Demonstrationen

Proteste in Chile – Woher kommt der Zorn im Anden-Paradies?

In Santiago de Chile und anderen chilenischen Städten tragen Jung und Alt ihren Frust auf die Straße. Was treibt die Menschen genau an?

Santiago vor wenigen Tagen: Ein regierungskritischer Demonstrant steht vor einer brennenden Barrikade.

Santiago vor wenigen Tagen: Ein regierungskritischer Demonstrant steht vor einer brennenden Barrikade.

Foto: Rodrigo Abd / dpa

Santiago.  Es ist 16 Uhr, als Cristián Talamilla den Lautsprecher anstellt und die Tischdecke geradezieht. In die Mitte des Tisches stellt er große Flaschen mit Wasser und Cola. Daneben legt er einen Stapel Fragebögen, um die sich an diesem sonnigen Nachmittag alles dreht.

Talamilla, kariertes Hemd und Schiebermütze, ist Aktivist in Valle Grande, einem Mittelklassevorort am nördlichen Stadtrand von Santiago, der Hauptstadt von Chile. Kleine Einfamilienhäuser, eine Feuerwehrstation und staubige Straßen prägen das Bild.

Der Chef einer Nachbarschaftsinitiative hat die Anwohner im kleinen Park des Vororts zu einem „Cabildo abierto“ zusammengerufen, einem „offenen Bürgerrat“. Die Cabildos sind spontane Treffen auf Stadtteilebene, in Betrieben, Unis und in Hausgemeinschaften. Sie finden derzeit überall in Chile statt.

Es ist nicht klar, ob Präsident Sebastián Piñera im Amt bleibt

In diesen aufgewühlten Tagen suchen die Menschen nach Orientierung und Ideen, wollen mitreden, mitgestalten und helfen, ein neues Gesellschaftsmodell für das südamerikanische Land zu entwerfen.

Es ist Tag 18 seit dem kollektiven Wutausbruch gegen das herrschende Sozial- und Wirtschaftsmodell. Entzündet hat sich die Rebellion am 18. Oktober an einer minimalen Erhöhung der U-Bahn-Ticketpreise. Aber es war die dritte Preisanpassung in diesem Jahr.

Und das in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen im Schnitt 500 Euro im Monat verdient und wo nicht nur der öffentliche Nahverkehr so viel kostet wie in Paris. So wurde aus dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, ein Tsunami, von dem noch nicht klar ist, ob er den konservativen Präsidenten Sebastián Piñera aus dem Amt spült.

Mehr als 20 Tote, über tausend Verletzte, Millionenschäden, zerstörte In­frastruktur und geplünderte Geschäfte sind bisher zu beklagen sowie das zerstörte Bild vom Musterland Lateinamerikas, das Piñera noch vor Kurzen als „Oase“ in der Region bezeichnet hat. Aber nun gleicht der schmale und lange Andenstaat mitunter einem Bürgerkriegsland, und der Präsident wirkt ratlos und überfordert.

In Santiago und anderen Städten gehen Jung und Alt auf die Straße

Erst hat er seine Landsleute als Vandalen beschimpft, wähnte sich im Krieg gegen sein Volk, dann folgten ein öffentliches Schuldeingeständnis, eine Kabinettsumbildung und schließlich zerknirscht die Absage des Asien-Pazifik-Wirtschaftsforums Mitte November und des Weltklimagipfels Anfang Dezember. Und Greta Thunberg, die schwedische Umweltaktivistin, sucht nun verzweifelt nach einer Reisegelegenheit von Nordamerika nach Madrid , dem Ersatzort für den Klimagipfel.

Chile ist blamiert, der Präsident schwer angeschlagen, aber der Aufruhr geht dennoch weiter. Man hat sogar den Eindruck, dass es gerade erst richtig anfängt. In Santiago und anderen Städten gehen Jung und Alt auf die Straßen, fordern Strukturreformen, kritisieren den harten Einsatz der Sicherheitskräfte und singen lauthals: „Chile despertó – Chile ist endlich erwacht.“

Die Menschen haben die Nase voll von einem Sozial- und Wirtschaftsmodell, das niedrige Löhne, hohe Lebenshaltungskosten, ein gewinnorientiertes Bildungs- und Gesundheitssystem sowie privatisierte Pensionskassen bedeutet und das für viele Chilenen längst unerschwinglich ist. Ein Modell, das aus den Zeiten der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 bis 1990) stammt und das in der Verfassung von 1980 festgeschrieben wurde.

Das südamerikanische Land war Versuchslabor der „Chicago-Boys“ um den Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman. Er verwandelte Chile in ein neoliberales Paradies, in dem die Privatwirtschaft alle Rechte, aber kaum Pflichten hat, Ressourcen nach Belieben ausbeuten darf und in dem sogar die Wasserversorgung privatisiert ist.

Rentner klagt über hohe Abgeordneten-Diäten

„Die Menschen fühlen sich ausgepresst, missbraucht und haben das Gefühl, vor lauter Gebühren, Kosten, und Abgaben nie auf einen grünen Zweig zu kommen“, fasst Talamilla die Stimmung zusammen.

In Valle Grande, im Norden der Hauptstadt, sind an diesem Nachmittag Lehrerinnen, Kleinunternehmer, ein junger Ingenieur, Mütter und Hausfrauen der Einladung zum „Cabildo abierto“ gefolgt. Die einen wollen bezahlbare Gesundheit, andere eine Reduzierung des Arbeitstages auf acht Stunden. Ein Rentner beklagt, dass die Abgeordneten Diäten von über 20.000 Dollar im Monat beziehen.

Und alle gemeinsam drückt die hohe Verschuldung. Es ist kurz nach 18 Uhr, als Talamilla die Fragebögen wieder einsammelt und die Nachbarn aus Valle Grande ermahnt, am Ball zu bleiben. „Die Regierung setzt auf die Ermüdung der Bewegung. Aber denkt dran: ,Chile despertó – Chile ist endlich erwacht.‘“ Für kommenden Sonnabend ruft er die Leute wieder zusammen.