Pandemie

Ende der Corona-Show? Donald Trump will sich rar machen

US-Präsident Trump hat in seinen Corona-Briefings ein Eigentor nach dem anderen geschossen. Nun tritt er offenbar den Rückzug an.

Trump: Corona-Pressekonferenzen sind "Zeit und Mühe nicht wert"

US-Präsident Donald Trump ist der Ansicht, seine täglichen Pressekonferenzen zur Corona-Krise seien seine Zeit nicht wert. Die Medien würden "Rekord-Einschaltquoten erhalten und das amerikanische Volk bekommt nichts als Fake News", schrieb der Präsident am Samstag im Onlinedienst Twitter. ANIMATED TWEET

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Washington. „Du musst den Leute etwas Hoffnung vermitteln. Aber Trump vermittelt normalerweise Zorn, Spaltung und `Wir sind das Opfer`”. Das Zitat könnte Tom Cole angesichts des notorisch rachsüchtigen Adressaten noch leidtun. Der Kongress-Abgeordnete aus Oklahoma gehört in der Coronavirus-Krise zu den ersten Republikanern, die öffentlich beklagen, was seit Wochen bei Konservativen unter der Oberfläche der Washingtoner Politik-Blase gärt: dass der Präsident der Vereinigten Staaten mit seinen seit Mitte März täglich über das Land hereingebrochenen Pressekonferenzen Amerika einen Bärendienst erweist.

Mehr noch: Angesichts der bitteren Realität von mittlerweile fast 55.000 Toten, fast einer Million Infektionen und bald 30 Millionen Arbeitslosen schade sich Trump mit seinen stundenlangen Live-Auftritten so massiv, dass seine Wiederwahl im November wackele.

Coronavirus: Trumps Umfragewerte sinken

Der Befund ergibt sich aus einer internen Untersuchung der republikanischen Parteizentrale (RNC), die sechs Monate vor dem Wahlgang in 17 strategisch wichtigen Bundesstaaten (unter anderem Michigan, Pennsylkvnia, Wisconsin, Arizona, Florida) den Puls gefühlt hat. Resultat laut US-Medien: Ohne ein zügiges wirtschaftliches Comeback der weitgehend noch immer zwangsstillgelegten Wirtschaft droht Trump am 3. November eine Niederlage.

Die Einschätzung korrespondiert mit Umfragen diverser Institute, die Trumps designierten Konkurrenten bei den Demokraten, Alt-Vizepräsident Joe Biden, in fast allen Schlüsselbundesstaaten außerhalb der Fehlermarge solcher Erhebungen vorn sehen. Und dass, obwohl der 77-Jährige wegen Corona kaum sichtbar ist und aus einem improvisierten TV-Studio in seinem Privathaus in Wilmington/Delaware via Internet nach Aufmerksamkeit sucht.

Nur jeder vierte Amerikaner traut Trumps Corona-Aussagen

Trump dagegen besitzt als Präsident das stärkste Megafon und die breiteste Plattform im ganzen Land. Durch seine oft erratischen Auftritte, die selten ohne Medienschelte und wissenschaftlich-medizinisch fragwürdige Ratschläge auskamen, hat Trump „zur allgemeinen Verunsicherung unnötig beigetragen”, sagen republikanische Analysten in Washington und verweisen auf jüngste Umfragen der Nachrichten-Agentur AP mit dem Norc-Institut der Universität von Chicago.

Lichttherapie oder Desinfektionsmittelinjektion für Corona-Patienten? Kopfschütteln über Trump
Lichttherapie oder Desinfektionsmittelinjektion für Corona-Patienten? Kopfschütteln über Trump

Danach halten nur 23 Prozent der Amerikaner die Corona-Angaben Trumps für glaubwürdig. Ein Wert, der mutmaßlich weiter sinkt, nachdem Trump Ende der Woche die Sache auf die Spitze trieb mit dem Hinweis, Corona könne womöglich mit Lichtbestrahlung oder der Injektion von hoch giftigen Desinfektionsmitteln geheilt werden.

Der Versuch des Präsidenten, den Irrläufer einzufangen und die Aussagen im Nachhinein als „sarkastisch” gemeint darzustellen, schlug fehl. Trump meinte, wie der exakte Wortlaut belegt, was er sagte. Nachdem die Fachwelt laut aufgeheult und die staatlichen Gesundheitsbehörden im Eilmeldungs-Ton vor der Einnahme von Bleichmitteln und anderen Selbst-Medikationen gewarnt hatten, nutzte Trump die Lage zum Einstieg in den Ausstieg.

Trump will Desinfektions-Äußerung nur "sarkastisch" gemeint haben
Trump will Desinfektions-Äußerung nur sarkastisch gemeint haben

Folgt Trump der dringenden Empfehlung seiner Berater?

„Was ist der Sinn von Pressekonferenzen im Weißen Haus, wenn die lahmarschigen Medien nichts als feindselige Fragen stellen und sich dann weigern, die Wahrheit oder Fakten genau zu berichten“, polterte Trump auf Twitter, die TV-Stationen bekämen durch seine Pressekonferenzen „Rekord-Einschaltquoten”, das Volk aber werde mit „Fake News” abgespeist. Fazit: Weder Zeit noch Mühe wert.

Erste Konsequenz: Am Wochenende fiel die Trump-Show aus. Und auch für die kommenden Wochen sei damit zu rechnen, dass Trump der dringenden Empfehlung wichtiger Berater folgt – und sich als oberster Corona-Erklärer rar macht.

Trump schießt bei Corona-Briefings zu viele Eigentore

Zuvor hatte das Nachrichten-Portal „Axios“ verbreitet, im Weißen Haus habe sich die Meinung festgesetzt, dass Trump mit den an Wahlkampfkundgebungen erinnernden Auftritten im Presse-Raum des Weißen Hauses zu viele Eigentore schießt. Ratsamer sei es, so der New Yorker Kongress-Abgeordnete Peter King (Republikaner), dass Trump sich auf „positive Entwicklungen” konzentriert und der Bevölkerung das Vertrauen gibt, dass die USA auf eine von Epidemiologen für Herbst/Winter erwartete zweite Corona-Welle besser vorbereitet sind als auf die erste.

Positiv könnte aus Sicht von Parteistrategen kommuniziert werden, was Trumps Chef-Epidemiologin Dr. Deborah Birx am Samstagabend erstmalig im US-Fernsehen erklärte. Sie rechnet damit, dass die Zahl der Corona-Schwerkranken, die notärztlicher Behandlung bedürfen, und Corona-Toten Ende Mai „dramatisch sinken” wird.

Seit Ende März starben in den USA täglich zwischen 1000 und 3000 Menschen an Corona. Zahlen, die aus Sicht von Wissenschaftlern vermeidbar gewesen wären, hätte die Regierung Trump in der Frühphase der Epidemie Ende Januar schneller reagiert und zum Beispiel Ausgehsperren verhängt. Alle wichtigen Entwicklungen zum Coronavirus in den USA im Newsblog.

Trump plant Nationalfeiertag mit Flugakrobaten

In dieser Gemengelage sucht der Präsident nach Gesten, die medienwirksam sind und einheitsstiftend wirken sollen. So ist „Operation America Strong” (etwa: Operation starkes Amerika) geboren worden. Ähnlich wie 2019, als Trump gegen viel Kritik den amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli in der Hauptstadt Washington zu einer umstrittenen Militär-Leistungsshow („Salute to America”) umfunktionieren ließ, soll das Pentagon patriotisch aufgeladene Symbolik am Himmel inszenieren.

Konkret: Im Luftraum über New York, Philadelphia, Chicago, New Orleans, Dallas, Atlanta, Portland, San Francisco, Los Angeles und anderen Ballungsräumen werden demnächst die Flugakrobaten der Marine und der Luftwaffe ihre Künste demonstrieren, um sich für die „nationale Einheit einzusetzen und den vielen Helfern im Gesundheitswesen Tribut zu zollen”, wie Trump es formuliert.

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