US-Politik

Warum Trump beim Wahlkampf in Tulsa den Blues bekam

Tausende leere, blaue Sitze verhagelten US-Präsident Donald Trump die Rückkehr auf die Wahlkampfbühne: Was er in Tulsa daraus machte.

Massenproteste in den USA an "Juneteenth" - Kritik an Wahlkampf von Trump in Tulsa

Inmitten der anhaltenden Proteste gegen Rassismus sind tausende Menschen in den USA auf die Straße gegangen, um an das Ende der Sklaverei vor 155 Jahren zu erinnern. Von New York bis Los Angeles fanden am Freitag, dem inoffiziellen Gedenktag "Juneteenth", Demonstrationen, gemeinsame Gebete und Feste statt. In Washington stürzten Demonstranten die einzige Statue eines Konföderierten-Generals in der Stadt.

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Washington. „Wir hatten noch nie einen freigebliebenen Sitz bei unseren Kundgebungen”, sagte Donald Trump noch vor wenigen Tagen im Weißen Haus, als er mit kaum zu bändigender Vorfreude auf seinen ersten großen Wahlkampfauftritt nach dreimonatiger Coronvirus-Zwangspause hinfieberte, „und wir werden gewiss kein leeren Platz in Oklahoma haben.”

Völlige Fehleinschätzung.

In der 19.000 Menschen fassenden BoK-Arena von Tulsa stach auf den oberen Rängen gähnende Leere in Gestalt von blauen Sitzschalen ins Auge, als der amerikanische Präsident am Samstagabend vor halbleerem Saal ans Redner-Pult trat.

Trump-Rede in Tulsa vor vielen leeren Sitzen

Darum musste das Wahlkampf-Team Trumps, das vorher von über einer Million (!) Vorbestellungen für das seit Wochen als „episch“ gehypte Event fantasiert hatte, kurz vor Beginn eine an Rockkonzerte erinnernde Außenbühne vor einem vorgesehenen „Überlauf-Areal” abmontieren. Trump und seine Vize Mike Pence wollten dort ebenfalls sprechen. Um Anhänger, für die drinnen kein Platz sein würde, nicht zu enttäuschen. Allein, hier herrschte „tote Hose”, als Trump auf der Großbildleinwand erschien. Der Outdoor-Termin wurde klammheimlich gestrichen.

Donald Trump war die Irritation darüber zu Beginn seiner knapp 100-minütigen Rede anzusehen. Er wirkte gehemmt, lethargisch, brauchte länger als sonst, um sich und den Saal, in dem die allerwenigsten Besucher die von Trumps eigenen Gesundheitsexperten empfohlenen Atemschutzmasken trugen, auf Temperatur zu reden. Als zusätzlicher Dämpfer erwies sich, dass bei sechs Mitgliedern seines Voraus-Teams das Coronavirus festgestellt wurde.

Trump-Auftritt in Tulsa: Behörden warnten vor Corona-Risiko

Trump führte den in dieser Dimension seit Juni 2015 für ihn einzigartigen Mangel an Zuschauerzuspruch nicht auf sinkendes Interesse oder Wähler-Unmut zurück. Sondern vor allem darauf, dass linke Gegendemonstranten, die das allgegenwärtige „Black Lives Matter”-Thema nach Tulsa trugen, und angebliche Medienberichte über mögliche Ausschreitungen viele seiner Anhänger abgeschreckt hätten.

Lokaljournalisten aus Tulsa berichteten dagegen, dass „Vernunft und gesundheitliche Abwägungen” eine größere Rolle gespielt haben könnten. Die Gesundheitsbehörden Oklahomas warnten bis zuletzt massiv vor einem erhöhten Corona-Ansteckungsrisiko auf der Trump-Veranstaltung. Und in den vergangenen Tagen waren die Infektionszahlen in dem Bundesstaat, der bisher vergleichsweise glimpflich davongekommen war, sprunghaft angestiegen.

Trump spricht von weniger Corona-Tests – angeblich ein Scherz

Trump nährte die Zweifel an seiner Regierungspolitik und persönlichen Haltung zum Thema Corona in einer bisher nie dagewesenen Form. Er nannte die Coronavirus-Tests, für die sich seine Experten Anthony Fauci und Deborah Birx seit Monaten den Mund fusselig reden, ein „zweischneidiges Schwert”. Denn: Wenn man wie Amerika im großen Stil teste (bisher rund 25 Millionen Menschen), „wird man mehr Fälle finden”, sagte Trump und fügte wörtlich hinzu: „Also habe ich meinen Leuten gesagt: ,Senkt das Tempo bei den Tests.”

Weil Wissenschaftler in sozialen Medien unmittelbar erschrocken reagierten („was für eine törichte Aussage!”), erklärte das Weiße Haus in Washington auf Anfrage etwas pikiert, der Präsident habe „einen Scherz gemacht”.

Ob diese auch für etliche andere Statements (und vieles Nichtgesagte) galt?

Trump benutzt rassistischen Begriff für Coronavirus

  • Trump sprach im Fall Corona-Virus bewusst von „Kung Flu”; eine rassistische Verballhornung einer asiatischen Kampfsportart mit der gesprochenen Version des englischen Wortes für Grippe.
  • Trump attackierte die demokratische Kongress-Abgeordnete Ilhan Omar, deren Vater vor vier Tagen an Corona gestorben war, als Linksradikale, die Amerika in ein sozialistisches Armenhaus verwandeln wolle.
  • Trump sagte über seinen demokratischen Widersacher Joe Biden , er sei eine „Marionette Chinas” und ein „trojanisches Pferd” für Sozialisten innerhalb der demokratischen Partei. Zitat: „Wenn die Demokraten an die Macht kommen, dann werden die Randalierer das Sagen haben und niemand wird mehr sicher sein.”
  • Trump attackierte einseitig die landesweite Anti-Rassismusbewegung nach den jüngsten Fällen tödlicher Polizei-Gewalt gegen Schwarze: „Der verwirrte linke Mob versucht, unsere Geschichte zu zerstören, unsere Denkmäler – unsere schönen Denkmäler – zu entweihen, unsere Statuen niederzureißen und jeden zu bestrafen, abzusagen und zu verfolgen, der seinen Forderungen nach absoluter und vollständiger Kontrolle nicht entspricht.“ „Wir fügen uns nicht”, donnerte Trump und forderte einjährige Haftstrafen für Menschen, die die amerikanische Flagge verbrennen.

Trump brachte es gleichzeitig fertig, den Polizei-Tod der Afro-Amerikaner George Floyd in Minneapolis und Rayshard Brooks in Atlanta, der das breiteste gesamtgesellschaftliche Aufbegehren gegen Rassismus seit 40 Jahren auslöste, nicht ein einziges Mal zu erwähnen oder auch nur im Ansatz einer Geste der Versöhnung zu wagen. Und das in einer Stadt, Tulsa, in der vor fast genau 100 Jahren eines der größten Massaker (300 Tote) an Schwarzen in der amerikanischen Geschichte stattgefunden hatte. Lesen Sie in unserem Newsblog die Nachrichten zu den Protesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt.

Trump stilisierte sich in Tulsa als das eigentliche Opfer

Auffällig: Inmitten einer Pandemie, die fast 120.000 Tote, zwei Millionen Infizierte und über 30 Millionen Arbeitslose nach sich zog, stilisierte Trump sich als das eigentliche Opfer der ganzen Misere. Er verbrachte ermüdend lange Minuten damit, sich darüber zu beklagen, dass in den Medien seine körperliche und geistige Verfassung angezweifelt werde, nachdem er kürzlich beim Wassertrinken und der Begehung einer Bühnenrampe eine seltsame Figur abgab. Demonstrativ führte er (diesmal mit einer Hand) ein Glas Wasser zum Mund und warf es dann mit einer verächtlichen Geste weg.

Trumps roter Faden in seiner Rede und wohl ein Vorbote auf die kommenden Woche – Angstmacherei vor einem Wahlsieg der Demokraten, die „Plünderern und Ausländern ohne gültige Papiere mehr Rechte einräumen werden als gesetzestreuen Amerikanern” – kontrastiert in diesen Tagen mit der Umfragenlandschaft. Hier hat Herausforderer Joe Biden stabile Vorsprünge, die bis zu 14 Prozentpunkten reichen.

Heikel dabei für Trump, der wegen seines Krisen-Management in Sachen Corona und Rassismus mit den schlechtesten Zustimmungswerten seit Amtsantritt 2017 zu kämpfen hat: Über 60 Prozent der Befragten räumten ein, sie seien keine wirklichen Biden-Fans, würden ihn aber auf jeden Fall wählen. „Aus Angst“, Trump könnte sonst eine zweite Amtszeit zugestanden werden.

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