Otto Gebauer sieht nicht aus wie ein typischer Spitzendiplomat. Kein feines Tuch, kein Maßanzug, keine wattierte Sprache mit wohlgesetzten Formulierungen. Beim Besuch in unserer Redaktion trägt der 50-Jährige ein Jackett mit Fischgrätmuster, ein kariertes Hemd und eine schwarze Hose. „Ich bin Botschafter der Bolivarischen Republik Venezuela in Berlin“, sagt er, schränkt aber gleich ein: „In Deutschland wurde ich als Vertreter von Übergangspräsident Juan Guaidó anerkannt.“

Juan Guaidó ist der charismatische Parlamentspräsident Venezuelas, der sich am 23. Januar zum Übergangs-Staatschef ausgerufen hatte. Der 35-Jährige bietet dem sozialistischen Machthaber Nicolás Maduro die Stirn, dem er Korruption und Massenelend vorwirft. Der Jungpolitiker brachte Hunderttausende Menschen auf die Straße, die gegen die soziale Misere des Landes – zwei Millionen Prozent Inflation, leer gefegte Ladenregale, horrende Arbeitslosigkeit – demonstrierten. Seine Hauptforderung: Neuwahlen unter internationaler Kontrolle.

Rund 50 Staaten haben Juan Guaidó bislang anerkan

US-Präsident Donald Trump, die EU, insgesamt rund 50 Staaten haben Guaidó bislang anerkannt. Das südamerikanische Land mit den weltweit größten Erdölreserven steht im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit. Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte sich öffentlich für ihn starkgemacht.

Venezuelas Übergangspräsidenten Juan Guaidó am Dienstag in Caracas.
Venezuelas Übergangspräsidenten Juan Guaidó am Dienstag in Caracas.© Reuters | IVAN ALVARADO

Die venezolanische Regierung übte daraufhin scharfe Kritik an der „Einmischung in innere Angelegenheiten“ und wies den deutschen Botschafter, Daniel Kriener, aus. Am 13. März wurde Gebauer als „Vertreter des Interimspräsidenten Juan Guaidó“ von der Regionalbeauftragten für Lateinamerika und Karibik im Auswärtigen Amt empfangen.

Doch auf viel mehr – zum Beispiel eine Akkreditierung als Botschafter – kann sich Gebauer keine Hoffnungen machen. „Weitere Schritte sind nicht geplant“, steht in einem Antwortschreiben des Außenministeriums auf eine Anfrage der Linken, über das die „Neue Osnabrücker Zeitung“ am Mittwoch berichtet hatte.

Die Bundesregierung habe sich mit der Anerkennung von Guaidó als Interimspräsidenten von vornherein ins „völkerrechtliche Abseits manövriert“, rügte die Linke-Außenpolitikerin Heike Hänsel. Dies habe nun offenbar dazu geführt, „dass sie zurückrudert“.

Gebauer muss zunächst eine passende Wohnung suchen

In der Bundesregierung weist man den Vorwurf zurück. Einen Antrag auf die Akkreditierung von Gebauer als Botschafter habe es nie gegeben, heißt es. Man habe lediglich Guaidó samt seinen Bemühungen für Neuwahlen „politisch“ anerkannt. Daraus könne keine „völkerrechtliche Anerkennung“ abgeleitet werden, die zum Beispiel den Zugriff auf Vermögen des venezolanischen Staates in Deutschland legitimiere.

Dies sei die abgestimmte Position innerhalb der EU. Mit dem derzeitigen Botschafter, dem von Maduro bestellten Admiral und Vier-Sterne-General Orlando Maniglia Ferreira, gebe es derzeit allerdings keine „politischen Gespräche“. Wie viel Druck auf Maduro? Wie viel Unterstützung für Guaidó? Der semantische Grat, auf dem sich die Bundesregierung bewegt, ist schmal. Kritiker stellen die Frage nach der politischen Konsequenz.

Gebauer gibt sich gelassen. „Ich bin nicht enttäuscht, dass ich nicht als offizieller venezolanischer Botschafter in Deutschland akkreditiert werde.“ Doch er weiß, dass er einen steinigen Weg vor sich hat. „Ich muss zunächst eine Immobilie mit zwei, drei Zimmern zur Miete suchen, in der ich meine künftige Mannschaft unterbringen kann“, sagt er.

Guaidós Schattendiplomat in Berlin kam vor drei Wochen in der Hauptstadt an, wo er in bescheidenen Verhältnissen lebt. Derzeit wohnt er noch bei einem venezolanischen Freund in Berlin-Charlottenburg. Finanzielle Unterstützung bekommt er von Landsleuten in Deutschland – „aber alles sehr überschaubar.“

Otto Gebauer hofft auf politischen Druck auf Maduro

Nicolas Maduro am vergangenen Samstag in Caracas.
Nicolas Maduro am vergangenen Samstag in Caracas.© dpa | Natacha Pisarenko

In diesen Tagen weiß Gebauer nicht, wo ihm der Kopf steht. Er reist nach Hamburg, Köln und München, um Kontakte zu den rund 40.000 Venezolanern in Deutschland aufzubauen. Gleichzeitig bemüht er sich um Drähte zu Politikern – den CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Weiß hat er bereits getroffen.

„Wir brauchen nicht nur diplomatische Rückendeckung, sondern auch politischen Druck, um die Diktatur Maduros abzuschütteln“, betont er. Auch zur Wirtschaft will Gebauer Verbindung aufnehmen. „Deutschland kann ein sehr aktiver Akteur beim Wiederaufbau Venezuelas sein.“ Spitzentechnologie und Investitionen deutscher Firmen brauche sein Land in der Zeit nach Maduro.

Gebauer versteht Deutsch ganz gut, wie er sagt, redet aber nur wenig. Er spricht beim Interview Spanisch. Guaidós Mann in Berlin hat deutsche Wurzeln. Sein Vater war ein Landwirt in Ostbayern, der 1949 nach Venezuela auswanderte. „Aus Mangel an Arbeit, Deutschland war ja durch den Krieg zerstört“, so Gebauer. In dem südamerikanischen Land heiratete der Vater später eine venezolanische Lehrerin.

Im August 2018 musste Gebauer Venezuela verlassen. „Am 4. August gab es den Versuch, Maduro während einer Militärparade durch zwei mit Sprengstoff beladene Drohnen zu ermorden“, erläutert Gebauer. Obwohl er nicht an dem Hinterhalt beteiligt gewesen sei, habe ihn die Regierung verfolgt.

Er sei ins nordrhein-westfälische Siegen geflohen. Dort habe er bei venezolanischen Freunden Unterschlupf gefunden. Seine Frau und seine vier Kinder seien im Oktober nachgereist. Noch heute wohnt die Familie in Siegen.

14 Jahre Gefängnis nach einem Putschversuch 2002

Gebauer hat eine schillernde Vergangenheit bei den Streitkräften. Er hatte es in der venezolanischen Armee bis zum Hauptmann gebracht. 2002 war er zusammen mit anderen Offizieren in einen Putschversuch gegen den damaligen Präsidenten Hugo Chávez verwickelt. Der Staatsstreich scheiterte, und Gebauer musste für 14 Jahre ins Gefängnis.

Trotz der internationalen Sympathiewelle für Guaidó: Maduro sitzt noch im Sattel. Daran ändert auch die kata­strophale Versorgungslage nichts. Das Land leidet seit Beginn der Woche erneut unter massiven Stromausfällen. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Netblocks brachen 88 Prozent der Energieversorgung zusammen. Die Schulen und Universitäten blieben geschlossen.

Das Militär – das sagen viele westlichen Diplomaten – spielt eine Schlüsselrolle im Machtkampf zwischen Maduro und Guaidó. Dieser brauche eine kritische Masse an Überläufern aus hohen Offiziersrängen. „Sonst besteht die Gefahr, dass die Oppositionsbewegung Guaidós an Dynamik verliert“, warnt ein europäischer Botschafter. Dass Guaidó die Konfrontation noch nicht für sich entscheiden konnte, liege an den Beharrungskräften der alten Garde, meint Gebauer. „Es gibt in Venezuela rund 2000 Generäle, die von der Regierung mit üppigen Privilegien ausgestattet werden. Wer von der offiziellen Linie abweicht, wird gefoltert. Aber das Volk wird am Ende siegen.“

Reuters