Bundeskanzlerin

Nach dem Zittern – Angela Merkel ist wieder unterwegs

Die Kanzlerin besucht nach ihren mutmaßlichen Kreislaufproblemen Ex-Außenminister Gabriel in Goslar. Wie immer hält sie ihr Pensum.

Sigmar Gabriel (SPD), Ehrenbürger der Stadt Goslar, als Fanboy: Er macht ein Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einer Teilnehmerin der Schülerbewegung „Fridays for Future“.

Sigmar Gabriel (SPD), Ehrenbürger der Stadt Goslar, als Fanboy: Er macht ein Foto von Bundeskanzlerin Angela Merkel und einer Teilnehmerin der Schülerbewegung „Fridays for Future“.

Foto: Swen Pförtner / dpa

Berlin/Goslar.  „Wunderbar“. So lautet am Mittwoch die Antwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Frage, wie es ihr gehe. Einen Tag, nach dem sie in Berlin öffentlich stark zitterte, ist sie schon wieder unterwegs, dieses Mal in Goslar. Nur einen Tag, nachdem ihr Körper in der Hitze der Sonne scheinbar kurz vor dem Zusammenbruch stand. Bei den aktuell hohen Temperaturen solle man „nicht zuviel Kaffee trinken und mehr Wasser“, sagte sie.

Die Weltöffentlichkeit hatte am Tag zuvor nicht nur die Bundeskanzlerin in ihrer professionellen Rolle wahrgenommen, sondern auch einen Hauch Verletzlichkeit – den 64-jährigen Menschen Angela Merkel.

Angela Merkel zittert – der ukrainische Botschafter in Sorge

Während die Kanzlerin am Dienstag gemeinsam mit dem neuen Präsidenten der Ukraine Wolodymyr Selensky auf das Abschreiten der Ehrenformation der Bundeswehr wartete, passiert es. Merkel begann scheinbar unkontrolliert zu zittern, fast zwei Minuten lang.

Dabei war auch der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, er habe seinen Augen nicht trauen wollen: „Dann habe ich gebetet, dass die Kanzlerin sich schnell wieder wohlfühlen würde“, so beschrieb er der „Bild“-Zeitung den Vorfall.

Die Kanzlerin sagte später auf der gemeinsamen Pressekonferenz: „Ich hab’ inzwischen mindestens drei Gläser Wasser getrunken, das hat offensichtlich gefehlt. Und insofern geht es mir sehr gut.“

Warum die Kanzlerin beim Empfang von Selenskyj zitterte

Mediziner geben vorsichtige Entwarnung

Alles gut also? Ärzte bestätigten auf besorgte Mediennachfragen, das Zittern könne durch Wassermangel ausgelöst worden sein. Es sei nicht unplausibel, sagte etwa Alexander Schultze, stellvertretender Leiter der Notaufnahme am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf der Deutschen Presse-Agentur.

Aus medizinischer Sicht sei das Zittern an sich nicht alarmierend, ein Flüssigkeitsmangel bei diesem Wetter nicht untypisch. Die Information, dass es der Kanzlerin nach drei Gläsern Wasser wieder besser ging, könne durchaus ein Hinweis darauf sein, dass es sich um ein kurzzeitiges Kreislaufproblem gehandelt habe, sagt Schultze.

Angela Merkel – Terminkalender ist voll

Und auch zu verständlich, denn der Terminplan der Bundeskanzlerin ist unbarmherzig. Allein in den vergangenen drei Wochen war sie in Bonn, Köln, Meseberg, in Frankfurt, in Boston, wo ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Havard verliehen wurde, bei der Gedenkfeier zum D-Day in Portsmouth, und traf die britische Premierministerin Theresa May, den amerikanischen Außenminister Mike Pompeo, den stellvertretenden chinesischen Staatspräsidenten Wang Qishan, den Ministerpräsidenten der Republik Kosovo, Ramush Haradinaj, und vergangenen Mittwoch den Kronprinzen von Abu Dhabi Mohammed bin Zayed al Nahyan.

Vor dem Treffen mit dem Kronprinzen saß sie noch mit ihrem Kabinett zusammen, dann war sie noch auf einer Sitzung des Digitalrates. Vor dem Abendessen mit dem Kronprinzen gab sie Statements, um dann mit ihm die bilateralen Beziehungen und die Lage in der Region durchzugehen. Ein typischer Tag im Leben der Bundeskanzlerin.

Merkel würde 2021 so lange wie Kohl regieren

Noch typischer ist, wenn sie wie diesen Mittwoch auch noch zwischen den Terminen die Städte wechselt. Morgens wieder Kabinettssitzung mit den Ministern in Berlin, dann der Besuch in Goslar, Treffen mit dem Oberbürgermeister Oliver Junk, ihrem Außenminister a.D. Sigmar Gabriel und Besuch des Erzbergwerks Rammelsberg.

Dann diskutiert sie mit Schülern, Eintrag ins Goldene Buch. Später wieder Rückfahrt, wieder Vorbereitung auf die nächsten Tage, Themen, Personen und Reisen.

Angela Merkel hält dieses Level bereits seit 14 Jahren, so lange ist sie im Amt der Bundeskanzlerin. Auch bei langen, nächtlichen Verhandlungsrunden bleibt sie konzentriert. Ob bei EU-Gipfeln oder Koalitionsverhandlungen im Kanzleramt, man erinnere sich an die langen Nächte, als es um eine mögliche Jamaika-Koalition ging. Auch wenn diese Runde scheiterte, Merkel bleibt wach.

Angela Merkel: „Ich habe kamelartige Fähigkeiten“

Sich selbst und ihre besonderen Fähigkeiten beschrieb sie selbst so: „Ich kann kurzzeitig mal mit wenig Schlaf auskommen. Aber ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Das heißt: Ich muss dann auch wieder auftanken. Also: Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber nach einer Weile – also ich brauch’ im Durchschnitt mehr als vier bis fünf Stunden Schlaf.“

Die Kanzlerin ist immer im Dienst, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Auch dann, wenn wie im April diesen Jahres die eigene Mutter stirbt. Nur Heiligabend ist der Tag, an dem nichts von ihr erwartet wird. In den Urlaub verabschiedet sie sich einmal im Jahr zum Wandern nach Südtirol. Regelmäßig besucht sie die Wagner-Festspiele in Bayreuth, ab und an entspannt sie bei Theater-und Opernbesuchen in Berlin. Vielmehr Privates gibt sie nicht preis.

Dabei hat Angela Merkel seit dem 7. Dezember ihr Pensum schon reduziert. Seither ist Merkel nur noch Kanzlerin. Parteivorsitzende der CDU ist Annegret Kramp-Karrenbauer.

Gerhard Schröder über Angela Merkel: „Als Kanzlerin hat man viel zu tun“

Alt-Kanzler Gerhard Schröder wurde kürzlich gefragt, wie er die Entscheidung Merkels, den Parteivorsitz abzugeben, beurteilt. Schröder halte den Schritt wegen der Arbeitsbelastung für richtig. „Dauerhaft Kanzler und Vorsitzender — das muss nicht sein. Wenn man Kanzlerin oder Kanzler ist, hat man so viel zu tun, dass die Zeit für Parteitermine fehlt“, sagte er vor ein paar Monaten der „Welt“.

2005 löste ihn Angela Merkel im Kanzleramt ab. Dass die Kanzlerin nach Ende ihrer vierten Amtszeit im Jahr 2021 nicht mehr antritt, ist klar. Dann könnte sie so lange wie Alt-Kanzler Helmut Kohl regiert haben.

Kommentar: Merkel soll vor 2021 aufhören: Schöner wird’s nicht

Nach ihrem Besuch in Goslar ist Angela Merkel am Mittwochabend noch weiter gefahren. In der Dresdener Frauenkirche traf sie sich auf der Konferenz „Moral und Maschinen“ mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft. Es ging um künstliche Intelligenz.

Wann sie in der Nacht nach Berlin zurückkehrte? Keine Auskunft darüber in ihrem harten Terminkalender.