Vietnam-Treffen

Gipfel von Trump und Kim – Wichtige Fragen und Antworten

| Lesedauer: 7 Minuten
Dirk Hautkapp
Die Autokolonne von Kim Jong Un in Hanoi. Am 27. und 28. trifft er sich mit US-Präsident Donald Trump.

Die Autokolonne von Kim Jong Un in Hanoi. Am 27. und 28. trifft er sich mit US-Präsident Donald Trump.

Foto: Gemunu Amarasinghe / dpa

Donald Trump und Kim Jong-un treffen am Mittwoch in Vietnam aufeinander. Lässt sich der US-Präsident dabei über den Tisch ziehen?

Washington.  Mit einer wolkigen Absichtsbekundung wie bei der Premiere in Singapur vor acht Monaten wird es diesmal nicht getan sein. Bevor US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un am Mittwoch und Donnerstag in Hanoi (Vietnam) zu ihrem zweiten Atom-Gipfel zusammenkommen, sind die Erwartungen an beide Seiten entschieden höher.

Die USA verlangen überprüfbare Schritte, die zu einer vollständigen nuklearen Abrüstung des kommunistischen Regimes führen. Pjöngjang besteht zuvor auf Lockerung des ökonomischen Knebels durch die Vereinigten Staaten. Trump steht innenpolitisch massiv unter Beschuss. Der Mauerbau an der Grenze zu Mexiko zieht sich dahin.

Sein Ex-Vertrauter Michael Cohen packt in dieser Woche in Kongress-Ausschüssen gegen ihn aus. Regierungskreise in Washington befürchten, dass sich der Präsident (72) von dem jungen Führer (35) über den Tisch ziehen lassen könnte, um einen medienwirksamen Erfolg vermelden zu können. Das Wichtigste im Überblick:

Was ist das Kern-Problem?

Trump will, dass der mit dem Zug nach Vietnam gereiste Diktator seine Raketen und Sprengköpfe aufgibt und sämtliche Aktivitäten einstellt, die zur Herstellung von Atomwaffen notwendig sind. In Singapur stellte Kim – bei substanziellem Entgegenkommen der Amerikaner – die „vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel“ in Aussicht.

Was das genau heißt, ist offen. Trumps Nordkorea-Emmissär Stephen Biegun, ein früherer Manager aus der Auto-Branche, sagte vor Journalisten, beide Seiten hätten noch kein gemeinsames Verständnis entwickelt, was „Denuklearisierung“ bedeutet.

Biegun räumte ebenfalls ein, dass er nicht wisse, ob Pjöngjang die Grundsatz-Entscheidung getroffen hat, sich von sämtlichen Massenvernichtungswaffen zu trennen.

Was verlangen die Amerikaner?

Bis heute gibt es keine lückenlose Übersicht, wie viele Raketen und Sprengköpfe Nordkorea besitzt, wo sie gelagert sind und wie viele Einrichtungen zur Anreicherung von Uran und Plutonium existieren; „Brennstoffe“, die zur Herstellung von Atomwaffen gebraucht werden.

Bis heute haben auswärtige Inspektoren keinen uneingeschränkten Zugang in Nordkorea. Bis heute gibt es keinen Fahrplan, bis wann die „Denuklearisierung“ erfolgen soll. Ohne diese Vorleistungen könne „kein wirkliches Vertrauen geschaffen werden“, heißt es – unterhalb der Ebene Trumps – in Washington.

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Wovon macht Kim Jong Un nukleare Abrüstung abhängig?

Von der Lockerung der Wirtschaftssanktionen, die für Hunger und bittere Armut in Nordkorea sorgen. Laut UN-Kinderhilfswerk Unicef kann die Ernährung von 11 Millionen der 25 Millionen Nordkoreaner nicht mehr gewährleistet werden. Dazu will der Diktator eine formale Beendigung des Koreakrieges von 1950 bis 1953. Bisher existiert nur ein Waffenstillstand.

Weitere Forderungen bzw. Wünsche:

• Einrichtung eines US-Verhandlungsbüros in Pjöngjang

• Wiedereröffnung von Verkehrslinien (Bahn, Straße) zu Südkorea

• Aufnahme von Handelsbeziehungen mit dem Nachbarstaat

• Abzug der rund 30 000 US-Soldaten aus Südkorea

• Dauerhafte Einstellung von Militärmanövern USA/Südkorea

Wozu ist Trump bereit?

Die Beendigung des Korea-Krieges, nicht zu verwechseln mit einem Friedensvertrag, an dem auch China beteiligt werden müsste, liegt im Bereich des Möglichen. Auch kann sich Trump vorstellen, Nordkorea wirtschaftlich etwas mehr Luft zu geben. Ein Truppen-Abzug steht nicht zur Debatte.

Aber: „Weil Trump und Kim mehrere Vier-Augen-Gespräche führen werden und der US-Präsident sich als genialer Verhandler sieht, ist nicht ausgeschlossen, dass er Kim entgegenkommt“, sagen Nordkorea-Experte in Washingtoner Denkfabriken.

Verhält sich Nordkorea vertrauenswürdig?

Trump sagt: im Prinzip ja. Dass es seit dem Singapur-Gipfel keine Raketentests und keine Drohungen gab, Amerika zu vernichten, dass einzelne Startrampen und Testgelände zerstört und die Überreste gefallener US-Soldaten aus dem Korea-Krieg sowie einige Geiseln übergeben wurden, reicht ihm offenbar, um Kim Jong Un einen Vertrauensvorschuss einzuräumen.

Der US-Präsident, der vor einem Jahr noch damit drohte, Nordkorea zu zerstören, spricht seit Singapur in den höchsten Tönen von seinem Gegenüber, der für schlimmste Menschenrechtsverletzungen verantwortlich ist: „Nordkorea wird unter der Führung von Kim Jong-un zu einem großen Wirtschaftsmotor werden.

Er mag einige überraschen, aber er wird mich nicht überraschen, weil ich ihn kennengelernt habe und total verstehe, wie fähig er ist. Nordkorea wird eine andere Art von Rakete werden – eine ökonomische!“, schrieb Trump auf Twitter.

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Was sagen Trumps Experten und unabhängige Fachleute?

John Bolton, Nationaler Sicherheitsberater Trumps, sowie hochrangige Akteure im Verteidigungs- und Finanzministerium haben laut „Washington Post“ große Skepsis geäußert. Ihr Tenor: Verhandlungen ohne Vorbedingungen verleihen Kim unnötig Legitimität. Sie warnen Trump vor größeren Zugeständnissen an Kim Jong-un.

Das könnte eine Eskalation auslösen, wenn in der nahen Zukunft der Nachweis erbracht würde, dass Nordkorea heimlich weiter an seinem Atomprogramm arbeitet.

Treffen zwischen Trump und Kim: Die besten Zitate
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Gibt es dafür Anzeichen?

Amerikas oberster Geheimdienst-Koordinator Dan Coats erklärte vor wenigen Tagen im Geheimdienstausschuss des Senats, dass alle US-Dienste Zweifel an der Lauterkeit des Regimes in Pjöngjang haben. „Wir gehen im Moment davon aus, dass Nordkorea versuchen wird, Massenvernichtungswaffen zu behalten, und es ist unwahrscheinlich, dass sie ihre nuklearen Waffen und Produktionskapazitäten komplett aufgeben werden“, sagte der ehemalige US-Botschafter in Berlin wörtlich.

Hintergrund laut Insidern, die Geheimdienstberichte gesehen haben: An mindestens einer Raketenbasis wird offenbar an unterirdischen Bunkern gearbeitet, die für die Stationierung von Interkontinentalraketen taugen. Bei Coats hört sich das diplomatisch verklausuliert so an: „Unsere Auffassung wird gestützt durch die Beobachtung mancher Aktivitäten, die mit dem Ziel der völligen atomaren Abrüstung unvereinbar sind.“

Dafür und für andere kritische Einschätzungen, die Trump zuwider sind (Beispiel: Wie gefährlich ist der Iran?) muss der 75-Jährige demnächst mit seinem Rauswurf rechnen.

Was sagen unabhängige Wissenschaftler?

Das renommierte „Center of International Security and Cooperation“ an der Stanford Universität in Kalifornien berichtet, dass Nordkorea seit dem Gipfel in Singapur zusätzlich knapp acht Kilogramm waffenfähiges Uran und Plutonium produziert hat. Damit könnte das Nuklear-Arsenal von ca. 30 Waffen auf bis zu 37 erhöht werden, sagte Team-Leiter Siegfried Hecker.

Welches Erwartungsmanagement betreibt Trump?

Er nimmt das Tempo aus den Verhandlungen. „Ich habe es nicht eilig“, sagte der Präsident vor der Abreise vor Journalisten. Dem Gipfel in Vietnam würden weitere folgen, deutete auch Außenminister Mike Pompeo an, der mitgereist ist. Nordkorea-Experten in Washington sind sich darum einig: Egal, was in Hanoi herauskommt, Donald Trump wird es als großen Sieg verkaufen – für sich.

( dpa )

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