Hilfsorganisationen

Wie deutsche Flüchtlingshelfer auf Lesbos bedroht werden

Viele Flüchtlingshelfer verlassen Lesbos, weil sie von wütenden Griechen bedroht werden. Isa (31) aus Deutschland will aber bleiben.

Gewalt gegen Flüchtlinge und Helfer auf Lesbos

Auf Lesbos leben derzeit rund 20.000 Flüchtlinge. Die gewalttätigen Übergriffe von Demonstranten aus dem rechten Lager häufen sich. Die Flüchtlingshelfer sind auch Ziel der Attacken.

Beschreibung anzeigen

Mytilini. Wer zu Isa will, muss ein paar Stufen runter, die Schuhe bitte ausziehen. Wenige Autominuten von Lärm und Schmutz im riesigen Flüchtlingslager Moria entfernt, in einem Souterrain in einer Nebenstraße, gibt es eine Art Oase für die Flüchtlinge von Lesbos.

So jedenfalls nennt Isa ihre kleine Einzimmerferienwohnung. Wer reinkommt, bekommt erst einmal schwarzen Tee. Dazu stellt die junge Frau noch ein Schälchen mit Schokolade und Keksen, bevor sie sich auf den Teppich setzt. An der Wand hängt eine Postkartengirlande: „Follow Jesus“ steht auf einer, „Bete!“ auf einer anderen.

Die lockigen Haare lose nach oben gebunden, in schwarzen Jeans und T-Shirt mit Superman-Logo sieht die 31-Jährige aus, als könnte sie auf dem Weg in die nächste Vorlesung sein. Tatsächlich gehört sie zu denen, die sich auf der griechischen Insel Lesbos, nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt, ehrenamtlich um Flüchtlinge kümmern. Und dabei viel riskieren.

Flüchtlinge an der Grenze: "Wir können hier nicht bleiben!"
Flüchtlinge an der Grenze- Wir können hier nicht bleiben!

Ihren vollen Namen will Isa nicht in veröffentlicht sehen, ebenso wenig den Namen der christlichen Organisation, für die sie auf der Insel ist. Nicht einmal die deutsche Großstadt, aus der sie kommt, soll auftauchen. Zu gefährlich. Denn für Helfer wie sie ist die Ägäis-Insel in den vergangenen Wochen zu einem riskanten Ort geworden. Seit Tagen berichten Hilfsorganisationen von Drohungen und gewalttätigen Übergriffen auf ihre Mitarbeiter. Schon einen Mietwagen zu fahren, kann reichen, um zum Ziel zu werden.

Flüchtlinge auf Lesbos: Helfergruppen sichern rudimentäre Versorgung

Wie viele Helfer auf der Insel sind, lässt sich schwer sagen – neben großen Akteuren wie Ärzte ohne Grenzen gibt es viele kleinere Gruppen, die sich um die Menschen in den Lagern kümmern. Der britische „Guardian“ zählte vor einer Weile mehr als 80. Sie sichern die rudimentäre medizinische Versorgung, kümmern sich um Neuankömmlinge im Camp, waschen Wäsche, um der Krätze-Epidemie entgegenzuwirken. Kurz: Sie versuchen, das Leben in den Lagern erträglicher zu machen.

Genau das aber hat ihnen den Zorn der griechischen Regierung und auch von Teilen der Inselbevölkerung eingebracht. Die Helfer, so das Argument, würden dazu beitragen, dass nur noch mehr Menschen kommen. Von einer regelrechten Hetzkampagne sprechen Beobachter.

Viele Organisationen haben deshalb ihre Helfer nach Hause geschickt. Diejenigen, die noch da sind, ziehen sich zurück, bleiben im Zweifel lieber in ihren Unterkünften. „Ich verurteile die Griechen nicht“, sagt Isa zu den Straßensperren, den Übergriffen, dem zeitweisen Chaos. „Aber die wütenden Menschen zusammen mit den faschistischen Gruppen – das ist eine sehr schlechte Kombination.“ In den vergangenen Tagen hatte es Übergriffe extremer Rechter gegen Flüchtlinge, Helfer und Journalisten gegeben.

Während sie spricht, klopft es. Eine vierköpfige Familie aus dem Iran steht vor der Tür zur Ferienwohnung – sie sind hier, um zu duschen. „Oh“, sagt Isa, „die wollte ich nachher abholen.“ Jetzt sind sie zu Fuß gekommen, macht nichts, Isa freut sich, dass sie da sind. „Wie geht’s?“, fragt Adil, der Vater, auf Deutsch. Ein paar Worte kann er, seit er Isa kennt. „Gut“, sagt Isa. Und auf Englisch: „Wollt ihr Tee?“ Wollen sie.

Die Menschen aus dem Flüchtlingscamp sind dankbar für eine Dusche

Wenn sie nicht selbst in Moria oder einem der anderen Lager unterwegs ist, kämen häufig Bewohner der Camps zu ihr. Um zu duschen, um für ein paar Stunden der Enge und dem Schmutz zu entkommen, um Wäsche zu waschen oder zu schlafen.

Während die Mutter der iranischen Familie den kleinen Sohn duscht, setzten sich Vater und Bruder mit auf den Teppich. Viele andere Möglichkeiten gibt es nicht: Von den drei schmalen Betten, die den Raum fast komplett ausfüllen, gehört eines Isa, in einem anderen schläft gerade eine Amerikanerin, die für eine Woche auf der Insel ist. Das dritte Bett und zwei Matratzen gehen an Leute, die es gerade brauchen. Insgesamt zu fünft oder zu sechst seien sie eigentlich jede Nacht, sagt Isa. Nur ab und zu, wenn sie ein bisschen Ruhe braucht, schickt sie alle für ein paar Stunden nach draußen.

Sebastian Kurz: "Organisierter Angriff auf Griechenland"
Sebastian Kurz- Organisierter Angriff auf Griechenland

„Ich dachte, wenn sie uns die Reifen zerstechen, bringen sie uns um“

Seit mittlerweile zwei Monaten ist Isa auf Lesbos, viel länger als ursprünglich geplant. Eigentlich ist sie Erziehungswissenschaftlerin. Aber auch in Deutschland arbeitet sie seit Jahren mit Flüchtlingen, hilft mit Anwälten, organisiert Unterkünfte. „Auf so einer Art Freelance-Basis“, wie sie sagt, getragen von einem Netz privater Spender. Die haben ihr auch den Aufenthalt auf Lesbos finanziert. Im November war sie zum ersten Mal auf der Insel, für eine Woche. Am letzten Tag war klar: Sie kommt wieder.

Die Rückkehr fiel in eine schwierige Zeit. Wie schnell die Stimmung ins Aggressive kippen kann, hat die blonde Frau selbst erlebt: An einem Abend Anfang Februar ist sie mit einem Freund und acht Geflüchteten im Auto unterwegs, als sie im Dorf Moria, von dem das Lager seinen Namen hat, in eine Demonstration von wütenden Anwohnern und Rechtsradikalen geraten.

Mit dem großen Auto, so erzählt es Isa, bleiben sie stecken in der Masse. Zu lange. Als die wütende Menge das deutsche Nummernschild sieht und versteht, wer im Bus sitzt, schlagen sie alle Scheiben ein. „Ich dachte, wenn sie uns die Reifen zerstechen, bringen sie uns um“, erinnert sich Isa. Nur knapp und mit waghalsigen Fahrmanövern im Rückwärtsgang seien sie davongekommen.

Der Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei
Der Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei

In ihrem Gesicht ist die Anspannung zu sehen

Sie erzählt das alles so, wie man eine absurde Anekdote von einer Reise erzählt. Doch in ihrem Gesicht ist die Anspannung zu lesen, auch in der Art, wie sie am Kragen ihres T-Shirts zieht, wann immer es um die Sicherheitslage auf der Insel geht. Dass an diesem Abend nicht mehr passiert ist, schreibt sie der Unterstützung von ganz oben zu: „Ich vertraue auf Gott.“ Auch wenn das Auto zerstört war, von den Insassen hätte niemand auch nur einen Kratzer gehabt. „Das ist sein Schutz.“

Isas Vertrauen in Gott ist stark: „Hätte ich meinen Glauben nicht, vielleicht würde ich mich durch die Situation auch verrückt machen lassen.“, sagt sie. „Das ist mein einziger Halt. Ich habe gerade keine Sicherheit draußen.“ Sie betet deswegen viel im Moment. Auch Familie und Freunde, die ihre Arbeit auf Lesbos unterstützen, würden viel beten in diesen Tagen.

Ein Grund zu gehen sind Vorfälle wie die zerschlagenen Scheiben für Isa aber nicht. Im Gegenteil, sagt sie. Gerade jetzt, wo viele die Insel verließen, sei es doch wichtig zu bleiben. „Wir dürfen nicht zu Opfern der Angst werden.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen