Ex-US-Präsident

Jimmy Carter: Der gütige Zauderer feiert seinen 95.

| Lesedauer: 7 Minuten
Dirk Hautkapp
Jimmy Carter, der 39. Präsident der Vereinigten Staaten, besucht regelmäßig die Maranatha-Kirche seines Geburtsortes Plains – einer kleinen Stadt im Bundesstaat Georgia.

Jimmy Carter, der 39. Präsident der Vereinigten Staaten, besucht regelmäßig die Maranatha-Kirche seines Geburtsortes Plains – einer kleinen Stadt im Bundesstaat Georgia.

Foto: Curtis Comptonvia www.imago-images.de / imago images / ZUMA Press

Jimmy Carter setzte sich in seiner Zeit als US-Präsident für Themen ein, die heute aktueller denn je sind – und ist gefragter Ratgeber.

Washington. Jimmy Carter, der älteste lebende US-Präsident, feiert seinen 95. Geburtstag. Rund 40 Jahre nach seiner Abwahl wird er verehrt wie noch nie – das liegt auch am aktuellen Amtsinhaber.

Als James Earl Carter 1981 nach der Niederlage gegen Ronald Reagan im Weißen Haus die Koffer packte, überreichte ihm sein Stab als Abschiedsgeschenk einen Werkzeugkasten mit Hammer, Hobel und Holzleim.

Jimmy Carter zimmert für sozial Schwache

Carter tischlerte damit auf der heimischen Erdnuss-Farm im 650-Einwohner zählenden Südstaaten-Dorf Plains/Georgia ein neues Ehebett. Und so manche Wiege für die Enkelkinder.

Später stellte Carter, der früh Jimmy gerufen wurde, seine handwerklichen Fähigkeiten und seinen Gemeinsinn in den Dienst von „Habitat for Humanity“. Die Hilfs-Organisation zimmert weltweit sozial Schwachen ein Dach über den Kopf. Seit 1984 nimmt Carter sich dafür einmal im Jahr eine Woche Zeit.

Carters Kampf gegen den Krebs

Nächste Woche ist er in „Park Preserve” auf Montage, ein sozialer Brennpunkt in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen, darunter die Country-Stars Garth Brooks und Trisha Yearwood, setzen Carter und seine seit 73 Jahren angetraute Gattin Rosalynn Schutzbrille und Helm auf und legen beim Häuserbau mit Hand an. Solange die Kraft reicht.

Jimmy Carter überlebte vor fünf Jahren eine schwere Krebserkrankung. Im vergangenen Frühjahr folgte nach einem Sturz zu Hause, wo er seine Siebensachen für die Truthahnjagd zusammensuchte, eine Hüft-Operation.

Kirchengänger, der den großen Rummel hasst

Der Mann mit dem ansteckenden Lachen wird mit Abstand der Älteste auf der Baustelle sein. Amerikas 39. Präsident feiert am 1. Oktober seinen 95. Geburtstag. Ein großes Fest, gar einen Empfang in Washington wird es nicht geben.

Carter, der gottgefällige Baptist, der regelmäßig in der Maranatha-Kirche von Plains sonntags Bibelstunden gibt, hasst den großen Bahnhof, wenn es um die eigene Person geht.

Trump hält er für ein „Desaster“

Auch darum wird der Sohn eines Kaufmanns und einer Krankenschwester, der den Einsatz für Menschenrechte und die Dritte Welt zu seinem Lebensinhalt gemacht hat und 2002 dafür den Friedensnobelpreis erhielt, heute mehr denn je geschätzt: Als Beispiel für Dezenz, Standhaftigkeit und Moral. In unmoralischen Zeiten.

Seit Donald Trump regiert, den er für ein „Desaster” und unrechtmäßig durch russische Tricksereien an die Macht gekommen hält (und trotzdem für ihn betet), ist Carters Autorität noch einmal gewachsen.

Während sich der Amtsinhaber ermächtigt fühlt, Frauen nach Gusto zwischen die Beine zu greifen, erschöpfen sich Carters außereheliche Eskapaden in dem nach der Goldenen Hochzeit abgelegten Geständnis, früher „lüsterne Gedanken” an fremde Frauen verschwendet zu haben.

Sein Weg zum mächtigesten Mann der Welt

Carter hat über 30 Bücher geschrieben. Trump liest keine Bücher. Wie kam Amerika überhaupt zu Jimmy Carter?

Nach dem Albtraum von Vietnam und Nixons Machtwahn im Watergate-Skandal sucht die traumatisierte Nation nach Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Bodenständigkeit an der Spitze. Und nach Integrität.

U-Bootfahrer und Nuklear-Ingenieur

Niemand verkörperte diese Eigenschaften 1977 damals authentischer als der abseits des Washingtoner Klüngels groß gewordene Provinzpolitiker, der es in Georgia zum Gouverneur brachte.

Carter, Unterseebootfahrer und Nuklear-Ingenieur mit Abschluss an der renommierten Militär-Akademie in Annapolis, bezwang den Republikaner Gerald Ford. Schon kurz danach ging es mit seiner Präsidentschaft bergab.

Unvergessene Rede in der Ölkrise

Zu zaudernd, zu pedantisch und am Ende zu glücklos agierte der in eigenen Reihen belächelte Demokrat, der seine erste Fernseh-Ansprache an die Nation in einer Strickjacke hielt.

Dass er 1979 auf dem Höhepunkt der Wirtschafts-Malaise mit hohen Öl-Preisen und galoppierender Inflation etwas sehr Unamerikanisches tat und seinem Volk die Leviten las, ist unvergessen: „In einer Nation, die stolz war auf harte Arbeit, starke Familien, eng zusammenhaltende Gemeinschaften und den Glauben an Gott“, sagte Carter, „neigen nun zu viele von uns dazu, Genusssucht und Konsum anzubeten.“

Innenpolitische Pleiten und außenpolitische Nadelstiche

Politischer Selbstmord. Aus Überzeugung. Carters enger Berater Stuart Eizenstadt: „Sein wichtigster Charakterzug war, dass er selbst hartnäckige Probleme unabhängig von der Frage anging, welchen politischen Preis er dafür zahlen musste.“

Zu den innenpolitischen Pleiten kamen außenpolitische Nadelstiche, die das Bild des Versagers zementierten. Die Sowjetunion marschierte in Afghanistan ein. Und der Iran nahm die US-Botschaft in Teheran in Geiselhaft. Eine Befreiungsaktion misslang kläglich.

Carter betete historischen Friedensschluss herbei

Erst unter Reagan wurde die Krise gelöst – nach 444 Tagen, demütigenden Tagen. Zu lange, um Carters Pluspunkte jedenfalls damals ausreichend zu würdigen: Er war es, der die Beziehungen zu China normalisierte und nie amerikanische Soldaten in einen Krieg schickte, mit der Sowjetunion aber einen großen Abrüstungsvertrag unterzeichnete.

Er war es, der den Panama-Kanal aus amerikanischer Kontrolle entließ und 1978 auf dem US-Präsidentenlandsitz Camp David den historischen Friedensschluss zwischen Israel (Menachem Begin) und Ägypten (Anwar El Sadat) im Sinne des Wortes herbeibetete.

Solarzellen auf dem Dach des Weißen Haus

Dass Jimmy Carter heute innerhalb der demokratischen Partei, die ihn einst als Hinterwäldler und penetranten Streithansel betrachtete, eine Renaissance erlebt und bei den Kandidaten für 2020 oft gefragter Ratgeber ist, ist kein Zufall.

Soziale Ungleichheit, die Rechte von gesellschaftlichen Minderheiten, der Ressourcen-Raubbau an Mutter Erde, Demokratie und Wahlrecht, Friedens-Diplomatie statt Raketen-Rhetorik: All das, was die neuen Progressiven um die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez heute als „Grünen neuen Deal” preisen, das waren schon vor 40 Jahren seine Themen.

Carter war es, der seinen Landsleuten den Durst auf das Öl der Scheichs abgewöhnen wollte und Solarzellen auf das Dach des Weißen Hauses montieren ließ.

„Carter war kein großer Präsident, aber er ist ein großartiger Ex-Präsident“

Carter war, es der mit seinem „Carter Zentrum” in Atlanta ein Art Privat-Außenministerium eröffnete und sich neben der Konfliktvermittlung in Haiti, Bosnien, Nordkorea und Kuba auch um die Ausrottung fieser Infektionskrankheiten kümmerte, wie sie der Guineawurm auslöst.

Viele Amerikaner können sich immer noch hinter einem alten Satz des Folksängers Tom Paxton versammeln: „Jimmy Carter war kein großer Präsident, aber er ist ein großartiger Ex-Präsident.“

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