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Impfung, nein danke? Wie man mit Impfgegnern umgehen sollte

Wer sein Kind gegen gefährlichen Krankheiten schützen will, muss sich oft rechtfertigen. Das hat Autorin Caroline Rosales erlebt.

Darum ist Impfen unter Eltern so umstritten

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Berlin. „Mein Gemüse und mein Kind bleiben ungespritzt“, sagte mal eine Mutter zu mir. Sie hielt ihren Satz für komisch, jedenfalls lachte sie, nachdem sie ihn ausgesprochen hatte und zupfte ihren lila Schal zurecht. Ihre Tochter ging mit meinem Sohn zur selben Tagesmutter.

Und ich war fassungslos. Und überlegte sofort. Wenn ihre 18 Monate alte Tochter nicht geimpft ist, aber mein einjähriger Sohn schon, dann ist immerhin er sicher. Aber was ist mit den anderen Kindern in unserer Gruppe, vor allem den kleineren, den Babys?

Die Masernimpfung zum Beispiel geben Ärzte laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) einem Baby frühestens mit neun Monaten. Ich fragte bei der Lila-Schal-Mutter mit dem „ungespritzten“ Kind nach. Wir saßen auf einer Bank in Berlin, unsere Kinder spielten im Sand.

Tochter soll nicht geimpft werden

„Für mich ist ganz klar, dass Emmi gar nicht geimpft wird“, sagte sie zu mir. Ich wunderte mich, ich war damals 28 Jahre, hatte noch keinen richtigen Gesamtüberblick über das Thema Mutterschaft. „Okay“, antwortete ich ihr. „Aber wie machst Du das beim Kinderarzt?“

Sie beugte sich – und nannte mir etwas leiser den Namen einer Ärztin. „Die unterstützt dich beim Nicht-Impfen“, sagte sie zu mir. Und sowieso, die ganzen Giftstoffe, Schwermetalle und Zusatzstoffe, die mein Sohn da durch seine ganzen Impfungen schon bekommen hätte, aber keine Sorge, redete sie einfach weiter, sie habe da eine sehr gute Homöopathin. Ich solle gleich einen Termin machen.

Hintergrund: Das sind die Regeln zur Impflicht in anderen Ländern der EU

Und weil niemand einfacher zu verunsichern ist, als eine Mutter, die keines dieser Elternbücher gelesen hatte und noch nicht einmal an irgendeiner Krabbelgruppe teilnahm (also ich), ging ich also hin. Zu besagter Homöopathin. Ich erinnere mich, wie diese den Impfpass meines Sohnes wie ein geheimes Staatsdokument durchblätterte.

Homöopathin soll helfen

„Ja“, sagte sie nach einer Weile. „Da ist wirklich nicht mehr viel zu machen. Das müssen wir ausleiten. Mit Globuli.“ Wichtig sei nur, so beschwor sie mich, dass ich nie, nie wieder impfen würde. Und keine Kuhmilch, kein Weizen, dafür Dinkel, keine Butter, dafür Kokosfett, ergänzte sie.

Meine Kinderärztin älteren Semesters und offensichtlich müde von Eltern und ihrem Bullshit, sah das eine Woche später etwas anders. „Wenn Sie nicht weiter impfen, schmeiße ich Sie aus der Praxis“, sagte sie. Und wieder nickte ich. Und ließ impfen.

Die Ansage hatte ich wohl gebraucht. Der gesellschaftliche Tadel auf dem Spielplatz, im Café, beim Laufen im Park aber blieb. Die nicht impfenden Eltern (mittlerweile eine Gruppe von einigen Dutzenden) in meinem Kiez lehnten mich ab. „Und dir habe ich noch die Nummer von meiner Homöopathin gegeben“, befand die Lila-Schal-Mutter beleidigt. Bei denen (zumindest) war ich unten durch.

Impfpflicht gegen Masern in der Diskussion

In diesen Tagen wird viel über eine Impfpflicht gegen Masern geredet, Gesundheitsminister Jens Spahn von der CDU hat sich für eine Impfpflicht ausgesprochen. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, fordert sie sogar gegen alle von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Krankheiten.

Kinderärzte nennen Eltern, die nicht impfen, meiner Meinung nach zurecht, im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Dennoch wird der Einfluss gerade von gebildeten Familien in der momentanen Debatte unterschätzt. Es sind eben diese Menschen, die sich verbünden und abkapseln, sobald ihre Belehrungen in ihrem Umfeld gescheitert sind. Sie suchen sich eigene Ärzte, die ihre Auffassung teilen, versuchen andere Eltern im Kindergarten umzustimmen.

Viele vehemente Impfgegner sind Akademiker und verdienen überdurchschnittlich gut. Das hat die Soziologin Jennifer Reich nach jahrelangen Nachforschungen in den USA festgestellt. Hierzulande ist das wohl nicht anders. Deshalb gilt es vor allem diese Menschen politisch zu erreichen – und sie zu überzeugen. Damit wäre viel gewonnen. (Caroline Rosales)

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