Covid-19

Coronavirus: Fake News können töten, warnt die EU

Kochsalz oder Bleichmittel als Arznei gegen das Coronavirus? Experten warnen vor Fake News, die auch von Regierungen verbreitet werden.

Coronavirus-Glossar: Begriffe, die Sie jetzt kennen sollten

Epidemie oder Pandemie? COVID-19 oder SARS-CoV-2? Infektionsketten oder Herdenimmunität? Im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus kommen wir schonmal mit Begriffen durcheinander.

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Berlin. In Corona-Zeiten kommen auch abgebrühte Fake-News-Fahnder ins Staunen: Corona ist angeblich harmlos und kann mit Kochsalzlösung in vier Tagen gestoppt werden. Das Virus ist aber auch eine von der Nato entwickelte biologische Waffe, mit der der Westen Krieg gegen andere Staaten führt.

Verschwörer einer globalen Elite wollen mit Covid-19 die Welt ins Chaos stürzen, die EU löst sich wegen Corona auf, erste Staaten stehen vor dem Zusammenbruch. Diese und andere Falschinformationen zur Pandemie haben Experten einer Cyber-Sondereinheit der EU in Brüssel im Internet gesammelt, analysiert und die Quellen ermittelt. Die erfundenen und frisierten Nachrichten sollen Angst verbreiten und das Publikum misstrauisch machen.

Was die Anti-Lügen-Einheit des Europäischen Auswärtigen Dienstes besonders alarmiert: Ein Teil der Fake News stammt aus staatlichen oder halbstaatlichen Quellen. Die Beamten sprechen in einer neuen Analyse von einer Desinformationskampagne russischer Staatsmedien und regierungsnaher Internetportale, beklagt wird ein deutlicher Anstieg entsprechender Falschnachrichten.

Über 100 einschlägige Publikationen aus Kreml-Nähe haben die Fahnder in den letzten Wochen registriert. Die Desinformation – auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Spanisch und Russisch – gefährde den Kampf gegen die Krankheit, erklären die Fahnder. Die Regierung in Moskau bestreitet eine Verantwortung und spricht von „Russenphobie“. Aber auch Nachrichten aus China werden zum Teil als gezielte Desinformation eingestuft.

Fake News zum Coronavirus: Desinformation kann töten, warnt die EU

Offizielle Stellen in Brüssel und Berlin sind höchst besorgt. Wer derart gefälschte Informationen zum Thema Corona verbreite, spiele mit Menschenleben, warnt der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell: „Desinformation kann töten“.

Im Bundesinnenministerium spricht der Parlamentarische Staatssekretär Stephan Mayer (CSU) von Erkenntnissen deutscher Sicherheitsbehörden, dass „Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gezielt aus dem Ausland gesteuert werden, um die Legitimität der Regierungen in EU-Staaten zu unterminieren“. Dies sei „gefährlich“, sagt Mayer unserer Redaktion.

Für die Anti-Lügen-Einheit der EU ist der Kampf gegen Fake News nichts Neues. Der Fokus der Beamten liegt auf russischer Propaganda, tausende Fälle haben sie in den vergangenen Jahren bereits dokumentiert. Doch in Corona-Zeiten nehme die Flut an gezielten Falschinformationen zu.

Drei Muster schälen sich nach Angaben der Experten seit Ende Januar heraus. Zum einen wird das Virus als Teil einer westlichen Kriegsführung beschrieben – mal ist es ein Krieg gegen China, mal gegen Russland oder Iran. So heißt es etwa, US-Präsident Donald Trump habe 250 Soldaten beauftragt, das Virus in China zu verbreiten. Es soll, wird auf einschlägigen Portalen fabuliert, aus Nato-Laboren stammen, aus einer britischen Giftküche oder aus dem Pentagon.

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Das Ziel von Fake News: Verwirrung stiften, Misstrauen säen

Dann wieder ist alles ganz harmlos, die Pandemie eine Lüge, ungefährlicher als die saisonale Wintergrippe. Händewaschen nütze aber nichts. Andererseits wird die Apokalypse beschworen, die Weltordnung werde gezielt auf den Kopf gestellt, beschlossen beim Weltwirtschaftsforum Ende Januar. Angesichts der Widersprüchlichkeit der Fake News gehe es nicht darum, eine Idee zu verbreiten, so die Analyse der EU-Experten.

Ziel sei es, Verwirrung zu stiften, mit immer neuen Lügen, Fälschungen oder gern auch verrückten Verschwörungstheorien. „Der Zweck der Desinformation ist, Misstrauen zu säen in staatliche Institutionen, Medien, Experten und das Gesundheitssystem“, heißt es in dem Report. „Die Solidarität, die in diesen Tagen so wichtig ist, soll unterminiert werden“.

Diese Gefahr sieht auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). In einem internen Papier warnt die Behörde, solche Kampagnen zielten darauf, die Situation in Deutschland zu destabilisieren – was aufgrund der hohen Unsicherheit in Zeiten der Pandemie einfacher sei als sonst.

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Sars-CoV-2: Donald Trump nennt es nur das „China-Virus“

Auch China steht im Verdacht, gezielt Desinformationen zu verbreiten. Chinesische Staatsmedien und Regierungsvertreter würden weiter nicht belegte Theorien über den Ursprung von Covid-19 verbreiten, warnt der Report der Fake-News-Fahnder. Ziel ist, die Verantwortung auf andere Staaten zu schieben – vor allem auf die USA.

Allerdings: US-Präsident Trump andererseits nennt Corona nur das „China-Virus“. Eine Rhetorik, die der EU-Außenbeauftragte Borrell auch als wenig hilfreich einstuft. Es gebe eine „globale Schlacht“ um die Darstellung der Pandemie, sagt Borrell. In Brüssel macht dabei der antieuropäische Sound Sorgen, der sich auch in Staatsmedien Russlands und China findet.

Besonders staatsnahe russische Medien verbreiten Berichte, die EU stehe kurz vor dem Kollaps. 40 Abgeordnete des EU-Parlaments haben sich fraktionsübergreifend in einem Brief an die Kommission gewandt und gewarnt, die EU solle destabilisiert werden. Die Kommission hat schon entschieden, die gegen Europa gerichteten Propaganda intensiver zu beoabachten – und zugleich die eigene Kommunikation zu verstärken.

Coronavirus: Rechtsextremisten nutzen die Pandemie für ihre Hetze

Unterhalb der staatlich gelenkten Desinformation macht Experten aber auch ein anderer Trend Sorgen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet derzeit, wie Rechtsextremisten die Pandemie für ihre Ideologie missbrauchen – und Verschwörungstheorien streuen, etwa darüber, dass Migranten angeblich verantwortlich für den Ausbruch der Krise seien.

Nach Recherchen unserer Redaktion propagieren extrem Rechte Portale „Merkels Ende“ aufgrund der Corona-Krise, andere verbreiten wilde Theorien, dass die Pandemie „von langer Hand geplant“ und ein „finanzfaschistischer Coup“ sei. Zugleich machen Akteure der Szene in sozialen Netzwerken Stimmung gegen angeblich mit Corona infizierte Asylbewerber, die „frei herumlaufen“ dürften.

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„Wir erleben, wie extremistische Gruppen die Pandemie missbrauchen und etwa krude Verschwörungstheorien verbreiten“, sagt Innen-Staatssekretär Mayer. Extreme Rechte machen in der Corona-Krise Stimmung gegen Migranten und behaupten, Flüchtlinge würden privilegiert behandelt und versorgt“. „Das ist eine bewusst gesteuerte Falschinformation“, sagt Mayer.

Corona-Krise: Facebook und Co. verdienen weiter an schädlichen Inhalten

In Brüssel sah sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterdessen zur Klarstellung veranlasst, dass Knoblauch und Vitamin C nicht gegen Corona helfen. Es zirkulierten „absurde Falschmeldungen“ zuhauf in sozialen Netzwerken, ärgert sich von der Leyen.

Alkohol und Koks verhindern angeblich eine Infektion, auch die Lebensmittelmärkte schließen jetzt – solche Nachrichten, von Nutzern der Netzwerke selbst produziert, verbreiten sich rasend schnell. Unzufrieden sind die EU-Experten da auch mit der Rolle von Online-Plattformen.

Auch wenn etwa Facebook angekündigt habe, entschieden gegen Verschwörungstheorien und Falschinformationen im Zusammenhang mit Corona vorzugehen – die großen Plattformen würden weiter an Desinformationen und schädlichen Inhalten verdienen.

Von der Leyen warnt, Menschen könnten schweren Schaden nehmen, wenn etwa suggeriert werde, das Trinken von Bleichmittel würde helfen. Beiträge zum Coronavirus in sozialen Netzwerken sollten besser zwei, dreimal geprüft werden, mahnt die EU-Kommission: „Seien Sie vorsichtig, nutzen Sie nur Medien, denen Sie vertrauen.“ Die Corona-Krise ist auch eine Zeit für Betrüger und Kriegsgewinnler.

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