US-Wahlkampf

Trump kann sich nach Demokraten-Debatte noch entspannen

Im US-Wahlkampf kämpfen die demokratischen Präsidentschaftsanwärter um Aufmerksamkeit. Trump können sie so nicht gefährlich werden.

Joe Biden und Kamala Harris: Auch beim zweiten Aufeinandertreffen setzte die 54-jährige Senatorin dem 76-jährigen Ex-Vizepräsidenten zu.

Joe Biden und Kamala Harris: Auch beim zweiten Aufeinandertreffen setzte die 54-jährige Senatorin dem 76-jährigen Ex-Vizepräsidenten zu.

Foto: LUCAS JACKSON / Reuters

Detroit. Ein von den eigenen Leuten schwer gezauster Favorit – Joe Biden. Ein ungeklärter Richtungsstreit – zwischen Links-Progressiven und Gemäßigten. Eine hohe Bereitschaft zur Selbstzerfleischung – jeder gegen jeden, alle gegen Joe. Aber keine inspirierende Botschaft, hinter der sich bis zur Wahl in 15 Monaten ausreichend viele Wähler versammeln könnten, um Donald Trump eine zweite Amtszeit zu verwehren: Nach der vierten TV-Debatte von 20 Bewerbern-/innen für die Wahl 2020 bleiben Amerikas Demokraten weiter den Beweis schuldig, wie sie das von Trump in feindliche Lager getriebene Land entgiften und einen wollen.

Zu tief scheinen weiter die ideologischen Gräben vor der eigenen Haustür zu sein. Zu unscharf sind die Konturen eines Brückenbauers, der auch im konservativen Spektrum Gehör und Stimmen finden könnte. „Donald Trump kann sich zurücklehnen“, sagte ein Analyst im US-Fernsehen, „die Demokraten stecken in einer Selbstfindungskrise mit offenem Ausgang.“

Am deutlichsten bekam das der in Umfragen mit Werten um die 35 Prozent klar vorn liegende Joe Biden zu spüren. Nach einem verkorksten Auftritt bei der Premiere im Juni in Miami, als ihn die kalifornische Senatorin Kamala Harris mit Rassismus-Vorwürfen aus dem Gleichgewicht brachte, stand der Ex-Vizepräsident von Barack Obama am Mittwochabend in Detroit unter Zugzwang.

Joe Biden zeigte sich nicht als Trump-Herausforderer

Der 76-Jährige überlebte das diesmal aus allen Richtungen kommende Sperrfeuer. Aber er dominierte nie. Oder lieferte, was von einem potenziellen Drachentöter erwartet wird: die Umrisse einer Vision statt Klein-Klein mit Zahlen, die niemand versteht.

Biden machte selbst in der Defensive zu oft schlapp. Er verhaspelte sich, brachte seine Sätze nicht zum Schluss und flüchtete sich in ein hilfloses „egal“. Mit Blick auf 2020 warnte er fälschlicherweise vor „acht weiteren Jahren mit Donald Trump“. Beim Schlusswort versemmelte er den Hinweis auf seine Präsenz in den Sozialen Medien komplett.

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Dass seine ernster zu nehmenden Konkurrenten, allen voran Kamala Harris und Cory Booker, von Gesundheitspolitik, Strafrecht, Einwanderung, Klimaschutz bis Rassismus de facto Bidens politische Lebensleistung in Frage stellten, gab einen Vorgeschmack auf die Härte der Auseinandersetzung der nächsten Monate.

Die größten Probleme hatte der Senior, wenn er in einer nach links gerückten demokratischen Partei sein politisches Tun als Sozius von Barack Obama rechtfertigen sollte und dabei zwischen Distanzierung und Ich-stehe-dazu lavierte. Als etwa zur Sprache kam, dass unter Obama fast 800.000 illegale Einwanderer deportiert wurden (ein Reiz-Thema, bedingt durch die aktuelle Lage an der mexikanischen Grenze und Trumps Abschottungspolitik gegen Latinos), flüchtete sich Biden in die schale Ausrede, er sei Vizepräsident gewesen – und nicht Chef.

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Bernie Sanders und Elizabeth Warren wollen „Revolution“

Im September bei der dritten TV-Debatte in Houston wird Joe Biden damit nicht mehr durchkommen. Der Flaschenhals vor der Debatten-Bühne ist dann enger. Bisher erfüllen erst sieben von 20 Aspiranten die von der Parteizentrale verschärften Kriterien. Darunter ist das Progressiven-Paar Bernie Sanders und Elizabeth Warren, die mit 77 und 70 Jahren in Bidens Altersklasse sind, aber in Umfragen noch deutlich hinter ihm rangieren.

Beide stehen programmatisch auf der Gegengeraden zum Frontrunner Biden. Sie plädieren für eine grundsätzliche Revision eines aus ihrer Sicht strukturell soziale Ungleichheit erzeugenden Wirtschafts- und Demokratiemodells. Dass zum Politikangebot von Sanders/Warren die Entkriminalisierung von illegalen Grenzübertritten, kostenloser Krankenschutz für Flüchtlinge, Kreditschuldenerlass für Studenten, ein radikales Programm gegen den Klimawandel und eine mehrere tausend Milliarden Dollar teure staatliche Krankenkasse („Medicare for All“) gehört, birgt Sprengstoff.

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Biden will ein Modell, in dem private Krankenkassen bestehen können. Er hält illegale Grenzübertritte für eine „Straftat“ und würde zwar wieder in das Pariser Klimaschutzabkommen eintreten, aber konventionelle Energieträger wie Öl und Gas nicht binnen kurzer Zeit ausmustern. Bidens Motto: Veränderungen nur mit Augenmaß!

Er glaubt, dabei eine Mehrheit in der Bevölkerung hinter sich zu haben. Sanders und Warren glauben an das Gegenteil. Sie wollen „Revolution“. Der Kampf um das Ticket gegen Trump dürfte entlang dieses Konflikts entschieden werden.