Ermittlungen

Die Polizei will Kinderpornografie mit Algorithmen bekämpfen

Bei Ermittlungen zu Kinderpornografie sieht sich die Polizei oft großen Datenmengen gegenüber. Künstliche Intelligenz soll helfen.

Der Kinderporno-Ring Elysium wurde im Jahr 2017 gesprengt.

Der Kinderporno-Ring Elysium wurde im Jahr 2017 gesprengt.

Foto: Arne Dedert / dpa

Düsseldorf. Getestet haben sie seit Wochen mit Bildern von Hunden und Katzen, dann mit legaler Pornografie. „Wir beginnen jetzt das Training mit Echtmaterial“, sagt Oberstaatsanwalt Markus Hartmann. Echtmaterial bedeutet: Bilder und Filme, die schwersten Kindesmissbrauch zeigen.

Die NRW-Justiz hat gemeinsam mit der von Hartmann geleiteten Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) und Experten des Software-Riesen Microsoft ein Forschungsprojekt zur wirksameren Bekämpfung von Kinderpornografie gestartet. Erstmals soll bei der Ermittlungsarbeit Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen. Das Ziel ist ein lernender Algorithmus, der zielsicher aus gewaltigen Datenmengen strafbares Bildmaterial herausfischt, Täter oder Opfer wiedererkennt und so die Strafverfolgung erheblich erleichtert.

„Die Ermittler in den Behörden schaffen es nicht, der riesigen Datenmengen Herr zu werden“, sagt Justizminister Peter Biesenbach (CDU). In NRW seien im März 2019 insgesamt 1895 Ermittlungsverfahren wegen Kinderpornografie anhängig gewesen, doch nur in 228 seien überhaupt die Beweismittel ausgewertet worden. Oft schafften es die Behörden nicht, innerhalb der gerichtlichen Fristen beschlagnahmte Computer und Festplatten von Verdächtigen auf strafbare Bilder durchzusehen.

Ermittlungen zu Kinderpornografie werden digital geführt

„Der Kampf gegen Kinderpornografie wird digital geführt“, sagt Biesenbach. Ein geschulter Ermittler des Landeskriminalamtes kann in neun Monaten allenfalls ein Terabyte Daten sichten – und das angesichts der grausamen Missbrauchsszenen oft nur unter großen psychischen Belastungen. Mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz könne die gleiche Masse an Bildern binnen Stunden vorsortiert werden, erklärt Oberstaatsanwalt Hartmann. „Wir haben zu allererst ein Massenproblem.“

Obwohl die Erkennungsprogramme längst ein digitales Alltagsgeschäft sind, gibt es im Bereich der Kinderpornografie allerdings extrem hohe Anforderungen. Polizei und Staatsanwaltschaft dürfen sichergestellte Bilder nicht an Dritte weiterreichen, also auch nicht an Informatiker, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz einen Algorithmus bauen können.

Wie aber soll ein System lernen und treffsicher werden, wenn es nicht mit entsprechendem Datenmaterial gefüttert werden darf?Das Forscherteam glaubt nun, einen Weg gefunden zu haben: Das kinderpornografische Material wird durch ein von Microsoft entwickeltes Verfahren als verpixelte Datei, aus der für das menschliche Auge weder Personen noch Handlungen erkennbar sind, von der Polizei in eine Cloud eingestellt.

Die künstliche Intelligenz kann daraus aber sehr wohl Strafbares decodieren und meldet Verdachtsfälle anhand von Bildnummern der Polizei zurück. So sollen rund um die Uhr enorme Datenberge aus Ermittlungsverfahren durchleuchtet werden.

KI gegen Kinderpornografie könnte schon im kommenden Jahr live gehen

„Wir können erstmals die Rechenpower der Justiz nutzbar machen“, glaubt Hartmann. Ziel sei ein Algorithmus, der Kinderpornografie so gut erkennen kann wie ein Mensch. „Wir wollen nicht auf eine Erkennungsrate von 50 Prozent kommen, sondern auf eine im hohen 90-Prozent-Bereich.“

Microsoft-Deutschland-Chefin Sabine Bendiek macht deutlich, dass der Ermittler weiterhin der entscheidende Faktor bei der Strafverfolgung bleibe. Die Cloud könne ein wertvolles „technisches Assistenzsystem sein“, um bei sichergestellten Materialien „hohe Wahrscheinlichkeitsangaben“ zur Kinderpornografie zu machen.

Wann die Künstliche Intelligenz tatsächlich Einzug hält in die tägliche Ermittlungsarbeit, ist unklar. Justizminister Biesenbach, der sich bei dem Projekt in einer weltweiten Vorreiterrolle sieht, drückt aufs Tempo: „Ich hoffe und gehe davon aus, dass wir im kommenden Jahr im Echtbetrieb starten können.“

Oberstaatsanwalt Hartmann wirkt vorsichtiger, da zunächst noch bis Ende des Jahres die Erkennungsrate getestet werden soll. Anschließend müsse ein digitales Werkzeug erstellt werden, mit dem die NRW-Polizei arbeiten kann.

Dieser Text erschien zuerst auf www.waz.de