Seenotrettung

Ende einer Odyssee: Ein Bericht von der „Sea Watch 3“

Das Rettungsschiff „Sea Watch 3“ ist beschlagnahmt worden. Was hat sich zuvor an Bord abgespielt?

Die italienischen Polizisten bewachen die Migranten, die mit der „Sea-Watch 3“ nach Italien gekommen sind.

Die italienischen Polizisten bewachen die Migranten, die mit der „Sea-Watch 3“ nach Italien gekommen sind.

Foto: Guglielmo Mangiapane / Reuters

Berlin/Lampedusa. Drei Wochen lang fuhr das deutsche Rettungsschiff „Sea Watch 3“ durch das Mittelmeer und rettete 53 Flüchtlinge. Schließlich entschied sich Kapitänin Carola Rackete, trotz fehlender Erlaubnis in der Nacht zu Sonnabend den Hafen von Lampedusa anzusteuern. Dabei stieß die „Sea Watch“ mit einem Boot der Finanzpolizei zusammen, wofür sich Rackete später entschuldigte. Danach beschlagnahmten die italienischen Behörden das Schiff und nahmen Rackete fest. Die Flüchtlinge konnten von Bord. Der italienische Innenminister Matteo Salvini bezeichnete die Besatzung des Schiffes als „kriminell“. Mehrere deutsche Städte, darunter Berlin, haben sich bereit erklärt, die Flüchtlinge aufzunehmen. Der Filmemacher Till Egen war mit an Bord des Schiffes, wo wir ihn kurz vor dem Einlaufen in den Hafen erreichten.

Gerettete wurden in Lagern gefoltert

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende meldet sich Till Egen. Es war nicht leicht, ihn zu erreichen. „Seit Tagen hatte ich keinen guten Empfang mehr“, sagt der Berliner Filmemacher. Er klingt erschöpft.

Rund drei Wochen ist es her, dass der 35-Jährige mit der „Sea Watch 3“ von Sizilien aus in See gestochen ist. Mit dem Ziel, Menschen, die in kleinen Booten die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer antreten, zu retten. Wenige Tage später war es schon soweit: Die 22-köpfige Crew der „Sea Watch 3“ fischte 53 Menschen aus dem Wasser. Sie trieben auf einem „knallblauen Gummiboot mitten auf dem Meer, bei zeitweise grenzwertigem Wellengang“, erinnert sich Till Egen. Unter den Geretteten: ein Baby, ein Kleinkind und drei Minderjährige.

670.000 Migranten sollen in Libyen sein

„Unsere Gäste sind alle schwer traumatisiert“, erzählt er. Gäste, so nennt die Crew der „Sea Watch 3“ die Geretteten. Die meisten von ihnen, erzählt Egen, waren in Libyen inhaftiert. „Man sieht, dass sie gefoltert wurden“, sagt er. Egen erklärt, dass die Gefangenen mit ihren Familien in ihren Heimatländern per Videotelefon sprechen dürften. So werden die Angehörigen erpresst: Entweder sie bezahlen für die Freilassung der Familienmitglieder, oder sie werden getötet. Im Bürgerkriegsland Libyen keine leere Drohung.

Gegenwärtig sollen sich rund 6000 Migranten und Flüchtlinge in Gefangenenlagern in Libyen befinden, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Bis zu 670.000 Migranten sollen sich in dem nordafrikanischen Land befinden.

Versuchen sie, das Mittelmeer Richtung Italien zu überqueren, besteht die Gefahr, dass sie von der libyschen Küstenwache abgefangen und in Gefangenenlagern inhaftiert werden. Immer mehr Menschen wählen daher laut UNHCR die Route über das Mittelmeer nach Spanien. 2018 kamen in Italien 23.400 Flüchtlinge an, in Spanien 54.800 (und 8000 über Land in den Enklaven Ceuta und Melilla). 2019 kamen bisher gut 24.000 Menschen in ganz Europa an – und jeden Tag ertrinken im Schnitt sechs Flüchtlinge im Mittelmeer.

Für Till Egen ist es die zweite Mission auf der „Sea Watch“. 2016 startete er zum ersten Mal. Unerträglich waren für ihn die Bilder, die er im Fernsehen sah. In einer „Festung Europa“ will er nicht leben. „Durch so eine Abschottungspolitik saufen die Menschen im Mittelmeer ab.“

Drei Wochen lang hat der Berliner nun kein Land mehr unter den Füßen gespürt. Zu essen gab es täglich Reis mit Bohnen und Soße. Nahrung eben, die lange haltbar ist. Die internationale Crew der „Sea Watch 3“ – die Besatzung kommt unter anderem aus Deutschland, Frankreich und den USA – hatte sich darauf eingestellt, lange auf See zu bleiben. Dass der italienische rechts-nationale Innenminister Matteo Salvini das Schiff nicht in den Hafen von Lampedusa einlaufen lassen werde, war keine Überraschung. Die Mission entwickelte sich bis zur Ankunft in Lampedusa von Tag zu Tag zu einer Zerreißprobe für die Nerven aller Beteiligten.

Etwa zwei Wochen lang fuhr die Kapitänin der „Sea Watch 3“, Carola Rackete, durch internationale Gewässer. Mitte der Woche musste die „Sea Watch 3“ dann eine bittere Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg einstecken: Die Richter hatten einen Eilantrag des Rettungsschiffes, in Italien anlegen zu dürfen, abgelehnt. Unter anderem, weil 13 Flüchtlinge, unter ihnen Kinder und schwangere Frauen, bereits aus medizinischen Gründen in Italien an Land gehen durften.

"Die Situation an Bord war sehr angespannt"

Kapitänin Rackete setzte sich dann über Salvinis Verbot hinweg und drang in italienisches Hoheitsgewässer ein, nur wenige Seemeilen vor Lampedusa, die Insel in Sichtweite. Auf Anweisung der Polizei musste das Schiff aber rund eine Seemeile vor dem Hafen stoppen.

„Die Situation an Bord war sehr angespannt“, berichtet Till Egen. „Wenn 60 bis 70 zum Teil schwer traumatisierte Menschen seit drei Wochen auf einem Boot – auf engstem Raum – festsitzen, dann ist das für alle hart.“ Der 35 Jahre alte Berliner erzählt, dass einige der Geretteten damit drohten, nach Italien zu schwimmen. Das gelobte Land: so nah, und doch unerreichbar. „Die wenigsten können schwimmen, das hätte für sie den sicheren Tod bedeutet“, sagt Egen.

Wie es jetzt weitergeht, ist unklar. Die italienische Staatsanwaltschaft wirft Rackete unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung des Seerechts vor. Ihr droht eine Haftstrafe. Vorwürfe, über die Till Egen eigentlich nur lachen könnte – wenn sie denn nicht so ernst wären. „Wir sind doch keine Piraten“, sagt er. Trotzdem müssen sich die die Sea-Watch-Aktivisten immer wieder mit dem Vorwurf des sogenannten „Pull-Effekts“ auseinandersetzen, weil ihre Arbeit mehr Menschen zur Flucht animieren würde und sie die Überfahrt nach Europa sicherer machten. Offizielle Zahlen belegen diesen Vorwurf nicht.

Das italienische Programm zur Seenotrettung, „Mare Nostrum“, lief zwischen Oktober 2013 und 2014 und rettete laut UN-Migrationsbehörde IOM rund 150.000 Menschen im Mittelmeer. Insgesamt machten sich damals rund 275.000 Menschen auf den Weg über das Mittelmeer. Nachdem die Operation eingestellt worden war, sind die Überfahrten aber nicht weniger geworden. Die Zahl der Toten hingegen ist 2015 massiv gestiegen: Schätzungsweise 4000 Menschen starben, mehr als eine Million wagten den Weg trotzdem. „Die Menschen, die sich übers Mittelmeer auf den Weg nach Europa machen, wissen doch gar nicht, dass es uns gibt“, sagt Till Egen. „Die fahren so oder so los.“

Kurz vor dem Einlaufen in Lampedusa waren sechs italienische Parlamentarier an Bord der „Sea Watch 3“ gekommen. Sie wollten sich vor Ort ein Bild der Lage machen – und helfen, eine politische Lösung zu finden. Das ist nicht gelungen.