Erinnerung

Zweiter Weltkrieg: Wie Glück einen polnischen Oberst rettete

Der Zweite Weltkrieg begann vor 80 Jahren mit dem Überfall der Deutschen auf Polen. Wlodzimierz Cieszkowski kämpfte und überlebte.

Wlodzimierz Cieszkowski, 96, kämpfte als polnischer Oberst gegen die deutsche Wehrmacht, als diese im September 1939 sein Land überfiel.

Wlodzimierz Cieszkowski, 96, kämpfte als polnischer Oberst gegen die deutsche Wehrmacht, als diese im September 1939 sein Land überfiel.

Foto: Ulrich Krökel

Budy Barczackie.  Wenn es die Kraft der Lungen erlaubt, lacht Wlodzimierz Cieszkowski. Oder er lächelt wenigstens, vor allem wenn er hinauslauscht, wie im Garten die Enkelkinder toben, fast schon im Wald. Es gibt viel Grün rund um das Dorf Budy Barczackie, eine Autostunde östlich von Warschau, wo Cieszkowski in diesen Spätsommertagen die Familie seiner Tochter Julia besucht.

„Man atmet hier freier als in der Stadt“, sagt der 96-Jährige und betont, welches Glück er doch habe, dass er bei seinen Kindern zu Gast sein dürfe, wann immer er wolle. „Sie helfen mir.“

Zweiter Weltkrieg: Glück hatte Cieszkowski oft in seinem Leben

Von seinem Glück spricht Cieszkowski oft. Gründe genug hat er: Ein langes Leben, Kinder, ein halbes Dutzend Enkel, und der Körper spielt auch noch mit. Doch der Oberst Cieszkowski meint vor allem sein persönliches „Kriegsglück“, das er im September 1939 hatte, als die deutsche Wehrmacht über Polen herfiel, und auch später immer wieder, bis 1945, als er in seine befreite Heimat zurückkehren konnte. Ciesz­kowski erzählt seine Geschichte, als hätte er im Krieg unter einer schützenden Hand gelebt.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Führerschein, den er im Spätsommer 1939 schon in der Tasche hat, als 16-Jähriger, weil sich im Gymnasium eine seltene Gelegenheit zum Fahrunterricht geboten hatte. Er kann also ein Auto steuern, als ihn seine Mutter aus seinem Geburtsort Ciechanow 100 Kilometer nach Süden schickt, zu seinem Onkel nach Warschau. Keinen Tag zu spät.

Die Soldatenlaufbahn beginnt als Chauffeur

Die Deutschen besetzen Ciechanow bereits am 3. September. Aus Warschau dagegen werden alle jungen Männer nach Osten evakuiert, zunächst mit dem Zug, bis es nicht weitergeht, weil die deutschen Bomber bereits die Gleise zerstört haben. Plötzlich werden Fahrer gebraucht. Cieszkowski meldet sich.

Der alte Mann freut sich bis heute über den Coup: „Ich habe meine Soldatenlaufbahn als Chauffeur begonnen.“ Der Eintritt in die Armee als Glücksfall? Für Cieszkowski ist das eine Selbstverständlichkeit: „Als junger Mann willst du für dein Vaterland kämpfen, wenn es so brutal überfallen wird.“

„Die Russen haben meinen Vater verschleppt“

Als Teil einer Sanitätseinheit gelangt er nach Lwow, das heute als Lwiw zur Ukraine gehört. „Wir wussten ja nicht, dass von Osten die Russen anrücken.“ Doch so ist es. Hitler hat mit Stalin einen geheimen Pakt geschlossen, der die Aufteilung Osteuropas in „Einflusszonen“ vorsieht. Am 17. September marschiert die Rote Armee in Polen ein.

Cieszkowski spricht leiser, wenn er davon erzählt. „Die Russen haben meinen Vater verschleppt.“ Dann versagt die Stimme. Der alte Mann, der zwar einen Stock braucht, aber noch immer aufrecht geht, holt sich ein Glas Wasser, bevor er in wenigen Worten den Mord an seinem Vater zu Protokoll gibt. Krieg und Glück, das passt dann eben doch nur sehr begrenzt zusammen.

Deutsche Bomben auf das polnische Lazarett

Und Cieszkowski weiß das auch. Das ist zu spüren, wenn er von den deutschen Bomben berichtet, die an jenem 17. September über dem Lazarett in Lwow niedergehen. „Die Explosionen waren so heftig, dass Steine und Staub wie Schnee vom Himmel fielen.“

Es gelingt seiner Einheit aber doch, ins damals noch neutrale Rumänien zu fliehen. Und es ist wieder so ein Glücksfall, dass die Rumänen die jungen Polen bald darauf nach Paris schicken. „Wir sollten dort zur Schule gehen.“ Aber die jungen Männer, die lieber ihr Vaterland retten wollen, schlagen sich zu den polnischen Divisionen durch, die im Bündnis mit den Franzosen an der Westfront gegen die Deutschen kämpfen.

Ein Lob für die „kluge Politik“ der Kanzlerin

Von mehreren Zehntausend Soldaten dieser polnischen Divisionen leben noch 22. Das zumindest ist die Zahl, die Cieszkoswki kennt, der zu diesen letzten Zeitzeugen zählt. Auf die Frage, welche Gefühle er heute für die Feinde von einst hegt, hebt er die Schultern. „Es ist gut, dass der Krieg vorbei ist.“

Dann beginnt er, über die „kluge Politik“ der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zu sprechen und über „diesen Brexit-Unsinn“. Das sei eine „schreckliche Dummheit“. Man müsse zusammenarbeiten in Europa.

Die französischen Soldaten mögen die Polen nicht

1940 ist der gemeinsame Kampf mit den Franzosen nicht leicht. „Sie haben uns nicht gemocht, weil sie glaubten, nur unseretwegen Krieg zu führen.“ Die Regierungen in Paris und London hatten Deutschland nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt. Im Juni 1940 sind die Franzosen geschlagen.

Und wieder hat Cieszkowski Glück. Seine Division, die im Süden kämpft, kann sich in die neutrale Schweiz retten. „Eine halbe Stunde, nachdem wir abgezogen waren, haben die Deutschen unser Quartier bombardiert. Kein Stein blieb davon übrig.“

Arbeit für einen Hungerlohn in der Schweiz

In der Schweiz werden die Polen zwar „ausgesprochen herzlich begrüßt“, aber interniert. Sie müssen für einen Hungerlohn Arbeit leisten. „Wir haben zwei Franken pro Tag bekommen, die Schweizer zehn Franken pro Stunde.“ Cieszkowski ist das wichtig. Er holt ein Buch, in dem all das verzeichnet ist, was die Polen in der Schweiz gebaut haben. 2822 Kilometer neue Straßen zum Beispiel. Oder 56 Brücken.

Er will sich nicht in den aktuellen Streit zwischen Polen und Deutschland über Reparationen einmischen. Eines aber steht für Cieszkowski fest: „Wir wurden nach 1945 ungerecht behandelt.“

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Ob er an Gott glaubt? „Von Zeit zu Zeit“

Die Schweizer lassen die internierten Polen Mitte 1944 „fliehen“. Noch einmal kämpft Cieszkowski als Partisan im Westen, bevor er 1945 endlich seine Mutter wieder in die Arme schließen kann, die für die polnische Heimatarmee im Untergrund gekämpft und einer jüdischen Familie Schutz gewährt hat. Sie überleben.

Sechs Millionen Polen aber sind dem deutschen Vernichtungskrieg zum Opfer gefallen, darunter drei Millionen Juden . Ob er an Gott glaube, lautet die letzte Frage an Wlodzimierz Cieszkowski. „Von Zeit zu Zeit“, sagt er und lacht.