Fridays-for-Future

Klima: Diese drei Frauen machen Gretas Job in Deutschland

Mit „Fridays for Future“ kämpfen die drei jungen Frauen fürs Klima. Was die Regierung heute an Punkten beschließt, reicht ihnen nicht.

Die Fridays-for-Future-Aktivisitinnen: Carla Reemtsma, Leonie Bremer und Luisa Neubauer.

Die Fridays-for-Future-Aktivisitinnen: Carla Reemtsma, Leonie Bremer und Luisa Neubauer.

Foto: Reto Klar

Berlin. Dass die Zöpfe ein bisschen aussehen wie die von Greta Thunberg, das ist keine Absicht. „Tatsächlich trage ich diese Frisur jeden Tag, einfach weil mich dann die Haare nicht stören“, sagt Klimaaktivistin Leonie Bremer, ohne den genervten Unterton in ihrer Stimme zu verbergen. „Auch wenn wir zur selben Bewegung gehören, sind wir immer noch Individuen.“

Doch es sind nicht nur die eng am Kopf entlang geflochtenen Zöpfe, die an die 16-jährige Schwedin erinnerten, als Bremer am Montag als Vertreterin von Fridays for Future (FFF) in der Polit-Talkshow „Hart aber Fair“ sitzt.

„Fridays-for-Future“:„Es gibt nur überleben oder nicht überleben“

Mit der Ernsthaftigkeit und Kompromisslosigkeit, die die Bewegung von Anfang an auszeichnet, erklärt sie, worum es den Jugendlichen geht: „Es gibt da keinen Graubereich“, sagt die 22-Jährige. „Es gibt nur überleben oder nicht überleben.“

Überleben oder nicht. Handeln heute – oder die Katastrophe morgen. Spätestens seit Greta Thunberg im Januar im schweizerischen Davos die versammelte Wirtschaftselite aufforderte, angesichts der menschengemachten Erderwärmung bitte endlich in Panik zu geraten, sind das die Koordinaten, in denen sich die öffentliche Debatte bewegt. Aus dem einsamen Protest Thunbergs ist längst eine globale Bewegung geworden.

Kaum irgendwo sind so viele ihrem Beispiel gefolgt wie in Deutschland. Hunderte FFF-Ortsgruppen gibt es, keine größere deutsche Stadt, in der im vergangenen Jahr nicht Schüler und Schülerinnen freitags die Klassenzimmer leer ließen und mit selbst gemalten Schildern und Plakaten auf die Straßen zogen.

Die Zeit, in der sie wahlweise belächelt und als opportunistische Schulschwänzer kritisiert wurden, ist längst vorbei: Mittlerweile gibt es Parents for Future (Eltern), Artists for Future (Künstler), Health for Future (Menschen aus den Gesundheits- und Pflegeberufen).

Scientists for Future sowieso: Die Wissenschaftler, auf deren Erkenntnisse und Prognosen die Kinder und Jugendlichen verweisen, wann immer es geht, gehörten zu den Ersten, die die Aktivisten unterstützen.

Vor allem der Verdienst der Klimaschützer

Wenn am Freitag die Bundesregierung in ihrer noch jungen Aggregatsform „Klimakabinett“ klimapolitische Maßnahmen vorstellen will, die als großer Wurf angekündigt werden und mit denen zumindest die Klimaziele für 2030 in erreichbare Nähe rücken sollen, dann ist das auch und vor allem der Verdienst der Klimaschützer.

Denn der erste Erfolg der Freitagsdemonstrationen war der Klimawandel, den die deutsche Politik im vergangenen Jahr erlebt hat. Es ist ein Jahr später nur noch schwer vorstellbar, doch als Greta Thunberg im Herbst 2018 zum ersten Mal mit ihrem selbst gemalten Protestschild vor dem Parlament in Stockholm saß, waren Klimapolitik und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes weit unten auf der Tagesordnung.

500 Gruppen allein in Deutschland

Vornehmlich diskutierte die Bundesrepublik über Migration und deren Folgen. Die einen sahen die größtmögliche Bedrohung darin, dass Deutschland Einwanderungsland bleiben könnte, die anderen in Rechtsextremismus und der Gewalt, die ihm folgt.

Die Proteste der Schüler und Studenten änderten das. Woche für Woche waren sie auf der Straße, die bislang größten Streiks im März und Mai hatten Hunderttausende Teilnehmer. Jetzt, am Freitag, wollen sie die Rekorde von damals einstellen: 500 Gruppen allein in Deutschland haben Aktionen angekündigt.

Die Karte der globalen Bewegung zeigt geplante Proteste auf allen Kontinenten, in mehr als 150 Ländern rufen die Bündnisse zu Aktionen auf. Es soll ein Signal sein, sichtbar bis New York, wo am Sonnabend der UN-Klimagipfel beginnt.

In Deutschland wird dann schon klar sein, wie die Bundesregierung die verpflichtenden Klimaziele erreichen will. Doch die Aktivisten versprechen sich wenig davon. Sie fordern null Emissionen bis 2035, einen Kohleausstieg bis 2030 – dass das nicht erfüllt wird, ist schon jetzt klar. „Wir werden weiter demonstrieren“, sagt deswegen Leonie Bremer. „Wenn nichts passiert, wird die Bewegung in Zukunft eher noch wachsen.“

„Die gesellschaftliche Unterstützung ist also groß“

Das Potenzial zur Massenbewegung hat FFF, das bestätigte erst in dieser Woche eine Analyse von Forschern der Uni Konstanz und des Thinktanks „Progressives Zentrum“. In einer Panelbefragung im Mai wurde auch nach Meinungen zur Klimabewegung der Jugendlichen gefragt.

Die überwältigende Mehrheit, so das Ergebnis, kann zumindest zum Teil verstehen, warum die Schülerinnen, Schüler und Studierenden auf die Straße gehen. „Die gesellschaftliche Unterstützung ist also groß“, schreiben die Wissenschaftler.

Doch Verständnis allein reicht den Aktivisten nicht. Wenn sie etwas erreichen wollen, muss der Druck auf die Politik konstant sein – doch das ist nicht einfach. Denn die Bewegung ist zwar groß und hat ein gemeinsames Ziel. Doch es zeigten sich im Sommer bereits erste Risse. Fridays for Future soll eigentlich eine Bewegung sein von Gleichen, ohne Anführer. Jeder könne bundesweite Veranstaltungen mitorganisieren, sagt Bremer.

Kritik am „Personenkult“ um die prominentesten Gesichter

Trotzdem kristallisierten sich früh Gesichter raus, die öfter in den Medien auftauchen als andere. Da ist Linus Steinmetz, Schüler aus Göttingen, der gerade einmal 15 war, als es losging. Da ist Sebastian Grieme, 19 und Physikstudent, der sich selbst als Europäer begreift.

Bremer, die neben ihrer Arbeit im bundesweiten Orga-Team einen Job, Sport und das Schreiben ihrer Abschlussarbeit jongliert. Oder Carla Reemtsma, die die Streiks in Münster organisiert und von ihrer Rolle als Jugendbotschafterin der Kampagnenorganisation One ein Verständnis für politische Kommunikation mitbringt.

Am bekanntesten ist wohl Luisa Neubauer. Die 23-jährige Geografie-Studentin sammelte mit souveränen Auftritten schnell das Label der „deutschen Greta“ ein. Das ist innerhalb der Bewegung nicht unumstritten.

Immer wieder gab es Berichte, dass einige sich unwohl fühlten mit dem „Personenkult“ um die prominentesten Gesichter. Nicht die einzige potenzielle Konfliktlinie: Teile der Bewegung drängen auf eine stärkere antikapitalistische Ausrichtung. Und auch die Frage, wie weit die Streiks noch tragen werden, steht im Raum.

Neubauer hält zivilen Ungehorsam für legitim

Andere Aktivisten haben diese Frage für sich schon beantwortet: Extinction Rebellion zum Beispiel, eine Gruppe, die sich wörtlich die Rebellion gegen „das Aussterben“ auf die Fahnen geschrieben hat, setzt längst nicht mehr nur auf Demos. In London beerdigten sie in der vergangenen Woche symbolisch die schnelllebige Modeindustrie, in Zürich färbten sie den Fluss Limmat leuchtend grün, in Edinburgh campten sie vor dem Parlament. In Berlin und anderen europäischen Städten haben sie bereits mehrmals Teile des Verkehrs lahmgelegt.

Die vom Verfassungsschutz beobachtete Interventionistische Linke (IL) hat für den Streik am Freitag in mehreren deutschen Städten „Verkehrsblockaden und radikale Aktionen“ angekündigt. Ist das die Zukunft auch für Fridays for Future?

Ziviler Ungehorsam sei legitim, sagt zumindest Luisa Neubauer in einem Gespräch mit der „Zeit“. „Wir brauchen ein breites Spektrum an Aktionen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen.“ Dabei seien auch Formen von Protest legitim, die stärker in den Alltag eingriffen – solange sie gewaltfrei und menschenachtend seien.

Die Woche für das Klima

„Ich weiß nicht, ob da vielleicht irgendwann eine andere Form des zivilen Ungehorsams nötig ist, wenn Streiken nicht mehr genug ist“, sagt auch Bremer. „Wenn’s sein muss, würde ich es nicht ausschließen.“ Vorerst jedoch bleiben sie und ihre Mitstreiter vor allem bei Demonstrationen.

Nach dem Freitag geht es weiter: Bis zum 27. September haben die Aktivisten die „week4climate“ ausgerufen, die Woche für das Klima. Jeden Tag soll ein anderes Thema im Fokus stehen. „Ich glaube nicht, dass die Leute müde werden“, sagt Bremer.