Meeresschutz

Länder fordern mehr Einsatz gegen herrenlose Fischernetze

Tausende verlorene Fischernetze vermüllen die Meere, gefährden Fische und Vögel. Die Umweltminister der Küstenländer wollen das ändern.

Ein Taucher von Greenpeace bringt einen GPS-Sender an einem sogenannten "Geisternetz" an.

Ein Taucher von Greenpeace bringt einen GPS-Sender an einem sogenannten "Geisternetz" an.

Foto: Justin Hofman / dpa

Berlin. Es reicht ein unerwarteter Sturm oder eine Kollision mit einem kleinen Sportboot, schon sind sie weg: Tausende Fischernetze gehen jedes Jahr auf See verloren. Als sogenannte Geisternetze treiben sie dann im Meer, verfangen sich am Meeresboden oder an Wracks – und fischen dabei immer weiter. Für Fische, Seevögel und andere Meerestiere werden sie zur tödlichen Falle.

Der Umweltverband WWF geht von 5000 Netzen oder Netzteilen aus, die jährlich allein in der Ostsee verloren gehen. Die Welternährungsorganisation (FAO) spricht sogar von bis zu 10.000 Netzen. Neben Plastikmüll wie Verpackungen machen die Netze einen erheblichen Teil des Müllproblems in den Meeren aus. Rund 30 Prozent des Mülls in der Nordsee lässt sich auf Fischerei zurückführen, in der Ostsee sind es rund sieben Prozent.

„In der Theorie sollen Fischer versuchen, verloren gegangene Netze selbst zu bergen“, sagt Jochen Lamp, der das Ostsee-Büro des Umweltverbands WWF leitet. Gehe das nicht, sollen sie das Netz als verloren gegangen melden. In der Praxis werde das aber kaum je gemacht, sagt Lamp. „Und selbst wenn ein Netz als verloren gemeldet wird, passiert nicht viel.“ Von 65 seit 2012 gemeldeten Netzen wurden laut Umweltbundesamt gerade einmal vier geborgen.

Geisternetze zersetzen sich erst nach bis zu 600 Jahren

Netze und Netzteile bleiben deshalb im Meer – und das für lange Zeit, denn modernes Fischereigerät besteht nicht mehr aus Hanf und Sisal, sondern aus langlebigen Kunstfasern wie Polyethylen und Nylon. Auf dem Meeresboden findet man deshalb 30, 40 Jahre alte Netze, sagt WWF-Experte Lamp. Ihre Bestandteile landen in Nestern von Seevögeln und in den Mägen von Tieren, die Teile der Netze mit Futter verwechseln.

Bis die Kunstfasern sich zersetzt haben, kann es nach Angaben von Greenpeace 600 Jahre dauern. Und selbst dann sind sie nicht aus dem Ökosystem verschwunden: Als Mikroplastik landen Kleinstteile der Netze im Ökosystem und schließlich auch auf dem Teller.

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„Geisternetze sind nicht nur in den Ozeanen ein Problem, sondern auch in Nord- und Ostsee“, sagt auch Jens Kerstan (Grüne), Hamburger Umweltsenator und Vorsitzender der Umweltministerkonferenz, unserer Redaktion. „Zum Beispiel Schweinswale sterben in den herrenlosen Fischernetzen regelmäßig einen qualvollen Tod.“ Plastikmüll aus der Fischerei trage nicht unwesentlich zur Verschmutzung der Meere bei, so Kerstan. „Deshalb wollen wir als Umweltminister erreichen, dass hier endlich mehr passiert bei der Überwachung, Bergung und Vermeidung von solchem Meeresmüll.“

Umweltminister der Länder wollen gegensteuern

Angeführt von Mecklenburg-Vorpommern wollen die Umweltminister der Küstenländer den Kampf gegen Geisternetze deshalb nun zur staatlichen Aufgabe machen. Bei der Umweltministerkonferenz in Hamburg, die an diesem Mittwoch beginnt, wollen Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen einen entsprechenden Vorschlag einbringen. Es sei „dringend erforderlich“, Geisternetzen als Teil des Problems mit Meeresmüll „mit Nachdruck entgegenzuwirken“, heißt es in dem Antrag, der unserer Redaktion vorliegt.

Die Zeit drängt – auch weil sich die EU-Staaten 2008 verpflichtet haben, die Meere vor ihren Küsten bis 2020 in einen guten Zustand zu bringen. Konkret fordern die Minister die Entwicklung umweltfreundlicher Methoden zur Markierung, Suche, Bergung und Entsorgung der Netze, in Zusammenarbeit mit der Fischerei, wie es heißt. Auch die Meldewege müssten verbessert werden – und die Entwicklung umweltfreundlicher Materialien.

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Wie das finanziert werden soll, ist unklar. Im Antrag heißt es nur, der Bund/Länder-Ausschuss Nord- und Ostsee solle mögliche Finanzierungsquellen, wie etwa den Europäischen Fischereifonds, prüfen. Über Projekte hinaus müsse man zu einer langfristig finanzierten Behandlung des Themas kommen.

Auf Projektbasis arbeitet derzeit der WWF an der Entdeckung und Bergung von Netzen. Seit 2014 testet die Organisation in der Ostsee, wie das Gerät am besten im Meer zu orten ist und an Land gebracht werden kann.

Die besten Ergebnisse habe man bis jetzt mit der Suche per Sonargerät gemacht, sagt Lamp. „Das wird an einem Boot durchs Wasser gezogen, man kann so etwa eine Quadratseemeile am Tag abdecken.“ Vor Rügen und von Kiel aus hat die Organisation, unterstützt von Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt, bis jetzt nach Geisternetzen gefischt. In Zukunft soll die Suche auch auf die Nordsee ausgedehnt werden.

Doch projektfinanzierte Arbeit von Nichtregierungsorganisationen kann laut WWF langfristig keine Lösung sein. Orientieren könnte man sich zum Beispiel an Norwegen, das das Umweltbundesamt als positives Beispiel nennt: Einmal im Jahr gebe es da eine große Bergungskampagne, durchgeführt und bezahlt von den Behörden.