Tötungsdelikt

Zugschubser in Voerde: Er terrorisierte zuvor ganzes Dorf

Der Mann, der eine Frau im nordrhein-westfälischen Voerde vor einen Zug gestoßen hat, war der Polizei schon als Gewalttäter bekannt.

Reisende gedenken einer Frau, die in Voerde vor einen Zug gestoßen und dadurch getötet wurde.

Reisende gedenken einer Frau, die in Voerde vor einen Zug gestoßen und dadurch getötet wurde.

Foto: Marcel Kusch / dpa

Hamminkeln. Brünen ist ein verschlafenes, kleines Dorf, Ortsteil der niederrheinischen Kleinstadt Hamminkeln, rund 4000 Einwohner, im Dorfkern alte Backsteinhäuser. In der Nähe der Dorfkirche, an einer Durchgangsstraße, liegt ein heruntergekommenes Haus, in dessen Erdgeschoss einmal ein Kiosk war. Hier ist der Mann gemeldet, der am vergangenen Sonnabend auf dem Bahnhof im 20 Kilometer entfernten Voerde ein unfassbares Verbrechen begangen hat.

Er schubste eine junge Mutter auf die Gleise, wo sie von einem Regionalzug überrollt und getötet wurde. Eine Tat aus reiner Mordlust, wie die Ermittler sagen. Jetzt kommt heraus: Der 28-Jährige war in seinem Dorf kein Unbekannter. Immer wieder hat er randaliert und Menschen bedroht, oft gemeinsam mit seinem älteren Bruder, berichten Einwohner. Der Fall wirft die Frage auf, warum dieser Mann nicht längst aus dem Verkehr gezogen wurde.

Frau in Voerde vor Zug gestoßen: Verdächtiger verletzte Polizisten

In einer Facebook-Gruppe diskutierten Brünener Bürger erst vor wenigen Wochen über den mutmaßlichen Täter, auch darüber, ob er eine Gefahr für andere sein könnte: „Niemand kann doch sagen, wie kurz seine Zündschnur ist, bis der mal vollkommen ausrastet“, schrieb einer der Kommentatoren. Das war kurz nachdem der 28-Jährige betrunken vor einer Gaststätte randaliert und zwei Polizisten derart verletzt hatte, dass sie danach dienstunfähig waren.

Diese Google-Karte zeigt den Bahnhof Voerde.

Seit etwa einem Jahr lebt Jackson B. in dem Dorf, sein Bruder ist erst kürzlich fortgezogen, erzählt ein Nachbar. Der 28-Jährige sei häufig betrunken gewesen. Es habe oft Ärger mit dem aggressiven Brüder-Duo gegeben, knapp zehn Vorfälle von Ruhestörung, Sachbeschädigung, Bedrohung und Gewalt habe er mitbekommen.

Verdächtiger aus Hamminkeln – das sagt ein Nachbar über ihn

Bei der Polizei war der 28-Jährige, der getrennt von seiner Frau und seiner jungen Tochter lebte, bekannt wegen Diebstahl, Einbruch, Betrügereien und Körperverletzungen. Als Ersatz für Geldbußen hat er zwei Freiheitsstrafen verbüßt.

An ein Ereignis kann sich der Nachbar in Brünen noch besonders gut erinnern: Ende März traten Jackson B. und sein 32-jähriger Bruder abends auf Autos an der Straße ein. Dann traten und schlugen sie die Tür des Hauses eines Ehepaars ein, 88 und 98 Jahre alt. Die Brüder bedrohten die Senioren.

Angeblich habe der Sohn des Paares den 28-Jährigen verklagen wollen, so der Nachbar. Er ging dazwischen, berichtet er, hielt die beiden Brüder fest. Die Polizei kam später dazu, nahm die alkoholisierten Männer in Gewahrsam. Bei der Festnahme wehrte sich der 28-Jährige und verletzte einen Beamten leicht. Am nächsten Tag kamen die Brüder frei.

Polizei sieht Schuld im System, nicht bei sich selbst

So war es offenbar häufig: Der Mann terrorisierte seine Nachbarn, die Polizei kam, trotzdem kehrte er immer wieder zurück in sein Haus. „Hätte man vorher etwas entdecken können, um das zu verhindern?“, fragt sich auch Jacqueline Grahl, Sprecherin der ermittelnden Duisburger Polizei. Sie sieht die Schuld allerdings im System, nicht bei der Polizei.

„Jemand, der häufiger mal eingebrochen ist, in Schlägereien verwickelt war oder seine Nachbarn bedroht hat, wird nicht automatisch zum Mörder“, so Grahl. Eine solche Entwicklung sei extrem selten. Auch könne auf dieser Basis niemand in die Psychiatrie eingewiesen oder gar „weggesperrt“ werden. „So funktioniert unser Rechtssystem nicht“, sagt Grahl.

Polizei-Psychologe: „Oft reicht schon ein falscher Blick“

„Bei Leuten, denen die Aggressivität aus den Ohren herausläuft, reicht oft schon ein falscher Blick“, erklärt Polizei-Psychologe Adolf Gallwitz gegenüber der „Bild“. „Oft geht es einfach nur um eine Aggressionsabfuhr. Darum, die Wut rauszulassen.“

Der mutmaßliche Mörder sitzt in U-Haft, er schweigt und wird psychiatrisch begutachtet. „Wir müssen uns das genau ansehen und analysieren, welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen“, fordert der sichtlich schockierte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Dem Opfer nützt das nichts mehr. Die Frau hinterlässt eine 13-jährige Tochter und ihren Mann, den sie im vergangenen Sommer geheiratet hatte. Sie wurde nur 34 Jahre alt.

Nur kurze Zeit später kam es zu einem vergleichbaren Vorfall: Ein Mann schubste eine Mutter und ihren Jungen in Frankfurt ins Gleisbett – sie konnte sich retten, der Junge starb.

In Bayern wurde im vergangenen Jahr ein Junge vor den Augen des Bruder von einem Zug erfasst und getötet. Einen Monat später starb ein 16-jähriges Mädchen in Stade auf einem Bahnübergang.