungen muss auf Abstand geachtet werden, darf die Teilnehmerzahl nicht zu groß sein.

Einführungsvorlesungen in Fächern wie Jura oder Betriebswirtschaftslehre, an denen meist Hunderte teilnehmen, dürfen deshalb auch für Studienanfänger nur digital stattfinden. Und das liegt nicht allein an der Raumgröße – die meisten Hörsäle an Universitäten können aufgrund der Bauart gar nicht durchgelüftet werden.

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An vielen Unis findet die Begrüßung nur digital statt

Laut Jonathan Dreusch vom Vorstand des Freien Zusammenschlusses von Student*innenschaften (FZS), des Dachverbandes der Studierendenvertretungen in Deutschland, haben sich die meisten Unis nach dem Sommersemester „recht gut“ vorbereitet. „Oft wurde aber der Fehler gemacht, von einer berechenbaren Situation auszugehen“, sagt der Student.

Das räche sich jetzt. Denn über den Fall, dass das Infektionsgeschehen so zunehme, dass wieder nur noch online gelehrt werden könne, habe man sich kaum Gedanken gemacht. Mittlerweile scheint dies einzutreten: In vielen Universitätsstädten liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im kritischen Bereich.

An vielen Universitäten, zum Beispiel in Mannheim, Tübingen und Osnabrück, fand die Begrüßung der Erstsemester bereits nur digital statt. An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wurde die gesamte Begrüßungswoche ins Internet verlegt. Die Universität zu Köln gab bekannt, dass bei allen Veranstaltungen ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden muss. Reguläre Lehrveranstaltungen, die nicht in Kleingruppen von maximal zehn Personen stattfinden, in Vorbereitung auf einen Abschluss oder für Erstsemester gedacht sind, sollen als digitales Lehrformat stattfinden.

Digitalisierungspauschale gefordert

Die Berliner Hochschulen haben ebenfalls die Zügel angezogen: Der Anteil digitaler Lehre im Wintersemester wurde erhöht. In Präsenz sollen nur noch zwingend erforderliche Praxisformate stattfinden, die digital nicht durchführbar sind. Sicherheit habe aktuell eben Vorrang, sagt HRK-Präsident Alt. „Hochschulen dürfen keine Hotspots für Infektionen werden.“ Man wolle mit einer Rückkehr zur Präsenzlehre derzeit kein unnötiges Risiko eingehen.

Inwiefern sich die digitalen Formate auch für die Zukunft bewähren könnten, werden die kommenden Monate zeigen. Als Ende März die Hochschullehre binnen kurzer Zeit ins Netz gehievt wurde, wurde deutlich, dass sich der Rahmen des Möglichen dabei stark zwischen den Institutionen unterscheidet.

Laut Hochschulrektorenkonferenz haben insbesondere mittlere und kleinere Hochschulen kaum Budget für eine nachhaltige digitale Aufrüstung. Das Gremium fordert daher eine Digitalisierungspauschale, um einheitliche, faire Bedingungen unter den Hochschulen zu schaffen.

Finanzielle Probleme verursacht die Corona-Pandemie besonders für die Studierenden selbst. Typische Nebenjobs, beispielsweise im Gastgewerbe, fielen dem Shutdown zum Opfer. 120.000 Studierende beantragten von Juni bis September bei den Studentenwerken die vom Bundesbildungsministerium (BMBF) bereitgestellten Überbrückungshilfen.

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Coronabedingte Verzögerungen wirken sich nicht auf Bafög-Bezug aus

Wer nachweisen konnte, durch weggebrochene Einnahmen weniger als 500 Euro auf dem Konto zu haben, bekam bis zu 500 Euro pro Monat ausgezahlt. Die meisten Studierenden, denen die Hilfe gewährt wurde, hatten bei der Beantragung der Nothilfe unter 100 Euro auf ihrem Konto. Zudem beantragten Studierende bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Darlehen in Höhe von fast einer Milliarde Euro.

Die Überbrückungshilfen sind seit Ende September Geschichte. Vom BMBF hieß es, die wirtschaftliche Lage habe sich entspannt. Dies zeige sich auch daran, dass die pandemiebedingte Notlage bei Antragsstellung in immer weniger Fällen nachgewiesen werden könne.

FZS-Vorstandsmitglied Iris Kimizoglu sieht das anders. „Zu behaupten, dass die Hilfen nicht mehr gebraucht werden, ist wahnsinnig“, sagt sie. Die Studentenjobs seien noch nicht wieder da, die Corona-Krise nicht überwunden. Die finanzielle Situation der Studierenden bezeichnet Kimizoglu als „unfassbar schlecht“.

Der FZS fordert eine Öffnung der Leistungen nach Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) für Studierende, die in Notlage geraten sind. Immerhin: In den meisten Bundesländern wurde schon im Sommer die Regelstudienzeit verlängert. Coronabedingte Verzögerungen wirken sich nicht nachteilig auf Studienverlauf und Bafög-Bezug aus.

Zu den finanziellen Sorgen gesellt sich eine Unsicherheit darüber, ob die fast drei Millionen Immatrikulierten ihre Universität oder Hochschule überhaupt wieder von innen sehen werden. Studierendenvertreter Dreusch wünscht sich mehr Offenheit von den Hochschulen: „Viele Unis trauen sich nicht zu kommunizieren, dass man im Moment nicht alles wissen kann. Das muss sich ändern.“

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