Demonstration

Tausende Schüler demonstrieren in Hamburg mit Greta Thunberg

Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg startete eine weltweite Klimaschutz-Bewegung. Nun demonstrierte sie mit Tausenden Schülern in Hamburg.

Greta Thunberg am Freitag auf dem Hamburger Rathausmarkt.

Greta Thunberg am Freitag auf dem Hamburger Rathausmarkt.

Foto: Daniel Bockwoldt / picture alliance/dpa

Hamburg. Es schallen bereits die ersten „Greta, Greta“-Sprechchöre über den Hamburger Rathausmarkt, als Greta Thunberg die Bühne betritt. „Moin“, begrüßt die Umweltaktivistin die Schüler und Studenten, die unter dem Motto „Fridays for Future“ seit Monaten weltweit für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Die Polizei spricht von rund 4000 Teilnehmern des Protestmarsches, nach Angaben der Veranstalter sollen es mehr als 10.000 sein. „Die deutschen Schüler haben heute Geschichte geschrieben. Ihr könnt stolz auf euch sein“, sagt Thunberg.

Die 16-Jährige hat die Freitagsdemos ins Leben gerufen und ist zu einer Art Ikone einer jungen, globalen Protestbewegung geworden. Sie marschiert in der ersten Reihe mit. „Wir lassen uns unsere Zukunft nicht stehlen. Und wir werden weiter streiken, bis die Politiker etwas unternehmen. Und wenn sie nichts machen, dann werden wir das tun“, sagt Thunberg auf Englisch. Dieser kämpferische Ton ist während der gesamten Demonstration spürbar.

„Wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“

Doch die Freitagsproteste haben in Deutschland eine Debatte zur Schulpflicht entfacht. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) missfällt die Aussicht auf weitere Schulstreiks, sie pocht auf die Einhaltung der Schulpflicht. Sie begrüße den Einsatz der Jugendlichen sehr, aber „auch unterstützenswertes Engagement gehört in die Freizeit und rechtfertigt nicht das Schulschwänzen“, sagte die Politikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Hamburger Liebesbrief für Greta Thunberg

So hatte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) unlängst kritisiert, die Sorge um den Klimawandel sei nachvollziehbar, es wäre aber glaubwürdiger, wenn Schüler nach Schulschluss auf die Straße gehen und damit ein persönliches Opfer in ihrer Freizeit bringen würden.

Ähnlich klang auch Hamburgs Schulsenator Thies Rabe (SPD), er findet das Engagement der Schüler zwar begrüßenswert, aber dass die Demonstrationen ausgerechnet an einem Schultag stattfinden, stört Rabe: „Niemand verbessert die Welt, indem er die Schule schwänzt.“

Hamburger Schüler stört Kritik am Schulschwänzen nicht

Die Schüler in Hamburg stört die Kritik am Schulschwänzen indes überhaupt nicht: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“, skandierten sie. Auf Schildern und Transparenten erklären sie ihre Angst vor dem Klimawandel. Ein Gefühl, mit dem sie sich alleingelassen fühlen. „Ihr sägt den Ast ab, auf dem wir sitzen“, heißt es auf einem Schild. „Uns läuft die Zeit davon“ auf einem anderen.

Gleichzeitig zu den Protesten in Hamburg sind in mehreren deutschen Städten wieder Tausende Jugendliche auf der Straße. Von Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) werden die Forderungen der Schüler nach mehr Klimaschutz unterstützt. „Wir tragen die Verantwortung dafür, den jungen Menschen die gleiche Zukunftsperspektive zu bieten, die unsere Generation hatte, indem wir ein stabiles Klima hinterlassen“, sagt Lies am Freitag im Landtag. Und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nennt das Engagement der Schüler „beeindruckend“. Man könne doch froh sein, dass sich junge Menschen für ihre Zukunft einsetzen.

So wie die 14-jährige Bela aus Hamburg: „Ich habe Angst davor, aufzuwachen und zu merken, dass wir diese Katastrophe nicht mehr aufhalten können.“ Das Mädchen ist schon zum dritten Mal bei einer der Freitagsdemonstrationen dabei. Die „Fridays for Future“ seien eine wichtige Chance, auf dieses Pro­blem aufmerksam zu machen, meint die Schülerin. Von dem Besuch der Klimaschutz-Ikone ist sie natürlich begeistert: „Das ist unglaublich – sie ist so mutig und bodenständig. Sie ist ein Vorbild für junge Menschen wie mich.“

Greta Thunberg erhält Liebesbrief von Tausenden Unterstützern

Diese Zuneigung schlägt Thunberg in Hamburg von allen Seiten entgegen. Auf Pappschildern steht „Bleib stark, Greta“, und zum Abschluss der Kundgebung überreichen ihr zwei Schüler im Namen von mehr als 72.000 Menschen einen „Liebesbrief“. Als Reaktion auf die Anfeindungen, die Thunberg seit Beginn ihrer Streiks im August 2018 erhält, hatten die beiden die Online-Petition „We Love Greta“ ins Leben gerufen. In den sozialen Netzwerken hatte es in den vergangenen Wochen viel Kritik für den Einsatz des Mädchens gehagelt, auch ihre Autismuserkrankung wurde negativ thematisiert.

Auch prominente Erwachsene sprechen der jungen Schwedin Mut zu. Wetterexperte Frank Böttcher, der Hamburger Unternehmer Frank Otto und Klimaforscher Mojib Latif halten kurze Reden. „Wenn von unten kein Druck kommt, wird oben nichts passieren“, sagt Latif.

• Hintergrund: Die Weltverbesserer – Warum Schüler demonstrieren gehen

Die von Greta Thunberg ins Leben gerufene Bewegung hat mittlerweile weltweit Anhänger gefunden. Proteste fanden bislang in den USA, in Schweden, Australien, Indien und Chile statt. Auch in England, Italien, den Niederlanden, Belgien, Kanada, in der Schweiz, in Österreich, Irland und in Schottland finden sich Ableger.

In Deutschland gibt es mehr als 200 Ortsgruppen. Auch das deutsche Gesicht der Bewegung Luisa Neubauer aus Berlin tritt ans Mikrofon: „Ich war mit Greta schon in Paris und Brüssel, aber ganz ehrlich, Hamburg rockt.“ Dass die Studentin noch mehr Hunger nach Aufmerksamkeit für ihr Thema hat, merkt man an folgender Aussage: „Als wir in Paris waren, hat Präsident Macron uns zu einem Gespräch eingeladen. Gerade im Vergleich dazu sind die Reaktionen aus der deutschen Politik eine Katastrophe.“ Man müsse den Klimaschutz noch mehr auf die politische Agenda bringen und die nötige Aufmerksamkeit erzeugen, etwa durch Schulstreiks, sagt Neubauer.

Doch nicht alle Teilnehmer sind Schulschwänzer. Einige Schüler wurden von ihren Lehrern zu der Demonstration begleitet. Den Vorwurf des Schwänzens nehmen viel Schüler dennoch eher gelassen. Auf einem Schild heißt es: „Fehlstunden verkraftet man – Klimawandel eher nicht.“

(dpa/les)