Kolumne

Warum Twitter mehr Haltung beweist als YouTube und Facebook

Twitter lässt Donald Trumps Hetze nicht länger durchgehen. Unser Kolumnist vermisst diese Haltung bei anderen sozialen Netzwerken.

Das Logo der Twitter-App auf einem Smartphone-Display. Das Kurznachrichten-Netzwerk hat mit seinen Warnhinweisen bei Tweets von Donald Trump Haltung bewiesen.

Das Logo der Twitter-App auf einem Smartphone-Display. Das Kurznachrichten-Netzwerk hat mit seinen Warnhinweisen bei Tweets von Donald Trump Haltung bewiesen.

Foto: imago stock&people / imago/xim.gs

Berlin. Jack Dorsey ist einer der spannendsten Milliardäre, die das Internet geschaffen hat. Er programmierte als Jugendlicher Leitsysteme für Krankenwagen und Polizeiautos. Er wollte botanischer Zeichner werden und Modedesigner, dann erfand er Twitter.

Seit den aktuellen Unruhen in den USA stellt Dorsey sich noch klarer gegen Hetzer und Rassisten. Dass sein Dienst kaum Gewinne abwirft, ist ihm gleich. Mit seinem Bezahldienst Square hat er ausgesorgt.

Jack Dorsey hat nicht so viele Milliarden wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg, aber dafür mehr Haltung. Nun hat er einen kleinen Stöpsel aus jenem aufgeblasenen Luftwurst-Clown gezogen, der medial herumhampelt und verleumderische Giftwolken ablässt. Mal sehen, wie viel Schub Dorseys Entscheidung entwickelt, den Tweets seines prominentesten Kunden ab sofort Warnhinweise mitzugeben.

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Via Twitter hat der US-Präsident über Jahre im Stundentakt Themen gesetzt, verscheucht, verdreht, ganz egal, wie die Faktenlage war. Musste ein Politiker sich früher unliebsamen Fragen oder Kommentaren von Journalisten aussetzen, ermöglichen digitale Kanäle den direkten Kontakt zum Wähler. Das ist ein Fortschritt, solange die Absicht stimmt: Wird die Freiheit der Kommunikation genutzt, um die freie Gesellschaft zu stärken?

Kommentar: Donald Trump hat weder Herz noch Verstand

Twitter, YouTube und Facebook machen Irre immer populärer

Leider bewirken Social-Media-Kanäle das Gegenteil: Twitter (Trump), YouTube (Bolsonaro) und Facebook (Johnson) haben eine Kreislaufwirtschaft des Bösen in Gang gesetzt: Hysterischer Irrsinn klickt gut, er macht die Irren immer populärer, die Internet-Milliardäre immer reicher und Demokratien immer brüchiger. Die Freiheit der Demokratie wird gerade von Rechtsextremisten mit Lügen und Hetze genutzt, um die Freiheit abzuschaffen, ein Phänomen, dass der Soziologe Karl Popper als „Toleranz-Paradox“ bezeichnete.

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Dorsey liefert nun jenen journalistischen Service, den jede Demokratie braucht: Er ordnet ein, stellt klar, liefert Warnhinweise zu Irrsinns-Tweets, auch auf die Gefahr hin, dass der Gelbhaarige aus dem Weißen Haus Rachegesetze verabschiedet. Reiche Freunde von Trump sollen bereits genügend Twitter-Aktien erworben haben, um CEO Dorsey über den Aufsichtsrat loszuwerden.

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Twitter hat eine Debatte in Gang gebracht, die jedes Parlament des Planeten angeht. Kernfrage: Sind Lügen und Hetze vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt? Müssen Demokratien also bei ihrer eigenen Zerstörung zuschauen?

Zwischen Trump und Zuckerberg scheint ein Pakt zu gelten

Twitter gesteht nun ein, dass Social-Media-Plattformen nicht neutrale Auslieferer von Information sein können, sondern Verantwortung für den Inhalt tragen, wie jede Schülerzeitung auch. Problem: Redaktionelle Sauberkeit kostet Personal, kostet Gewinn, kostet Börsenwert, was der Facebook-Chef unbedingt verhindern will. Nach einem Telefonat mit Trump versuchte Zuckerberg seiner zunehmend maulenden Mannschaft zu erklären, warum Facebook Trumps gewaltverherrlichende Kommentare anstandslos transportiert.

Zwischen Trump und Zuckerberg scheint ein stillschweigender Pakt zu herrschen. Facebook ließ sich manipulieren, um Trump 2016 ins Weiße Haus zu helfen. Trotzdem oder deswegen will Zuckerberg bei der Wahl im November nicht auf politische Werbung verzichten. Dorseys Schritt ist damit auch eine Wette auf die Präsidentschaftswahl: Gewinnt Trump, steht paradoxerweise das Lieblingsmedium des Präsidenten vor harten Zeiten.

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