Brexit-Chaos

Theresa May kündigt Rücktritt an – Chance für Boris Johnson

| Lesedauer: 7 Minuten
Jochen Wittmann und Michael Backfisch
Theresa May kündigt Rücktritt als Parteichefin für 7. Juni an

Theresa May kündigt Rücktritt als Parteichefin für 7. Juni an

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Nach dem angekündigten Rücktritt von Premier Theresa May läuft sich der Hardliner Boris Johnson warm. Nun droht ein harter EU-Ausstieg.

London. Sie hat unzählige Niederlagen weggelächelt, Rückschläge verkraftet, selbst in aussichtsloser Lage Optimismus verbreitet. Doch an diesem Freitag fällt das ganze Disziplin-Korsett von Theresa May in sich zusammen.

„Ich werde in Kürze die Aufgabe abgeben, die für mich die größte Ehre meines Lebens bedeutete“, sagt die britische Premierministerin. Am 7. Juni will sie als Parteichefin der Konservativen zurücktreten. „Es ist und wird immer eine Angelegenheit von tiefem Bedauern für mich sein, dass es mir nicht gelungen ist, den Brexit zu vollziehen“, fügt sie hinzu.

Theresa May muss bei Rücktritt-Ankündigung weinen

Ihre Stimme wird brüchig, am Ende ihrer Rede schießen ihr Tränen in die Augen. Gebeugt und mit schmerzverzogenem Gesicht verschwindet sie schließlich hinter der schwarzen Tür ihres Amtssitzes in Downing Street 10. Es wird damit gerechnet, dass sie die Regierungsgeschäfte Ende Juli an ihren Nachfolger übergibt.

May will Parlament über Brexit-Referendum abstimmen lassen
May will Parlament über Brexit-Referendum abstimmen lassen

Wenige Minuten später tritt Mays großer Gegenspieler, der ehemalige Außenminister Boris Johnson, ungewohnt demütig auf. „Eine sehr würdevolle Erklärung von Theresa May. Danke für deinen stoischen Dienst für unser Land und die Konservative Partei.“

Johnson verbirgt seine Angriffslust hinter Charme-Fassade

Salbungsvolle Worte für einen Politiker, der als Provokateur, Stichler und Quertreiber im ganzen Land bekannt ist. Dass Johnson vehement für das Brexit-Referendum im Juni 2016 getrommelt und später Mays Deal mit Brüssel nach allen Regeln der Kunst torpediert hatte: In diesem Moment ist das vergessen.

Dabei verbirgt der 54-Jährige seine Angriffslust geschickt hinter einer Charme-Fassade. Der Wuschelkopf gehört ebenso zu seinen Markenzeichen wie der stets etwas zerknitterte Anzug. So kennen ihn die Briten, so mögen sie ihn. Etwas linkisch, etwas unbeholfen, aber mit einer farbigen Ausdrucksweise.

Boris Johnson vergreift sich kalkuliert im Ton

Johnsons Kommentare in der TV-Satiresendung „Have I Got News for You“ haben zur Gründung von Fanclubs geführt, seine ironischen Bemerkungen zum Zeitgeschehen lockern den drögen politischen Alltag auf, und im Internet finden sich Webseiten für „Boris-Zitate“. Über den angeblichen Versuch der EU, einen Superstaat zu schaffen, lästerte er einmal: „Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet (immer) tragisch.“

Während des Wahlkampfs 2005 versprach er: „Wenn Sie konservativ wählen, wird das Ihren Frauen größere Brüste verschaffen und Ihre Chancen erhöhen, einen BMW zu gewinnen.“ Er weiß: Gerade sein Mundwerk und seine Respektlosigkeit bringen ihm Sympathien ein – selbst wenn er sich im Ton vergreift.

Über die Stadt Portsmouth hat er einmal gespottet: „ein Ort, der zu voll ist mit Drogen, Fettleibigkeit und Labour-Abgeordneten“. Papa-Neuguinea schrieb er „Orgien des Kannibalismus und der Häuptlingsmorde“ zu.