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US-Wahl: Weltpremiere für die demokratischen Amtsanwärter

Die 20 demokratischen Anwärterinnen und Anwärter für die US-Wahl präsentieren sich im TV. Die meisten braucht man sich nicht zu merken.

Sie haben schon jetzt den Überblick über die vielen Anwärterinnen und Anwärter für den US-Wahlkampf verloren? Kein Problem, hier sind zwei, deren Gesicht Sie sich merken können: Das zweite von rechts gehört Ex-Vizepräsident Joe Biden, das erste von rechts der Senatorin Elisabeth Warren (1.v.r.).

Sie haben schon jetzt den Überblick über die vielen Anwärterinnen und Anwärter für den US-Wahlkampf verloren? Kein Problem, hier sind zwei, deren Gesicht Sie sich merken können: Das zweite von rechts gehört Ex-Vizepräsident Joe Biden, das erste von rechts der Senatorin Elisabeth Warren (1.v.r.).

Foto: LEAH MILLIS / Reuters

Washington. Der Schauplatz ist mit Bedacht gewählt. Die Multimillionärin Adrienne Arsht war in den 60er Jahren in der Luftfahrt-Industrie eine Überfliegerin. Genau so jemand wird in dem nach ihr benannten “Zentrum für darstellende Künste” in Miami an diesem Mittwoch und Donnerstag auch gesucht – allerdings in der Politik.

20 demokratische Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten, die in gut 17 Monaten Donald Trump ablösen wollen, stellen sich zum ersten Mal einem Millionen-Publikum vor. Der Verdaulichkeit halber wurden die auf zwei Stunden angesetzten TV-Debatten auf je zehn Teilnehmer begrenzt. Bleiben etwa neun Minuten pro Person, zieht man die Zeit für Werbe-Pausen und Moderatoren-Plausch ab.

Nicht viel, um beim politischen Speed-Dating Eindruck zu schinden. Aber genug, um Sprücheklopfern ein Forum zu geben. Eigentlich gibt es bei der Anti-Trump-Partei inzwischen sage und schreibe 25 Anwärterinnen und Anwärter auf das Amt. Aber Steve Bullock, Seth Moulton, Wayne Messam, Mike Gravel und der Ultra-Späteinsteiger Joe Sestak erfüllten die Kriterien für Miami nicht: 65.000 Einzelspenden und mindestens ein Prozent Zustimmung in drei landesweiten Umfragen.

Viele Namen, die Sie sich nicht zu merken brauchen

Für das Gros der Kandidatinnen und Kandidaten geht es bereits ums Ganze, wenn NBC-Starmoderator Lester Holt den Premieren-Abend eröffnet. Sie dümpeln bei Bekanntheit und Zustimmung beharrlich in niedrigsten einstelligen Prozentgefilden. Hinterlassen sie in Florida keinen Eindruck, sinkt ihre Verwertbarkeit in den Medien. Und damit der Anreiz für Geldgeber, ihre Kampagnen zu unterstützen.

Als Richtschnur gilt, dass Aspirantinnen und Aspiranten, die bei den ersten offiziellen Vorwahlen in Iowa, New Hampshire und South Carolina ab Februar 2020 wettbewerbsfähig sein wollen, bis dahin rund 50 Millionen Dollar im Spendentopf haben müssen. Schaut man auf das noch bedingt aussagekräftige Bild der Meinungsforschungsinstitute könnten nach Miami die amtierenden oder ehemaligen Kongressabgeordneten Tim Ryan (Ohio), Eric Swalwell (Kalifornien), Tom Delaney (Maryland) und Tulsi Gabbard (Hawaii) von einem frühen Aus betroffen sei.

Bei Beto O’Rourke, der 2018 bei den Wahlen zum Senat in Texas knapp Platzhirsch Ted Cruz unterlag, wird Miami entweder eine Frischzellenkur sein – oder sein “sudden death”. Marianne Williamson (spirituelle Autorin und Lebensberaterin), Andrew Yang (Internet-Unternehmer), Bill de Blasio (New Yorks Bürgermeister) und der frühere Wohnungsbau-Minister Julian Castro gelten wegen fehlender Bekanntheitswerte schon an der Startlinie als so gut wie gescheitert.

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Fünf im Bunde der „hopefuls“

Auch die ehemaligen Gouverneure (vergleichbar mit deutschen Ministerpräsidenten) John Hickenlooper (Colorado) und Jay Inslee (Washington State) dürften in dieser Kategorie einzusortieren sein. Im Kreis der Senatoren, die sich zu Höherem berufen sehen, muss man sich aller Wahrscheinlichkeit nach die Namen Michael Bennet (Colorado) und Kirsten Gillibrand (New York) nicht auf Dauer einprägen.

Bei Amy Klobuchar (Minnesota) und Cory Booker (New Jersey) ist die Prognosen noch schwierig. Tendenz: negativ. Bleiben jene übrig, auf die sich schon seit geraumer Zeit das mediale Interesse, Spender und eine bekannte Internetsuchmaschine fokussieren: Joe Biden, Ex-Vizepräsident, und mit deutlichem Vorsprung Spitzenreiter seit Anfang an. Dahinter kommen Bernie Sanders, Senator aus Vermont und 2016 Hillary Clinton parteiintern unterlegen, sowie die Senatorinnen Elizabeth Warren (Massachusetts) und Kamala Harris (Kalifornien). Der Fünfte im Bunde der “hopefuls” ist Jungspund Pete Buttigieg (37), der offen schwul lebende Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt South Bend/Michigan.

Auf Elisabeth Warren darf man gespannt sein

Bidens Stern und auch der des “demokratischen Sozialisten” Sanders sank zuletzt graduell. Obamas Vize leistete sich Äußerungen, aus denen vereinzelt Verständnis für Rassismus herausgelesen wurde. Bei Sanders ist der Glanz der Sturm-und-Drang-Kampagne von vor vier Jahren etwas matt geworden. Kamala Harris wiederum steht im Verdacht, sich abseits ihrer juristischen Grandezza (sie war Generalstaatsanwältin) inhaltlich nicht packen zu lassen. Buttigieg, der als Außenseiter ins Rennen kam und sich durch viele kluge Auftritte gegen die Senioren-Riege seiner Partei profiliert hat, hat derzeit mit einem tödlichen Polizeieinsatz in seiner Heimatstadt zu kämpfen. Bleibt Elizabeth Warren. Die politisch Bernie Sanders nicht unähnliche Umverteilungspolitikerin sozialdemokratischen Typus’ macht seit Wochen schleichend Boden gut.

Der Lohn: großflächige Zeitungsreportagen, die sie als Kämpferin ausweisen. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie hat für jedes Politikfeld scheinbar ausgearbeitete Konzepte. Warren ist heute gefühlt im Vorteil. Das Los hat sie als einziges Schwergewicht in der Debatte am Mittwoch platziert. Sanders, Harris und Buttigieg werden am Donnerstag mit verteilten Rollen versuchen, den Leitwolf Biden wegzubeißen, der sich als einziger dem Linksdrall seiner Partei widersetzt.

Trump wird sich der Feindbeobachtung widmen und dazu twittern

Ende Juli wird das Schauspiel in Detroit wiederholt. Angesichts der auf über zwei Fußball-Mannschaften angeschwollenen Schar der Möchtegern-Trump-Herausforderer haben laut Umfragen viele demokratische Wähler noch gar nicht richtig eingeschaltet. Nur 35 Prozent verfolgen das seit Januar laufende Polit-Vorspiel intensiv. Donald Trump, so viel ist klar, wird gewiss zusehen – und twittern, was ihm in den Sinn kommt. Als Präsident mit derart mäßigen Beliebtheitswerten von konstant weit unter 50 Prozent kann man mit der Feindbeobachtung gar nicht früh genug beginnen.