Mixed Martial Arts

Die gefährliche Parallelwelt der rechten Kampfsportler

Für Neonazis gewinnt Kampfsport stark an Bedeutung. Eine Studie zeigt: Viele organisieren sich abseits der traditionellen Vereine.

Auseinandersetzung im Sommer 2018 in Chemnitz: Unter den Demonstranten sind auch rechtsextreme Kampfsportler.

Auseinandersetzung im Sommer 2018 in Chemnitz: Unter den Demonstranten sind auch rechtsextreme Kampfsportler.

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Berlin.  Die Neonazis kämpfen abgelegen im Erfurter Südosten. In einer alten Kaufhalle zwischen Plattenbauten und Straßenbahngleisen das die Partei „Der III. Weg“ ihren Trainingsraum eingerichtet.

Hanteln stehen in der Ecke, aus einer Stereoanlage dröhnt Rechtsrock, auf den Matten schlagen und treten ein Dutzend Kampfsportler. So beobachten Reporter unserer Redaktion die Szene vor einigen Monaten. An der Wand in grüner Farbe: das Bild eines Wolfes mit fletschenden Zähnen, dazu das Logo der Partei.

In dem abgelegenen „Gym“ trainiert die „Arbeitsgemeinschaft Körper und Geist“ des „III. Wegs“. Die Gruppe ist nur ein Beispiel für den Boom des martialischen Kampfsports „Mixed Martial Arts“, kurz MMA, bei dem die Kämpfer in einem Rind stehen und an Schlägen und Tritten viel erlaubt und wenig verboten ist.

Abgeschottete Trainingsräume

In Leipzig trifft sich die Gruppe „Imperium Fight Team“ in Räumen einer Lagerhalle in einem Gewerbegebiet. Auch das „Fight Team“ wird nach Angaben von Sicherheitsbehörden von extrem Rechten dominiert. Im brandenburgischen Lübben trainiert die „Northside Crew“ in einer alten Halle hinter einem griechischen Restaurant.

So drängen die Neonazis in die Kampfsportszene
So drängen die Neonazis in die Kampfsportszene

Es ist eine Parallelwelt der extrem rechten Kämpfer, die in abgelegenen und selbstgebauten Sportstätten entstanden ist – abseits der Verbände und Vereine. Und der Boom geht weiter: Rechtsextreme Firmen vertreiben Kampfsport-Artikel, Pullover und T-Shirts von Gruppen und Events. Zum „Kampf der Nibelungen“ und dem „Tiwaz Festival“ kommen teilweise mehrere Hundert polizeibekannte Neonazis.

Und Politik und Sportverbände? Fehlt es an einer Gegenstrategie im Kampf gegen rechte Kämpfer. Zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die am Dienstagabend in Berlin vorgestellt wird und unserer Redaktion vorab vorliegt. Die deutsche Sportpolitik habe sich der Auseinandersetzung mit Kampfsport wie MMA „in den vergangenen Jahren „komplett verweigert“, sagt Robert Claus.

Oft enden die Kämpfe blutig

Claus ist Extremismusforscher, auf Sport spezialisiert und einer der Autoren der Studie „Zum Stand der Präventionsansätze im Extremkampfsport“, die auch vom Bundesfamilienministerium gefördert wurde. Für die Studie hat Claus vor allem mit Experten und Funktionären der Sportverbände sowie der Kampfsport-Szene.

Denn nicht nur unter Extremisten boomt der harte Sport, bei dem Kämpfe in eigens inszenierten Käfigen nicht selten blutig und mit Verletzungen enden. Doch gerade das übt einen Reiz aus – nicht nur für Neonazis.

Gerade „Mixed Martial Arts“ wird immer populärer. Fernsehsender übertragen Kämpfe live, manche Medien kooperieren mit den offiziellen Verbänden wie „Ultimate Fighting Club“ oder der Event-Serie „We love MMA“, die Hallen mit Zuschauerzahlen im mittleren vierstelligen Bereich füllt.

Sportbund sieht „Sportethos“ verletzt

Zugleich ist der Sport aufgrund seiner Brutalität nicht anerkannt in den großen, traditionellen Sportverbänden – anders als etwa anerkannte Kampfsportarten wie Karate und Judo. „Ultimate Fighting als Teil der sogenannten Mixed Martial Arts ist kein Sport“, schreibt etwa der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schon 2009. Der Kampfsport widerspreche „grundlegend dem allgemeinen Sportethos“. Die Funktionäre des Bundes würden „Anstrengungen der Politik in Bund, Ländern und Kommunen“ begrüßen, den Kampfgruppen „Einhalt zu gebieten“.

Die Folge: MMA-Kampfsportgruppen sind anders als Tennis, Fußball oder Badminton, Kegeln oder Sportschießen nicht in traditionellen Vereinen vor Ort organisiert. Sie treffen sich privat, richten kommerzielle Kämpfe privat aus, suchen Sponsoren und buchen Hallen selbst.

Es fehlt an Wissen über die rechte Szene

Dieser Ausschluss aus dem klassischen Verbandssport mag konsequent sein, birgt aber aus Sicht von Experten ein Risiko. Oftmals wissen weder Sportverbände in Bund und Ländern noch die relativ neu gegründeten privaten Kampfsport-Vereinigungen, was genau die rechte Szene treibt, wo sie sich trifft und wie weit ihre Macht in die klassischen Vereine reicht.

Dabei ist der Kampfsport längst eine Säule in der global vernetzten Neonazi-Szene, zu der auch Rechtsrock-Konzerte und Gedenkveranstaltungen gehören.

Und es fehlt nach Angaben von Forschern wie Robert Claus an Strategien im Kampf gegen rechtsextreme MMA-Kämpfer – auch aus Unkenntnis heraus. „Die deutsche Sportpolitik wird nicht umhin kommen, sich aktiv und aufgeschlossen mit MMA und seiner Entwicklung zu beschäftigen“, erklärt Claus unserer Redaktion. Die MMA-Organisationen wiederum seien aufgerufen, „ihre gesellschaftliche Verantwortung als Sport, in dem Gewalt vermittelt wird, zu klären“.

Die Studie, die auch von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung und der Amadeu Antonio Stiftung sowie dem Deutschen Fußball-Bund unterstützt wird, warnt vor den Folgen, wenn extrem rechte Kampfsportgruppen sich in Deutschland weiter etablieren.

Sport und Weltanschauung

Denn mit dem Kampfsport verbreiten Extremisten immer auch ihre menschenverachtende Ideologie, wie eine Recherche unserer Redaktion aus diesem Jahr zeigt. „Letztlich ist Gewalt ein fundamentales Element extrem rechter Weltanschauung, die auf dem Recht des Stärkeren und einer Ideologie der Ungleichheit basiert. Dies findet seinen Ausdruck auch im Geschäft mit dem Kampfsport“, heißt es in der Studie.

„Es geht um Training für den politischen Straßenkampf und Umsturz. Demzufolge ist das Wachstum der Organisationen in den letzten Jahren kein Zufall“, hält die Untersuchung fest. Nach Recherchen unserer Redaktion waren Neonazi-Kampfsportler etwa auch bei den Ausschreitungen in Chemnitz im Sommer 2018 dabei.

100 Lieder sind erlaubt – keine extremistische Musik

Forscher Claus kritisiert den Mangel an Wissen und Präventionsstrategien bei Vereinen und Verbänden. Allerdings hält seine Studie auch fest. Auch die „MMA-Verbände“ müssten „das Problem extrem rechter Gewalt – auch außerhalb der Gyms – deutlich ernster nehmen“, so Claus.

Immerhin: Sowohl beim Veranstalter der MMA-Serie „We love MMA“ als auch beim MMA-Verband GEMMAF sind laut der aktuellen Studie „erste Maßnahmen und Regularien verankert“ worden – mit einem „Code of Conduct“, eine Art Leitbild, sollen das Auftreten extrem rechter Kämpfer und das Zeigen verbotener Symbole verhindern. So lässt „We love MMA“ nur noch Lieder als Begleitmusik beim Einlauf der Kämpfer zu, die auf einer eigenen Liste mit 100 Musiktiteln stehen.

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