Emanzipation

Was wir von Finnlands neuer Regierung lernen können

Finnlands neue Regierung wird weiblich und jung. Doch nicht nur in der Politik spielen junge finnische Frauen eine wichtige Rolle.

Frauen an die Macht: Bildungsministerin Li Andersson, Innenministerin Maria Ohisalo, Ministerpräsidentin Sanna Marin und Finanzministerin Katri Kulmuni (v.l.).

Frauen an die Macht: Bildungsministerin Li Andersson, Innenministerin Maria Ohisalo, Ministerpräsidentin Sanna Marin und Finanzministerin Katri Kulmuni (v.l.).

Foto: Jussi Nukari / dpa

Stockholm.  Finnland vollzieht einen erstaunlichen Wandel. Die Ernennung der 34 Jahre alten Sozialdemokratin Sanna Marin zur jüngsten Regierungschefin weltweit kommt einer Zäsur in der lange von Altherrencliquen dominierten Machtelite des Landes gleich.

In der Wirtschaft wie in der Politik verpassten es jene Machtklüngel, das Land nach einem bilderbuchhaften Erfolgskurs an neue Herausforderungen anzupassen. Nun bekommen energische Frauen die Möglichkeit, ihr konjunkturell und strukturell angeknackstes Land wieder ganz nach vorne zu bringen.

Sanna Marin: Finnlands neue Regierungschefin wuchs mit zwei Müttern auf

Da ist zum einen Sanna Marin selbst. Die linke Sozialdemokratin mit dem jugendlichen Image ist in einer Regenbogenfamilie mit zwei Müttern aufgewachsen und schon seit ihren frühen Zwanzigern in der Politik. Sie ist in ihrer Familie die erste, die studierte: Verwaltungswissenschaften. Ihr ebenso jugendlich wirkender Ehemann mit dem Hipster-Schnurrbart sagte, er werde sich nun vor allem um die kleine Tochter Emma kümmern.

Immer wieder muss Marin derzeit die Frage nach ihrem Alter beantworten. „Ich habe, ehrlich gesagt, nie über mein Alter oder mein Geschlecht nachgedacht“, betonte sie. Es gehe ihr nur um Sachfragen. Und rein politisch ändert sich in Finnland ja eigentlich nichts, nur weil Ex-Verkehrsministerin Marin ihren Premier-Vorgänger und Parteimentor Antti Rinne aufgrund einer Koalitionskrise mit dem bürgerlichen Zentrum als Regierungschefin ablöst.

Finnland: Ex-Ministerpräsident wünscht sich junge Frauen an der Macht

Der bürgerliche Ex-Ministerpräsident Alexander Stubb betonte treffend, dass es irgendwann in Finnland so normal sein werde, dass junge Frauen an der Macht seien, dass darüber dann hoffentlich nicht mehr gesprochen werden müsse.

Finnlands Parlament wählt jüngste Regierungschefin der Welt
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In der Tat ist das Land, das unter seinen nordischen Nachbarn zu unrecht stets als Schlusslicht bei Fragen der Emanzipation und allgemein in Sachen Fortschrittlichkeit und wirtschaftlichen Erfolgs angesehen wurde, nun auf dem besten Weg dahin.

Das sind die neuen mächtigen Frauen Finnlands

Wer Marin mit den zumeist fast im gleichen Alter befindlichen, ausschließlich weiblichen Führern der Koalitionsparteien sieht, könnte annehmen, dass es sich um ein Klassentreffen handelt:

  • Da ist die erst 32-jährige Power-Chefin der Linkspartei, Li Andersson, deren Vater Jan-Erik ein anerkannter Performancekünstler der schwedischen Minderheit im Lande ist. Sie führt das Bildungsministerium.
  • Auch Finanzministerin Katri Kulmuni, Chefin der großen und häufig Regierungschefs stellenden bürgerlichen Zentrumspartei, ist erst 32. Sie stammt aus dem ländlichen nordfinnischen Lappland, bisher war sie Vizeministerpräsidentin und Chefin des Wirtschaftsministeriums.
  • Die nachdenkliche Vorsitzende der Grünen, Maria Ohisalo, wird mit ihren 34 Jahren weiter das Innenministerium leiten. Die Politikwissenschaftlerin ist Expertin für Armutsforschung und Obdachlosigkeit.
  • Die letzte in dem Fünferbund ist Justizministerin Anna-Maja Henriksson (55), Chefin der Schwedischen Volkspartei. Zusammen sind sie die erste Koalitionsregierung in der EU – vielleicht sogar weltweit–, die nur von Frauen geführt wird.

Gleichberechtigung wird in Finnland großgeschrieben

Auch im staatlichen Sektor und in der Wirtschaft tut sich einiges. Ohne eine Frauenquote lösen inzwischen immer mehr junge Frauen die in Rente gehenden männlichen Chefs ab. Ungewöhnlich viele junge Frauen sind Chefs von vielversprechenden Start-ups, die Finnland dringend braucht, um zum Beispiel die niedergehenden Papierexporte mittelfristig in der Wertschöpfungskapazität des Landes zu ersetzen.

Vielleicht hat die finnische Emanzipation auch mit dem harten Leben im kalten, dunklen, lange von verbreitetem Alkoholismus geprägten Land zu tun. Vielleicht waren es auch diese Umstände, die dazu führten, dass die Finnen das beste, auf Chancengleichheit abzielende Bildungssystem Europas errichtet haben.

In den finnischen Kindergärten und Schulen wird Gleichberechtigung großgeschrieben. Finnland führte 1906 als erstes Land Europas das Frauenwahlrecht ein. In der Schweiz etwa durften Frauen erst 1971 wählen, im Kanton Appenzell sogar erst 1990.

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