US-Politik

Giuliani: Trumps Kettenhund wird zur Gefahr für Präsidenten

News Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani ist seit 40 Jahren Vertrauter Donald Trumps. Nun könnte er dem Präsidenten gefährlich werden.

Der Republikaner Rudy Giuliani war von 1994 bis 2001 Bürgermeister der Stadt New York.

Der Republikaner Rudy Giuliani war von 1994 bis 2001 Bürgermeister der Stadt New York.

Foto: Keiko Hiromivia www.imago-images.de / imago images / AFLO

Washington. Abgesehen von sich selbst liebt Donald Trump nichts mehr als Menschen, die für ihn im Fernsehen den Kettenhund geben und alles wegbeißen, was dem Präsidenten zum Nachteil gereichen könnte.

Rudy Giuliani, ehedem amerikanischer Nationalheld wegen unermüdlich mentaltrainerhafter Auftritte als Bürgermeister von New York im Trümmerfeld der Terror-Anschläge vom 11. September 2001, hat sich in dieser Rolle bis zuletzt von niemandem überbieten lassen.

Giuliani suchte in der Ukraine nach „Schmutz“ gegen Joe Biden

In der Ukraine-Affäre legte der Privat-Anwalt des Präsidenten im TV einen rumpelstilzchenhaften Auftritten nach dem anderen hin, um am „Gerichtshof des Volkes” seinen prominentesten Mandanten vor der immer realer werdenden Gefahr eines Amtsenthebungsverfahrens zu immunisieren.

Dabei war es Giuliani persönlich, der in der Ukraine quasi als Trumps Generalbevollmächtigter unterwegs war, um nach wahltaktisch verwertbarem “Schmutz” gegen dessen zurzeit aussichtsreichsten demokratischen Herausforderer für 2020, Alt-Vize-Präsident Joe Biden, zu suchen.

Giulianis dubiose Aktivitäten werden unters Brennglas gelegt

Seit einigen Tagen ist das Piranha-Lächeln des 71-Jährigen von der Mattscheibe so gut wie verschwunden. Die Staatsanwaltschaft in New York und diverse Kongress-Ausschüsse legen Giulianis dubiose Aktivitäten für Trump in der ehemaligen Sowjet-Republik unters Brennglas. Was dort bislang zum Vorschein gekommen ist, darf man so übersetzen: Der Kettenhund wird zur Gefahr für sein Herrchen.

Diesmal sind es keine anonymisierten Quellen, die Giuliani de facto krimineller Machenschaften bezichtigen. Sondern parteiübergreifend anerkannte Karriere-Diplomaten, die unter Eid das Bild einer Schatten-Diplomatie zeichnen. Marie Yovanovitsch, die im Frühjahr geschasste US-Botschafterin in Kiew. Fiona Hill, die Top-Russland-Beraterin Trumps bis zu ihrem Ausscheiden im Sommer. William Taylor, der aus dem Ruhestand zurückgeholte Interims-Nachfolger von Yovanovitch.

Giuliani sei „Mafia-ähnlichen consigliere“

Sie und andere haben in nicht-öffentlichen Vernehmungen Dutzende Gespräche und Aktionen geschildert, die Giuliani als Mafia-ähnlichen consigliere erscheinen lassen, der in Kiew nichts unversucht ließ, um Biden und dessen Sohn Hunter, der dort bei einem Gas-Konzern im Aufsichtsrat saß, am Zeug zu flicken.

Yovanovitsch ging so weit und erklärte, dass ihr Kampf gegen die Korruption in der Ukraine Giuliani aus wirtschaftlichen Beweggründen ein Dorn im Auge gewesen sei und sie maßgeblich auf sein Betreiben abrupt abberufen worden sei. Außerdem wollte Giuliani von dem kürzlich in Kiew entlassenen Generalstaatsanwalt Jurij Lutsenko belastendes Material gegen die Bidens. Lutsenko lieferte aber nicht. Weil die Bidens nach ukrainischem Recht nichts Verbotenes getan hätten, sagte er im US-Fernsehen.

Giuliani lancierte Korruptionsgerüchte über die Bidens

Zuletzt kam heraus, dass Giuliani mit zwei zwielichtigen Geschäftsleuten kooperierte und sich von ihnen fürstlich bezahlen ließ, die in der Ukraine Türen öffneten und daran beteiligt waren, Korruptionsgerüchte über die Bidens zu lancieren. Lev Parnas und Igor Fruman wurden in Washington am Flughafen verhaftet, als sie sich mit One-Way-Tickets nach Wien absetzen wollten.

Giuliani streitet jedes Fehlverhalten ab und prophezeit, dass er am Ende der “Held” sein werde. Wird Giuliani mit den Lücken seiner Biden-Saga konfrontiert, rutscht dem kleinen Mann rhetorisch gerne die Zunge aus. “Halt`s Maul, Du Schwachkopf”, bekam neulich vor laufender Fernseh-Kamera ein Kritiker zu hören.

Giuliani wollte einst selbst ins Weiße Haus

Im Außenministerium hat man die Gefahr erkannt. Minister Mike Pompeo, Trumps engster im Kabinett Verbündeter, ließ erklären, dass Giuliani nicht im Auftrag des State Departement tätig sei. Unter Diplomaten dort herrscht die Auffassung, dass erst Giuliani Trump “den Floh mit den Bidens ins Ohr gesetzt hat“. Obwohl die dahinter stehenden Verschwörungstheorie, so Trumps Ex-Berater Tom Bossert, “längst begraben war”. Drastisches Zitat eines Diplomaten: “Giuliani hat den Kopf des Präsidenten mit Scheiße gefüllt.” Dabei hatte Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton schon vor einiger Zeit gewarnt: Giuliani sei eine „Handgranate”, die jeden in die Luft jagen werde.

Giuliani, ein Mann, den Trump seit 40 Jahren kennt, wollte vor über einem Jahrzehnt selber ganz nach oben. Die Republikaner zeigten dem geborenen Brooklyner, der mit einer Beratungs- und Sicherheitsfirma weltweit Millionen verdiente, 2007 jedoch die kalte Schulter. Sie gaben Senator John McCain das Bewerber-Ticket fürs Weiße Haus, welches am Ende ein anderer löste: Barack Obama.

Giuliani wollte unter Trump Außenminister werden

Giuliani, den die britische Queen nach 9/11 zum “Sir” schlug und den das Time-Magazin zum „Mann des Jahres” kürte, hat das nie richtig verwunden. Denn Rudolph William Louis Giuliani III hält große Stücke auf sich. Immer.

Als sein alter Weggefährte Donald J. Trump 2015 Anlauf in Richtung Weißes Haus nahm, witterte er Morgenluft und ein Plätzchen im Rampenlicht. Er wollte Außenminister werden. Trump nahm den Öl-Manager Rex Tillerson. Als sich Giuliani nicht mit den angebotenen Alternativ-Top-Posten bei Heimatschutz und Justiz abspeisen lies, ging ein Aufatmen durchs Weiße Haus. “Ein Egozentriker weniger.”

Noch hält Trump zu Giuliani

Aber Giuliani wäre nicht Giuliani und Trump nicht Trump, wenn sich die beiden nicht wiedergefunden hätten. Als sich die Ermittlungen von Ex-FBI-Chef Robert Mueller in der Russland-Affäre 2018 wie eine stationäre Unwetterwolke über Trumps Präsidentschaft festsetzte, rutschte “mein Rudy”, wie Trump seinen Kalfaktor nennt, wieder ins Team. Funktion: Privat-Anwalt mit ausgeprägtem Selbstdarsteller-Drang, der auch in der Ukraine-Affäre Wellen erzeugt statt Wogen zu glätten.

Bisher hält der Präsident, der noch jeden Gefährten irgendwann fallen ließ, seine schützende Hand über Giuliani. Der bedankt mit: “Donald Trump ist loyal zu mir.” Welche Halbwertzeit dieser Satz hat? Die öffentlichen Anhörungen im Impeachment-Verfahren werden es bald zeigen.

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