Hauptstadtbrief

Die Klimakarawane zieht weiter

| Lesedauer: 3 Minuten
Stephan Kohler

Foto: Ian Cuming / imago/Ikon Images

Der soeben zu Ende gegangene, nunmehr 24. UN-Klimagipfel zeigt: Wir brauchen Klimaschutz vor Ort, nicht auf Mega-Konferenzen.

Berlin. Im Jahr 1997 wurde auf dem dritten UN-Klimagipfel in Kyoto – die erste dieser Vertragsstaatenkonferenzen hatte 1995 in Berlin stattgefunden, die zweite 1996 in Genf – die Klimakonvention verabschiedet, in der erstmals rechtsverbindliche Reduktionsverpflichtungen für die Industrieländer definiert und von 191 Staaten unterzeichnet wurden. Seitdem zieht eine mit rund 20 000 Teilnehmern besetzte internationale Klimakarawane zu regelmäßigen Treffen rund um den Globus.

Auf der Pariser Klimakonferenz im Jahr 2015 wurde beschlossen, dass die Erderwärmung auf „deutlich unter 2 Grad Celsius“ gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll – ein als großer Erfolg gefeierter Beschluss. Auf der diesjährigen Klimakonferenz im polnischen Kattowitz vom 3. bis 14. Dezember 2018 waren nunmehr die Regularien und die Kontrollmechanismen für die Umsetzung zu beschließen. Eine eher schlechte Konferenzstimmung war vorprogrammiert, nachdem der jährliche Klima-Report des UN-Umweltprogramms (UNEP) Ende November 2018 gemeldet hatte: Die weltweiten CO2-Emissionen haben im Jahr 2017 einen neuen Rekordwert von 53,5 Gigatonnen erreicht, mit wieder steigender Tendenz.

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müsste laut UN die internationale Staatengemeinschaft ihre Bemühungen mindestens verdreifachen, was pure Illusion ist. Nicht nur, dass sich beispielsweise die USA und Saudi-Arabien von den Klimazielen verabschieden und weitere Staaten über den Ausstieg aus der Klimakonvention diskutieren, macht das Erreichen der Klimaziele immer unmöglicher. Auch eigentlich willige Länder wie Deutschland verfehlen ihre Einsparungsziele dramatisch. Es wird viel diskutiert über eine CO2-Bepreisung, über die zügige Stilllegung von Braunkohlekraftwerken, den weiteren Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen, über ein neues Klimaschutzgesetz – obwohl sich allmählich die Erkenntnis durchsetzen sollte, dass die UN-Konferenz mit diesen Maßnahmen ihre Klimaziele nicht effizient und rechtzeitig erreichen wird.

Es geht dabei nicht nur um eine Zielerreichung im Jahr 2020, 2030 oder 2050, sondern auch um die Einhaltung des in ihrem Rahmen rechnerisch verfügbaren CO2-Emissionsbudgets. Die traurige Tatsache ist: Deutschland hatte sein CO2-Budget in Höhe von 217 Millionen Tonnen bereits Ende März 2018 verbraucht. Es ist an der Zeit, sich klarzumachen, dass deutsche Institutionen und Unternehmen nicht mehr auf höhere Instanzen, Regierungen oder Ergebnisse auf den Mega-Konferenzen der Klimakarawane warten dürfen, sondern dass sie jetzt schnell und eigenverantwortlich handeln sollten.

Es ist an der Zeit, dass diejenigen aktiver werden, die heute Fakten schaffen können. Abertausende von Unternehmen, Immobiliengesellschaften und Stadtverwaltungen sind in der Lage, konkret die CO2-Reduktionsziele in ihren Unternehmen oder Kommunen umzusetzen. Sie haben dafür die Technik und das Know-how. Die Finanzierungsbedingungen sind günstig aufgrund der niedrigen Zinsen. Wir haben Energiepreise, die viele Effizienzmaßnahmen wirtschaftlich machen, und Digitalisierung und Dezentralisierung tragen zu einer Umsetzbarkeit vor Ort bei. Was wir brauchen, ist eine innovationsgetriebene Zukunftsstrategie „von unten“.

Stephan Kohler ist Geschäftsführer der EnergyEurasia GmbH. Für den HAUPTSTADTBRIEF macht er deutlich, dass weder Klimagipfel noch Regierungsverlautbarungen die globale Erwärmung werden ausreichend begrenzen können.

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