Corona-Krise

Wie sich eine Frau aus Wuhan mit Chinas Regierung anlegt

100 Millionen Chinesen lasen täglich das Online-Tagebuch der Wuhaner Autorin Fang Fang. Ein kritisches und erschütterndes Zeitdokument.

Die Schriftstellerin Fang Fang lebt in Wuhan, über die Zeit als Wuhan wegen der Corona-Epidemie abgesperrt war, hat sie offene Worte gefunden.

Die Schriftstellerin Fang Fang lebt in Wuhan, über die Zeit als Wuhan wegen der Corona-Epidemie abgesperrt war, hat sie offene Worte gefunden.

Foto: Hoffmann und Campe Verlag GmbH

Berlin. Auf die Frage, wie es der chinesischen Autorin Fang Fang gerade geht, antwortet ihr Übersetzer Michael Kahn-Ackermann. Er selbst lebt in China und hat telefonischen Kontakt zu ihr und schreibt mit ihr via Internet: „Es geht Fang Fang, wie es jemandem geht, der sich Tag für Tag mit Verleumdungen, Morddrohungen, obszönen Bemerkungen, unwahren Gerüchten auseinander setzen muss“, antwortet er unserer Redaktion. Trotz der Situation sei Fang Fang ungebrochen. Aber sie möchte sich im Moment auch aus Vorsicht nicht öffentlich äußern.

Die Schriftstellerin Fang Fang hat das Buch der Stunde geschrieben. „Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, das sind 60 Tagebuch-Einträge die eindrücklich beschreiben, wie das Leben in der wegen des Coronavirus abgeriegelten Stadt war. Niemand durfte hin- noch ausreisen, es gab keine Möglichkeit von dort zu berichten. In Wuhan brach das Virus zum ersten Mal aus, vieles ist über den Ursprung und Hergang noch ungewiss. Fang Fangs Buch, das jetzt weltweit erscheint, ist ein wichtiger Blick von innen, der hilft die Corona-Pandemie und seine politischen und privaten Folgen besser zu verstehen.

Coronavirus-Blog: Fang Fangs scharfe Kritik an den chinesischen Behörden

Am 25. Januar 2020, zwei Tage, nachdem die neun-Millionen-Menschen-Stadt Wuhan wegen des Ausbruchs des Coronavirus komplett von der Außenwelt abgeriegelt wurde, beginnt die Wuhanerin Fang Fang, online Tagebuch zu schreiben. Bereits am 26. Januar 2020, in ihrem zweiten Eintrag, kritisiert sie die Behörden: „Die Achtlosigkeit und Untätigkeit der Wuhaner Behörden in der Frühphase der Epidemie und die Hilflosigkeit und Unfähigkeit der Funktionäre vor und nach der Verhängung der Abriegelung haben in der Bevölkerung eine gewaltige Panik ausgelöst und allen Wuhaner Bürgern Schaden zugefügt.“

Um später noch generell die chinesische Beamtenschaft auseinander zu nehmen: „Es sind die üblen Folgen der Negativauslese in der Beamtenschaft, des leeren, politisch korrekten Geschwätzes und der Missachtung von Tatsachen, die üblen Folgen des Verbots, die Wahrheit auszusprechen, die Verhinderung der Medien, den wahren Sachverhalt zu berichten, die wir jetzt auszubaden haben.“

Fang Fang: „Wuhan ist nicht die Vorhölle!“

Ihr deutlicher Ton findet immer mehr Anhänger. Sie veröffentlicht ihr „auf einem öffentlichen Account. 60 Tage lang bis zum 24. März berichtet sie eingeschlossen in ihrer eigenen Wohnung. Fang Fang erhebt ihre Stimme und ihr Wuhan-Tagebuch wird in der Zeit täglich von bis zu 100 Millionen Chinesen gelesen.

Denn Fang Fang schreibt über fehlende Schutzmasken für die Bevölkerung und die Wucherpreise, die sogar in Apotheken verlangt werden. Sie berichtet vom hilflosen Krankenhauspersonal, Eintrag vom 29. Januar: „Nie im Leben habe ich so überwältigende Gefühle von Trauer und Hilflosigkeit verspürt wie beim Betrachten der Videoaufnahmen von restlos erschöpften Ärzten und Schwestern und völlig am Boden zerstörten Patienten. Professor Chuan E von der Hubei-Universität gesteht mir, dass er jeden Tag einmal laut heulen möchte. Er spricht für uns alle.“ Und später: „Wuhan ist keineswegs die Vorhölle, als die sie sich manche vorstellen, sondern eine ruhige, schöne, sich mächtig und breit ausdehnende Stadt. Das Chaos beginnt, sobald jemand aus der eigenen Familie erkrankt.“

Corona: Eng, voll und ungelüftet – Gefahrenorte der Pandemie

Sie schreibt über eine junge Frau, die weinend einem Leichenwagen hinterher rennt. Darin liegt ihre Mutter. Es sei klar, dass die Frau die Mutter nicht nicht selbst bestatten darf. Sie werde noch nicht einmal erfahren, was mit der Asche ihrer Mutter passiert ist.

Wuhan ist einen Monat abgeriegelt, die Bürger kurz vorm Durchdrehen

Am 20. Februar, Wuhan ist nun fast einen Monat abgeriegelt, wird die Situation für die Bürger immer schlimmer: „Unter meinen Bekannten gibt es einige, die kurz vor dem Durchdrehen sind. Ich habe gehört, dass nicht wenige vorhaben, auf Biegen und Brechen das Haus zu verlassen.“

Die 65-jährige Fang Fang war vor der Epidemie eine renommierte und viel gelesene Schriftstellerin in China. Sie hat wichtige chinesische Literaturpreise erhalten, gilt als Mitbegründerin der literarischen Form des „Neorealismus“ und war bis zu ihrer Pensionierung 2016 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes ihrer Heimatprovinz Hubei. Doch dann kam der Ausbruch der Corona-Pandemie und aus der Pensionärin wurde für die Volksrepublik China eine unangenehme, eine gefährliche Autorin. Sie schreibt Sätze wie diesen am 24. Februar: „Ach je, die ganze Nation schaut auf Wuhan, und wir stolpern von einer Peinlichkeit in die nächste. Zum Haareraufen.“

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Am 26. Februar stellt Fang Fang fest: „Gestern gab es 401 bestätigte Neuinfektionen in Wuhan. Außerhalb Wuhans waren es in ganz Hubei nicht einmal 40, und im Rest des Landes waren es gerade mal zehn. Das heißt, dass das Virus bis auf Wuhan nun überall eingedämmt ist. Ich verstehe das einfach nicht. Seit der Abriegelung sitzen die meisten Bürger nun schon einen Monat zu Hause, woher kommen die ganzen Neuinfektionen?“ Fang Fang erzählt, dass sie eine befreundete Ärztin gefragt habe, die antwortete, dass es „viele tote Winkel“ gebe. Zum Beispiel Orte wie Pflegeheime oder Gefängnisse, denen habe man zunächst kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer übernimmt die Verantwortung für die Toten in Wuhan?

Zwei Wochen bevor die Sperrung der Stadt aufgehoben wird, werden Fragen nach Schuld und Verantwortlichkeit immer lauter. Hätte die Epidemie in Wuhan besser gemanagt werden können, hätte früher gehandelt werden müssen? Für Fang Fang ist am 9. März klar: „Ich sage an dieser Stelle klar und deutlich, das Eingeständnis von Fehlern und der freiwillige Rücktritt von Beamten der Provinz Hubei und der Stadt Wuhan müssen mit dem Parteisekretär und dem Direktor des Zentralkrankenhauses beginnen.“

Labor in Wuhan weist Verantwortung für Coronavirus-Ausbruch zurück
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In Chinas sozialen Medien wird Fang Fang währenddessen und auch heute noch angegriffen. Der Übersetzer Michael Kahn-Ackermann beschreibt die Situation vor Ort so: Angegriffen wird Fang Fang vor allem von Personen, die eine Art Flügel der Kommunistischen Partei bilden. „Sie mobilisieren junge Leute mit nationalistischen und teilweise antiwestlichen Parolen und bezeichnen sie als Linksextremistin.“ Dabei handele es sich vor allem um Leute, die in den sozialen Medien Einfluss haben. Von ihnen wird Fang Fang wegen ihres Tagebuchs und ihrer offenen Worte als „Vaterlandsverräterin“ beschimpft. „Es gibt auch Leute, die Fang Fang verteidigen, aber sie werden oft von der Zensur blockiert. Die Regierung und die Behörden haben bisher zur ganzen Angelegenheit nicht Stellung bezogen, jedenfalls nicht öffentlich“, erklärt Kahn-Ackermann.

Nach 60 Tagen in der gesperrten Stadt bedankt sich Fang Fang bei ihren Feinden

Fang Fangs Blogeinträge wurden hin und wieder gelöscht, aber da das Tagebuch immer wieder auch auf anderen Plattformen veröffentlicht wurde, war es praktisch die ganze Zeit im Netz zugänglich.

Am 24. März hinterlässt Fang Fang ihren letzten Eintrag in ihrem Online-Tagebuch, an diesem Tag ist klar, dass Wuhan am 8. April wieder geöffnet wird. Es ist ihr 60. Eintrag. Sie erzählt noch einmal von einer 28-jährigen Krankenschwester, die im Dienste der Stadt und für die Kranken selbst am Virus gestorben ist, und sie rechnete noch einmal mit ihren Feinden im Netz ab: „Besonderen Dank schulde ich den Linksextremisten, die Tag für Tag über mich herfallen. Hätten sie mich nicht angetrieben, hätte ein Faulpelz wie ich längst aufgehört, Tagebuch zu schreiben.“

An anderer Stelle wird sie noch deutlicher: „Der Linksextremismus ist ein Unglück für den Staat und ein Desaster für die Bevölkerung! Er ist das größte Hindernis für die Politik der Reform und Öffnung. Wenn man die skrupellosen Machenschaftender linksextremen Kräfte duldet und zulässt, dass dieses Virus die Gesellschaft infiziert, dann scheitert die Politik der Reform und Öffnung, dann hat China keine Zukunft.“

Zuletzt dankt Fang Fang ihren vielen Unterstützern, ohne die der Blog nicht hätte erscheinen können, weil immer wieder Plattformen und Einträge, die sie dann aber anderer Stelle, auf anderen Blogs und Webseiten veröffentlichen durfte.

Auf der ganzen Welt wurde und wird Fang Fangs Wuhan-Tagebuch diskutiert, Experten bezeichnen es als wichtiges Zeitdokument. In China wollten anfangs zwölf Verlage Fang Fangs Tagebuch als Buch herausgeben, sie haben alle ihre Angebote zurückgezogen.

In Deutschland wird das Buch im Verlag Hoffmann und Campe veröffentlicht, die Schweizer Literaturagentur Mohrbooks vermittelte.

Fang Fang: Wuhan Diary - Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann, 352 Seiten, 25 Euro, ISBN 978-3-455- 001039-8

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