Geschichte

Wie die USA am Jahrestag der Sklaverei gedenken

| Lesedauer: 7 Minuten
Dirk Hautkapp
Am Buckroe Beach in Hampton gedachten Menschen in Virginia des Beginns der Sklaverei in Amerika.

Am Buckroe Beach in Hampton gedachten Menschen in Virginia des Beginns der Sklaverei in Amerika.

Foto: Liu Jie / dpa

Vor 400 Jahren begann in den USA der Sklavenhandel. Jetzt flammt die Debatte um Reparationszahlungen an ihre Nachfahren wieder auf.

Hampton. An der festlich herausgeputzten Ufer-Promenade vor Fort Monroe im Kleinstädtchen Hampton, wo Angler täglich nach Felsenbarsch und Stör Ausschau halten, musste Shelton Tucker gegen die Tränen ankämpfen. Vier Minuten lang läuteten die Kirchenglocken jetzt am „Tag des Heilens“ – für Tucker schloss sich ein Jahrhunderte alter Kreis.

Genau hier, wo die Chesapeake Bay im US-Bundesstaat Virginia das Tor zum Atlantik wird, legte Ende August 1619 die „White Lion“ an. An Bord laut historischen Schriften: etwa 20 Männer und Frauen. Sie waren Wochen zuvor im Königreich Ndongo im heutigen Angola gefangen genommen worden.

Vor 400 Jahren begann in den USA der Sklavenhandel

Auf der Überfahrt von Afrika in die Neue Welt bemächtigten sich Piraten der auf der portugiesischen „San Juan Bautista“ eigentlich für Mexiko vorgesehenen menschlichen Fracht und machten sie, viel weiter nördlich, an Land zu Geld. Es war die Premiere des Sklavenhandels, der bis Ende des Bürgerkrieges 1865 Millionen in lebenslange Zwangsarbeiterschaft führen sollte.

Unter den Ersten waren ein Mann und eine Frau, die in den Urkunden als Antoney und Isabell Erwähnung finden. Sie gingen in Hampton, das damals noch Elizabeth City hieß, später in den Besitz des Tabak-Plantagen-Besitzers William Tucker über und bekamen den Nachnamen „Negro“ zugewiesen. Ihr 1624 christlich getaufter Sohn William Tucker gilt unter Historikern als das erste afrikanische Kind in der damaligen britischen Kronkolonie an der Ostküste des Kontinents, der erst rund 150 Jahre später offiziell zu Amerika wurde.

Und Shelton Tucker ist einer seiner vielen genealogisch nachweisbaren Nachfahren, die 400 Jahre nach dem Beginn der Sklaverei in den USA vor allem eines wollen: Transparenz. „Es gab zu oft den gezielten Versuch, dieses Kapitel unserer Geschichte ungeschehen und unsichtbar zu machen“, sagte der 61-jährige Pensionist unserer Redaktion vor den mehrtägigen Feierlichkeiten.

Sklaverei als „die schrecklichste aller Menschenrechtsverletzungen“

In Reden, Andachten, Gospel-Konzerten, Gottesdiensten und Diskussionen gedachte Virginia dessen, was der Bundesstaat erst 2007 als „schrecklichste aller Menschenrechtsverletzungen“ offiziell eingestanden hat: „slavery“. Die Historikerin Amanda Brickell Bellows spricht von Amerikas „moralischem Versagen, die Rechte des Individuums vor dem Profistreben zu schützen“.

Shelton Tucker ist spät auf seine Wurzeln neugierig geworden. Erst als Banker für ein Kredithaus in Chicago und später als Vertreter von Coca Cola hat der Finanz-Analyst lange in London gelebt, bevor er sich an einem historischen Ort in der Heimat niederließ. Aberdeen, ein Stadtteil Hamptons, das neben den großen Geschichts-Tourismus-Magneten Jamestown und Williamsburg vis-a-vis des Marine-Stützpunkts Norfolk eher ein Schattendasein fristet, war in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine begehrte, von Schwarzen für Schwarze errichtete Wohn-Siedlung. Nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, wo die „White Lion“ vor Anker ging.

Wo die erste schwarze Familie Amerikas bestattet liegt

Hier wurde vor zehn Jahren inmitten hoher Eichen eine inzwischen staatlich geschützte Sensation entdeckt: ein bis dahin unbekannter Friedhof mit über 100 unmarkierten Grabstellen, von denen etliche bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Am unscheinbaren Eingang macht ein Gedenkstein auf das Besondere aufmerksam: „Tuckers Familie. Erste schwarze Familie. 1619“, ist darauf zu lesen.

Unter den Bestatteten wird auch der Mann vermutet, der aus der ersten Sklaven-Ehe hervorging: William Tucker. „Die Plantage, auf der er gearbeitet hat, war ganz in der Nähe“, sagt Shelton Tucker, „ich hoffe, dass wir mehr Geld für die Forschung bekommen, um das Leben unsere Vorfahren möglichst lückenlos rekonstruieren zu können.“ Noch sei nicht definitiv klar, ob der Urahn Sklave war oder Schuldknecht, was nach Ablauf einer jahrelangen Arbeitsfron Freiheit bedeutet hätte.

Sklaven-Nachfahre will „Geschichte des Überlebens“ erzählen

Ihn selbst lässt die Geschichte seines weit verzweigten Familien-Stammbaums nicht mehr los. Autodidaktisch und mit Hilfe von Profis hat sich der Hobby-Historiker in die Archive gestürzt. In einem bald erscheinenden eigenen Buch (Arbeitstitel: „Die Stärksten und die Widerstandsfähigsten“) will er die Geschichte der Tuckers als „Geschichte des Überlebens“ nacherzählen. „Wenn man diese Menschen aus dem anonymen Schatten ihres des Daseins holt, wird sichtbar, wie enorm sie zum Wohlstand dieses Landes beigetragen haben. Sklaven waren die Säulen, auf denen der Kapitalismus ruht.“

„Um 1860 herum, als der Bürgerkrieg ausbrach, waren bei einer Gesamtbevölkerung von zwölf Millionen rund vier Millionen Sklaven vor allem im Süden auf Plantagen für Baumwolle, Tabak und Zuckerrohr eingesetzt“, sagt Shelton Tucker, „Sklaven stellten damals das größte Vermögen Amerikas dar, mehr als alle Fabriken zusammen. Sie waren das Fundament des wirtschaftlichen Aufstiegs.

Langzeitschäden der Sklaverei reichen bis heute

All das fällt zeitlich zusammen mit einem Wiederaufflammen der parlamentarischen Debatte über die Frage, ob Millionen Schwarze für das Leid, dass ihre als Sklaven gehaltenen Vorfahren in Virginia und anderen Teilen Amerika erlitten haben, finanzielle Wiedergutmachung erhalten sollen.

Bei einer Experten-Anhörung vor wenigen Wochen im Kongress in Washington war es der schwarze Erfolgsautor Ta-Nehisi Coates, der die Langzeitschäden aufzeigte, die nach der Sklaverei Segregation, Diskriminierung und soziale Benachteiligung ausgelöst hätten.

Schwarze Durchschnittsfamilien verfügten heute im Schnitt über ein Zehntel des Vermögens einer weißen. Schwarze Arbeiter bekommen nicht mehr als 70 Prozent des Stundenlohns eines weißen. Während 70 Prozent der weißen Amerikaner auf Wohneigentum bauen könnten, wohnten nur 40 Prozent der Afro-Amerikaner in den eigenen vier Wänden. Schließlich, so Coates, sei da noch die „Schande“, dass die Nachkommen der Sklaven heute die mit Abstand größte Einzelgruppe in der amerikanischen Gefängnis-Population stellen.

Viele Demokraten wollen Entschädigungskommission

Das aufzuarbeiten, zunächst durch die Einsetzung einer offiziellen Entschädigungskommission, halten inzwischen gut ein Dutzend der demokratischen Präsidentschaftskandidaten/-innen für sinnvoll und notwendig. Die Republikaner zögern oder blockieren.

Dass irgendwann tatsächlich Reparationszahlungen an die Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel der Sklaven fließen, hält Shelton Tucker für unwahrscheinlich („wie sollte man das beziffern, da kämen tausende Milliarden zusammen“) – aber zunächst für zweitrangig. „Wir sind es uns schuldig anzuerkennen“, sagt er, „dass die Kluft zwischen weißem und schwarzem Reichtum in diesem Land auf die Ursprünge der Sklaverei zurückgeht.“

Also auf das Ufer der Chesapeake Bay. Bei Fort Monroe. Hampton. Virginia. Ende August 1619.

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