Terrormiliz

Abu Bakr al-Bagdadi: IS-Chef schwört Rache gegen Christen

Abu Bakr al-Baghdadi will weltweit auf Bündnisse mit lokalen Terrorgruppen setzen. Die Anschläge von Sri Lanka dienen ihm als Modell.

Screenshot eines undatierten Videos, das am Montag über Al-Furkan, einen Medienkanal der IS, verbreitet wurde, zeigt den Anführer der IS-Terrormiliz Abu Bakr al-Bagdadi.

Screenshot eines undatierten Videos, das am Montag über Al-Furkan, einen Medienkanal der IS, verbreitet wurde, zeigt den Anführer der IS-Terrormiliz Abu Bakr al-Bagdadi.

Foto: --- / dpa

Berlin. Er ist feist geworden, das Gesicht teigiger, der graue und hennarot gefärbte Bart länger. Abu Bakr al-Baghdadi sitzt im Schneidersitz auf einer Matratze, rechts neben ihm befinden sich zwei schwarz-braun-grüne Kissen mit Blumenmuster und eine Kalaschnikow.

Der selbst ernannte Kalif und Gründer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) trägt einen dunklen Kaftan, ein schwarzes Tuch um den Kopf und eine graue Weste. Al-Baghdadi redet in dem jetzt aufgetauchten Video zu drei vermummten Gefolgsleuten.

Er spricht viel von „Rache“ gegen die „Ungläubigen“, „Christen“ und „Kreuzritter“. Die Anschläge am Ostersonntag auf Sri Lanka mit 253 Toten bezeichnet er als Vergeltung für den Verlust der ostsyrischen Stadt Barghus Ende März, des letzten Rückzugsortes der Islamisten. Ferner erwähnt er die Wiederwahl von Israels Premier Benjamin Netanjahu sowie die politischen Unruhen in Algerien und im Sudan. Die Aufnahme muss also aktuell sein.

Das von der IS-Propaganda-Plattform al-Furqan Media veröffentlichte Video halten westliche Nachrichtendienste und Terrorismus-Experten für authentisch. Der Ort ist allerdings unklar. Doch in Sicherheitskreisen wird darauf verwiesen, dass al-Baghdadis Hände schlohweiß seien, als habe der IS-Chef seit Monaten keine Sonne gesehen. Indiz, dass er sich selten draußen zeigt und in Häusern, Zelten oder Kellern abtaucht.

Der IS-Chef war mehrmals für tot erklärt worden

Zuvor hatte es wiederholt Berichte gegeben, al-Baghdadi sei bei Luftangriffen der von den USA geführten Militärkoalition im Irak oder in Syrien getötet oder zumindest schwer verletzt worden.

Interessant ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videos. Die Terrormiliz ist militärisch in Syrien und im Irak besiegt. Zuletzt verbreiteten kurdische Verbände Bilder von niedergeschlagenen und verletzten IS-Gefangenen, darunter viele Frauen und Kinder. Sicherheitsbehörden sehen in dem Propaganda-Video daher vor allem ein Signal an die Anhänger der Organisation: Es soll Handlungsfähigkeit symbolisieren und einer Demoralisierung vorbeugen.

Wer der Ideologie und der Organisation des IS anhängt, soll mit dem Video bestärkt werden, dass die Gruppe noch nicht zerschlagen ist. Nun müsse ein neues Kapitel im „Erschöpfungskrieg“ gegen die Feinde des Islams aufgeschlagen werden, kündigt der IS-Herrscher an. Dieser Kampf werde lange dauern.

Das Video markiert einen Neuanfang in der globalen Strategie der Dschihadisten. Das Kalifat in Syrien und im Irak war gestern. Nun geht es um die Schaffung eines weltumspannenden Terrornetzes. Im Zentrum stehen dabei Partnerschaften mit lokalen Terrorgruppen, wie im Fall der Attacken von Sri Lanka. Anschläge sollen immer und überall möglich sein, so die Devise.

Der IS dockt an andere Extremistengruppen an

Al-Baghdadi bestätigt in seinem Video neue Gefolgschaftseide von Terrorgruppen aus Mali, Burkina Faso und Afghanistan. In den Staaten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer dreitägigen Visite ab Mittwoch besuchen wird, hatte der IS-Ableger „Islamic State in the Greater Sahara“ (ISGS) in jüngster Zeit tatsächlich verstärkt Anschläge verübt.

Erst am Sonntag wurde in dem Städtchen Silgadji im Norden Burkina Fasos eine Kirche überfallen, mehrere Gottesdienstbesucher wurden getötet. Mittlerweile gelten bereits die Hälfte des Gebiets von Burkina Faso und das Zentrum von Mali als unsicher.

Im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt bekämpfen sich der IS und Al-Kaida in der Sahelzone nicht, sondern arbeiten zusammen. Auch in anderen Regionen Afrikas verfolgt der IS das Ziel, an schon bestehende Extremistengruppen anzudocken. Bei der einst eher lokalen nigerianischen Sekte Boko Haram hatte er bereits Erfolg.

Nachdem das nigerianische Militär unter Mithilfe südafrikanischer Söldner die Organisation beinahe besiegt hatte, wütet inzwischen zumindest eine ihrer Splittergruppen unter dem Namen „Islamic State West Africa Province“ (ISWAP) weiter.

Auch in Afghanistan treiben IS-Milizen unverändert ihr Unwesen. Der letzte Angriff liegt gerade einmal zehn Tage zurück. Ein Kommando stürmte das Fernmeldeministerium im Zentrum der Hauptstadt. Zehn Menschen wurden dabei getötet.

Am aktivsten waren die IS-Kämpfer, die im Februar 2015 eine eigene Südasien-Abteilung namens Khorasan gegründet hatten, in den Provinzen Nangahar und Kunar. Außerdem schlagen sie immer wieder im Norden Afghanistans in der Umgebung der Stadt Mazar-i-Sharif zu. Dort sind die meisten der rund 1300 Bundeswehr-Soldaten stationiert, die den derzeit größten Auslandseinsatz der deutschen Streitkräfte absolvieren.

Al-Bagdadi über den Iran nach Afghanistan

Terror-Experten erwarteten schon vor Jahren, dass der IS angesichts der schwierigen Lage in Nahost zunehmend nach Afghanistan drängen würde. Diese düstere Einschätzung hat sich bislang nicht bestätigt – jedenfalls nicht in großem Stil.

Möglicherweise gibt es eine prominente Ausnahme: Al-Baghdadi soll laut pakistanischen Geheimdienstquellen bereits im Herbst des vergangenen Jahres über den Iran nach Afghanistan gelangt sein. (M. Backfisch, W. Germund, C. Unger und J. Dieterich)

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