Landtagswahlen

Angst vor dem Sieg der Rechten: Starrt nicht auf die AfD!

Am Sonntag wählen Brandenburger und Sachsen – die Rechten werden stark abschneiden. Zeit, sich der AfD-kritischen Mehrheit zuzuwenden.

Anhänger der AfD Ende August bei einer Wahlkampfveranstaltung im brandenburgischen Peitz.

Anhänger der AfD Ende August bei einer Wahlkampfveranstaltung im brandenburgischen Peitz.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Berlin. Der Osten boomt. Zumindest in den Buchhandlungen. Dort stapeln sich gerade die Neuerscheinungen mit den Wende-Erinnerungen, mit den Ost-Biografien, den Analysen zur deutschen Einheit und den Erklärungsversuchen für das gute Abschneiden der AfD.

Nie war die Nachfrage nach Ostverstehern so groß wie vor den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Warum will dort jeder Fünfte die AfD wählen? Warum heißt es immer, der Osten sei gedemütigt und abgehängt? Und wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?

Da hat sich etwas aufgestaut in 30 Jahren

Mit dem Osten und dem Westen ist es in diesen Tagen wie mit einem alten Ehepaar. Die Hochzeit vor 30 Jahren war eine Mischung aus Liebe und Not, die ersten Jahre waren nicht leicht, dann lebte man sich ein.

Doch nun flirten sie im Osten auf einmal so demonstrativ mit Rechtsaußen, dass auch der Letzte im Westen schnallt: Da hat sich was aufgestaut, da läuft was schief. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Deutschland aus seinem „Wächst-zusammen-was-zusammen-gehört“-Trott aufgerüttelt, mancher Westdeutsche schaut überhaupt zum ersten Mal genauer hin – und sieht viel Frust, Enttäuschung und Wut.

Vier von fünf Ostdeutschen wählen nicht die Rechten

Doch genau hier liegt das Problem: Es gibt nicht DEN Osten. Wenn sich die AfD genau dieses Label zunutze macht und jetzt plakatiert „Der Osten steht auf“, dann ist das strategisch gewieft – es bleibt aber falsch. Vier von fünf Ostdeutschen wählen nicht die Rechten. Das ist nach wie vor die große Mehrheit.

Sehen muss man dabei auch: Vieles von dem, was jetzt als Erklärung für den Rechtstrend im Osten herangeholt wird, betrifft nicht nur AfD-Wähler. Die entleerten und abgehängten Dörfer. Die geringen Löhne und die Wessis in den Chefetagen. Und schließlich die Angst davor, dass die nächste politische Krise einem wieder einmal alles nimmt, was man sich gerade aufgebaut hat.

Die Lautsprecher bekommen die größte Aufmerksamkeit

Doch nicht alle wählen deswegen rechts. Im Gegenteil: Viele stellen sich mit aller Kraft gegen die völkischen, rassistischen, ewiggestrigen Lautsprecher und ihr Gefolge. Wer aber bekommt die größte Aufmerksamkeit? Die anderen. Diejenigen, die den Scharfmachern der AfD folgen und ihren Frust rausbrüllen.

Wer in diesen Tagen mit Ostdeutschen spricht, die über ihre eigenen Landsleute den Kopf schütteln, der hört zwei Sorten von Antworten. Die eine lautet: „Ich verstehe es selbst nicht.“ Sie verstehen nicht, warum sich Ostdeutsche ausgerechnet von mehrheitlich westdeutschen AfD-Spitzenpolitikern in eine aggressive „Wir-sind-das-Volk“-Stimmung reden lassen.

Sie verstehen auch nicht, warum Menschen, denen es objektiv besser geht als vor 30 Jahren, derart unzufrieden sind. Liegt es wirklich daran, dass für viele Ostdeutsche die Einführung von freiheitlicher Demokratie und Marktwirtschaft mit einem sozialen Abstieg begann? Oder eher an einer „Gegen-die-da-oben“-Kultur, die die Linkspartei pflegte, bevor sie selbst in den Regierungen saß?

Die AfD-kritische Mehrheit muss wieder in den Fokus rücken

Die andere Antwort hört man vor allem von Menschen, die tagtäglich mit frustrierten, enttäuschten, einsamen Menschen zu tun haben. Drei Dinge braucht demnach der Mensch, um sich gegen Neid, Hass und Aggressionen zu immunisieren: Er will gesehen werden, will dazugehören und eine sinnvolle Aufgabe haben.

Gerade deshalb ist es so wichtig, die Aufmerksamkeit neu zu justieren: Egal, wie stark die AfD am nächsten Sonntag wird – es wäre falsch, nur auf die Rechten zu starren. Die anderen, die AfD-kritische Mehrheit der Menschen in den fünf östlichen Bundesländern, müssen wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Weil sie die Demokratie tragen – und sie im Ernstfall vor Ort auch verteidigen müssen.