Kriminalität

Wie die Mafia Druck auf deutsche Gastwirte ausübt

Billiges Olivenöl – teuer verkauft. Und Gastronomen, die unter Druck gesetzt werden. Bundesregierung warnt vor Machenschaften der Mafia

Die 'Ndrangheta – Italiens mächtigster Mafia-Clan

Die kalabrische 'Ndrangheta gilt als mächtigste Mafia Italiens. Keine andere Gruppe ist in Deutschland so aktiv. Ihr wichtigstes Geschäft ist der Kokain-Schmuggel.

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Berlin. An einem späten Februartag 2016 ist Giuseppe S. in einem Auto unterwegs nach Deutschland. Er ist am Telefon und spricht über seine Pläne. S. wolle stärker in Deutschland investieren. Etwa mit Olivenöl und Wein handeln. Typisch italienische Produkte. Gerade sei er auf dem Weg, um mögliche Kunden zu treffen. Außerdem wolle Giuseppe S. Geld aus früheren Lieferungen nach Deutschland abholen.

Was S. nicht weiß: Die italienischen Sicherheitsbehörden hören mit. Sie haben den Wagen verwanzt und hören sein Telefon ab. Denn für die Ermittler ist Giuseppe S. ein ranghohes Mitglied des Farao-Marincola-Clans der kalabrischen Ndrangheta, eine der schlagkräftigsten Mafia-Gruppen Italiens.

Ein Kontaktmann des Giuseppe S. war Mario L., ein jahrelang bekannter Promi-Wirt aus Stuttgart. Ihm gehörte das „Da Mario“, eine Pizzeria, die viele Male auch die CDU-Landtagsfraktion belieferte. Zeitweise soll Mario L. laut Ermittlungsakten fast 150 Restaurants in Süddeutschland besessen haben.

Mafia: 169 Festnahmen, lange Haftstrafen

An einem Januarmorgen 2018 nehmen Fahnder der Polizei Mario L. fest. Die Operation „Stige“ der deutschen und italienischen Sicherheitsbehörden geht in die offene Phase. „Stige“ ist italienisch für den Unterweltfluss Styx, insgesamt 169 Personen nehmen die Ermittler an diesem Tag fest.

Vor wenigen Wochen verurteilt ein italienisches Gericht Mario L. zu fast elf Jahren Haft. Auch er ist laut Gericht Mitglied der Ndrangheta.

Die Mafia-Gruppe aus Kalabrien ist laut Experten wie Sandro Mattioli seit Jahren auch in Deutschland aktiv, investiert in Immobilien, Restaurants, Hotel, handelt mit Kokain und Schwarzarbeitern. Und die Ndrangheta wäscht Geld. Auch in Deutschland.

Fast 60 Kugeln, sechs Menschen sterben

Mattioli setzt sich seit vielen Jahren in seinem Verein „Mafia? Nein Danke!“ gegen die Machenschaften krimineller Gruppen ein. Mit umfangreichen Recherchen konnte er Akten der italienischen Ermittler einsehen, in denen auch das Telefonat von Giuseppe S. dokumentiert ist.

Mit vielem verbindet man Mafiagruppen: Drogenschmuggel, Handel mit Immobilien oder auch Waffen. Und das schon länger. 2007, Duisburg: Männer der Ndrangheta erschießen mit fast 60 Kugeln aus Schnellfeuerwaffen sechs Mitglieder einer verfeindeten Familie .

Dezember 2018: Vier Jahre lang hatten Ermittler eine Gruppe der Ndrangheta ins Visier genommen, in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Belgien. Der Vorwurf: Rauschgifthandel. 84 Verdächtige nahm die Polizei fest.

Es sind Einzelfälle, die für Aufsehen sorgen. Doch es sind seltene Erfolge, die die Ermittler feiern. Jedes Jahr führt die deutsche Polizei mehr als 500 Verfahren gegen organisierte kriminelle Banden, davon meist nur ein gutes Dutzend gegen die italienische Mafia: darunter die Ndrangheta, die Camorra, die Cosa Nostra.

Geschäftsmodell „Agro-Mafia“

Und ein Geschäftszweig der italienischen Mafia findet kaum Beachtung: Der Handel mit Lebensmitteln. Die sogenannte „Agro-Mafia“.

„Der Lebensmittelmarkt ist sehr attraktiv für die Mafia“, sagt Michele Riccardi, der an der Universität von Mailand zur organisierten Kriminalität forscht, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die Mafia kann einen ganzen Wirtschaftszweig kontrollieren, von der Feldwirtschaft über den Einzelhandel bis zur Versorgung von Restaurants.“

Netzwerke der kriminellen Gruppen aus Italien würden nicht nur nach Deutschland reichen, sondern auch nach Spanien, England, Slowakei und etwa Rumänien.

Mafia mit Umsatz von 15 Milliarden Euro?

Ein Bericht der Polizei in Baden-Württemberg zur Organisierten Kriminalität aus 2016 zitiert aus Untersuchungen des italienischen Bauernverbandes und Forschungen des Instituts Eurispes in Rom. Demnach hat die Agro-Mafia „in Italien seit der Wirtschaftskrise deutlich an Bedeutung zugenommen“. Der Umsatz stieg „kontinuierlich an und beträgt aktuell rund 15 Milliarden Euro“.

Riccardi berichtet, dass Mafia-Gruppen in Süditalien große Lebensmittelmärkte unter ihrer Herrschaft haben. Sie besitzen zudem Import-Export-Firmen für den Transport der Waren. „Diese Märkte und Firmen funktionieren als Logistik auch für andere Geschäfte etwa mit Drogen oder Waffen.“ Restaurants und Lebensmittelgeschäfte dienen dann wiederum dazu, das Geld aus Drogen- und Waffenhandel zu waschen.

Experte: Mafia-Gruppen greifen EU-Geld ab

Fabrizio Rella von der italienischen Guardia di Finanza hebt im Gespräch mit unserer Redaktion hervor: „Kriminelle Gruppen stellen billig Olivenöl her, etikettieren es um, verkaufen das Öl teuer im europäischen Ausland.“ Teilweise würden die Mafia-Gruppen sogar Subventionen von der EU erhalten. „Mit Hilfe von gefälschten Anträgen für Agrarwirtschaft“, sagt Rella von der italienischen Finanzpolizei.

Und auch die Bundesregierung warnt vor den illegalen Machenschaften der Lebensmittel-Mafia. Für organisierte Kriminelle stelle „der Handel mit minderwertigen Agrarerzeugnissen und Lebensmitteln ein Betätigungsfeld dar, in dem hohe Gewinne erzielt werden können“, schreibt das Innenministerium in einer Antwort auf Anfrage der Grünen im Bundestag, die unserer Redaktion vorliegt. „Das Entdeckungsrisiko sowie die Strafandrohung für die Agierenden sind vergleichsweise gering.“

Gastronomen werden genötigt

Sowohl in Ermittlungsverfahren als auch in Analysen der italienischen Sicherheitsbehörden konnte die Bundesregierung Wissen über die Aktivitäten der „Agro-Mafia“ in Deutschland gewinnen. Die kriminellen Banden würden demnach „gefälschte oder minderwertige Agrarerzeugnisse oder Lebensmittel in den Vertrieb bringen“ und „Gastronomiebetriebe zur Abnahme genötigt werden“, schreibt das Innenministerium. Diese Straftaten rechnet die Bundesregierung der Italienischen Organisierten Kriminalität zu – der IOK.

Und auch die Regierung schreibt, dass die Polizei bei Kontrollen und in Ermittlungen herausgefunden hat, dass die Mafia ihre Infrastruktur des Lebensmittelhandels „zum Transport anderer illegaler Güter“ nutzt. „Zumeist handelte es sich um den Transport von Rauschgift, welches in legaler Ladung wie beispielsweise Obst in Containern oder Lkw versteckt wird.“

Das Dunkelfeld der Mafia ist groß

Wie hoch der Schaden durch die illegalen Mafia-Geschäfte mit Lebensmitteln in Deutschland ist, kann die Bundesregierung nicht sagen. Überhaupt gilt für die organisierte Kriminalität: Die Sicherheitsbehörden können das Ausmaß der Straftaten oft nur schätzen, das Dunkelfeld ist riesig. Auch Experten wie Mattioli und Riccardi kennen keine Zahlen. Sie lassen sich nur erahnen. Sicherheitsleute schätzen, dass die ‘Ndrangheta mit all ihren „Geschäftszweigen“ jährlich einen weltweiten Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro erzielt.

Mehrere große Verfahren sind bekannt: etwa 2017, als die italienische Polizei gegen einen Ndrangheta-Clan ermittelte, der mit dem Export von Olivenöl in die USA betrogen haben soll.

Der mittlerweile verurteilte Giuseppe S., dessen Telefon die italienische Polizei abhörte, soll in seinen Heimatorten in Kalabrien laut Ermittler ein Monopol aufgebaut haben. Ihm gehörten Fischereiflotten, mehrere Firmen, eine Badeanstalt, die erst „Nini Prince“ und später „Nick Beach“ hieß.

Nicht nur im Lebensmittelhandel und Tourismus war S. unterwegs, er stieg laut Berichten italienischer Medien auch ins Müllgeschäft ein. Mithilfe von „Mafia-Methoden“ habe er die lokalen Behörden erpresst. So baute er seine Macht auf – die ihn bis nach Deutschland führte.

Mafia baut seit Jahrzehnten Geschäfte in Deutschland auf

Rund 20 Gruppierungen – sogenannte „Locale“ – der kalabrischen Ndrangheta sind nach Angaben der Sicherheitsbehörden in Deutschland aktiv, rund 350 Personen. Seit den 1970er-Jahren baut sie ihre Macht auch hierzulande auf.

Restaurants dienen laut Bundesregierung als „logistischer Stützpunkt“ sowie als „Unterschlupf und Arbeitsmöglichkeit“ für Mafiosi, die vor der Polizei oder anderen kriminellen Organisationen aus Italien fliehen. Keine der italienischen Mafia-Gruppen ist laut Sicherheitsbehörden so stark in Deutschland vernetzt wie die Ndrangheta.

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic, fordert nun von der Bundesregierung einen stärkeren Einsatz im Kampf gegen die Mafia-Strukturen in Deutschland. „Der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität ist kein Sprint, sondern ein Marathon, daher müssen die Sicherheitsbehörden unbedingt personell und materiell in die Lage versetzt werden auch langwierige und komplexe Ermittlungen durchzuführen“, sagt Mihalic unserer Redaktion.

Grüne fordern „präventive Maßnahmen“

Auch müssten „präventive Maßnahmen“ ergriffen werden. Mihalic: „So könnten zum Beispiel speziell zugeschnittene Beratungs- und Hilfsangebote bedrohte Gastronominnen und Gastronomen unterstützen.“

Aus Sicht des Mafia-Forschers Riccardi von der Universität Mailand sollten sich die Sicherheitsbehörden in Europa im Kampf gegen die Mafia stärker auf die illegalen Geldströme konzentrieren. „Die Behörden müssen stärker in Deliktsfeldern wie Dokumentenfälschungen, Steuerbetrug und Korruption ermitteln.“

Gerade Deutschland ist laut Riccardi anfällig für Korruption. Denn: In keinem europäischen Land ist der Anteil des Bargeldgeschäfts so hoch wie hier. Die Deutschen zahlen laut Medienberichten drei von vier Einkäufen in bar. Und Bargeld hinterlässt weniger Spuren als etwa Bankgeschäfte oder Kreditkartenzahlungen.

„Wäre ich Mafioso, würde ich in Deutschland investieren“

Deutschland, so sagen es Experten, ist auch aus diesen Gründen ein „Innovationsraum“ für organisierte Kriminelle. Bei einer Tagung des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) zum Thema Geldwäsche trafen sich in der vergangenen Woche Staatsanwälte, Wissenschaftler und Polizisten bei Köln und diskutierten über die Aktivitäten der organisierten Kriminellen.

Der Kampf gegen Geldwäsche geht in Deutschland nur mühsam voran. Seit wenigen Jahren ist nicht mehr die Polizei, sondern der Zoll verantwortlich für die Bearbeitungen von Betrugsmeldungen gegen mutmaßliche Geldwäscher. Doch die Behörde steht seit Beginn ihrer Arbeit scharf in der Kritik, etliche Meldungen bleiben lange unbearbeitet.

Einen Vortrag bei den Kriminalbeamten hielt auch der bekannte italienische Mafia-Jäger Roberto Scarpinato. Er prägte schon vor Jahren den Satz: „Wäre ich Mafioso, würde ich in Deutschland investieren.“ Viel geändert, sagt er, habe sich daran bis heute nicht.