Medien-Skandal

Björn Höcke – der rechte Scharfmacher von der AfD

Björn Höcke hat ein Interview vor laufender Kamera abgebrochen. Es ging um Wörter aus der NS-Zeit. Was treibt Thüringens AfD-Chef an?

Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, jubelt bei der AfD-Wahlparty nach der Landtagswahl in Brandenburg.

Björn Höcke, Vorsitzender der AfD in Thüringen, jubelt bei der AfD-Wahlparty nach der Landtagswahl in Brandenburg.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Erfurt/Berlin. Der vergangene Mittwoch im Thüringer Landtag, im Büro des AfD-Fraktionsvorsitzenden: Bevor Björn Höcke das Gespräch mit dem ZDF-Reporter David Gebhard abbricht, sagt er: „Wir wissen nicht, was kommt. Dann ist klar, dass es mit mir kein Interview mehr für Sie geben wird.“

Ob dies eine Drohung sei, fragt der Reporter nach. Nein, antwortet Höcke und fügt kurz darauf an: „Vielleicht werde ich auch mal eine interessante persönliche, politische Person in diesem Lande.“ Damit war der neueste Eklat um den umstrittensten AfD-Politiker Deutschlands perfekt.

Anlass diesmal: Ein Journalist hatte nachgefragt, warum manche Sätze Höckes wie aus Hitlers „Mein Kampf“ klingen – und warum er bewusst mit Begriffen wie „Lebensraum“ spiele; Begriffen, die von den Nationalsozialisten vergiftet wurden. Das war offenkundig zu viel.

Björn Höcke entfacht Debatte: Wie rechtsextrem ist die AfD?

Der Fraktionssprecher verlangte einen Neustart des Interviews, was der Reporter ablehnte. Am Sonntagabend stellte das ZDF das Video vollständig ins Netz. Seitdem hat die nächste Debatte darüber begonnen, wie rechtsextrem die AfD ist.

Und in ihrem Zentrum steht, wieder einmal, der Mann, der seine Landespartei in die Thüringer Wahl am 27. Oktober führt – und der seine Bundespartei abwechselnd spaltet oder vor sich hertreibt.

Björn Höcke, 47, ist ein Westfale, der in Rheinland-Pfalz aufwächst und in Hessen als Lehrer arbeitet. 2008 zieht er nach Thüringen, nur ein paar Kilometer über die Grenze, in das alte Pfarrhaus von Bornhagen, einem kleinen Dorf im katholischen Eichsfeld. Dort lebt er mit seiner Frau nebst den vier gemeinsamen Kindern und pendelt ins hessische Bad Sooden-Allendorf, wo er weiterhin Geschichte und Sport lehrt.

Kontakt zum NPD-Bundesvize Thorsten Heise

Schon damals pflegt er Kontakt zu Rechtskonservativen wie dem hessischen CDU-Renegaten Heiner Hofsommer, aber auch zu Rechtsextremisten wie Thorsten Heise, dem heutigen NPD-Bundesvize, der im Nachbardorf einen Neonazi-Versandhandel betreibt und Zeitschriften herausgibt.

„Weg mit dem Mehltau“ politischer Korrektheit

Im Jahr 2013 gehört Höcke zu den Mitbegründern der AfD. Rasch erkämpft er sich den Landesvorsitz und führt die Partei im Herbst 2014 in den Landtag. Seine Mission hatte er da schon offen verkündet: Es sei angetreten, um den „Mehltau“ politische Korrektheit wegzuräumen.

Höcke übernimmt die Führung der Landtagsfraktion und reist mit ihr bald ins benachbarte Sachsen-Anhalt. Dort, in dem Örtchen Schnellroda, hat der frühere Bundeswehr-Offizier Götz Kubitschek ein Institut gegründet, das er gerade zur intellektuellen Zentrale der sogenannten Neuen Rechten ausbaut.

Kubitschek und Höcke verfolgen den Plan, die AfD, die als Euro-kritische Professorenpartei gestartet war, zu einer völkisch-nationalistischen Bewegung umzuformen. Im März 2015 veröffentlicht der Thüringer AfD-Chef die „Erfurter Resolution“, die im Kern von Kubitschek stammen soll. Sie ist ein Angriff auf die „Technokraten“ unter Lucke.

Die Geburtsstunde des völkischen „Flügels“

Die AfD müsse eine „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“ sein. Die Resolution ist die Geburtsstunde des „Flügels“, der rasch zum Netzwerk und Basis aller Rechtsnationalisten in der Partei wird.

Auf dem Bundesparteitag im Sommer 2015 in Essen verbündet sich Höcke mit Frauke Petry, um Lucke zu verjagen, nur um danach mit ihr um die Vorherrschaft in der Partei zu streiten. Spätestens ab dem Flüchtlingsherbst 2015 zeigt Höcke offen, wie er wirklich denkt. Er warnt vor „Invasoren“, spricht vom „afrikanischen Ausbreitungstyp“ und will Angela Merkel in „der Zwangsjacke“ aus dem Kanzleramt abführen.

Währenddessen hält sich Höcke aus Berlin fern, geht nicht in den Bundesvorstand, kandidiert nicht für den Bundestag. Er will die Partei von unten, von der Provinz heraus führen. Auf den jährlichen Kyffhäuser-Treffen des „Flügels“ demonstriert er seine Macht, und selbst im Westen kippen immer mehr Landesverbände nach rechtsaußen.

Höckes Verbündete sind frühere Rechtsextremisten

Frühere Rechtsextremisten wie der Brandenburger Landeschef Andreas Kalbitz werden zu Höckes engsten Verbündeten. Nebenher organisiert der thüringische AfD-Chef um sich herum einen bizarren Personenkult. Der „Flügel“ verkauft Sammeltassen und bedruckte Beutel und choreografiert die Auftritte Höckes.

Das alles bildet einen Kontrast zu dem Bild, dass der Politiker von sich entwirft. Er sei, sagt er ständig, von Natur „zurückhaltend“, „bescheiden“ und überhaupt ein Mensch, dem Machtpolitik völlig fremd sei. Doch dagegen steht sein Handeln – und dagegen stehen seine Worte.

Im Januar 2017, in Dresden, bezeichnet er kurz vor dem Holocaust-Gedenktag das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus als „dämliche Bewältigungskultur“ und fordert eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die Rede ist ein Skandal, auch in der AfD.

Frauke Petry verliert den Kampf gegen Höcke

Bundeschefin Petry nutzt ihn, um ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke einzuleiten. Doch sie verliert den Kampf gegen ihn und ihre zahlreichen anderen Gegner – und verlässt die Partei. Ihr Nachfolger Alexander Gauland ist regelmäßig Gast auf den „Flügel“-Treffen.

Inzwischen ist die AfD zu großen Teilen die Widerstandsbewegung geworden, wie sie die „Erfurter Resolution“ vor gut vier Jahren 2015 konzipierte. Doch das ist Höcke nicht genug, er sieht sich immer noch von Verrätern und „Feindzeugen“ umgeben. Im Juli kündigte er die nächste Attacke auf Berlin an: „Nachdem hier am 27. Oktober in Thüringen Geschichte geschrieben worden ist, […] werde ich mich zum ersten Mal mit großer Hingabe und großer Leidenschaft der Neuwahl des Bundesvorstandes hingeben.“

In den Umfragen vor der Landtagswahl in Thüringen steht die AfD bei bis zu 25 Prozent. Das reicht nicht, um die Regierung zu übernehmen. Aber es könnte reichen, um alle anderen denkbaren Koalitionen zu blockieren und das Land in die Unregierbarkeit zu stürzen. Dies wäre, aus Höckes Sicht, womöglich der nächste Schritt, um eine „interessante persönliche, politische Person in diesem Lande“ zu werden.