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Thailands Macron will der Militärdiktatur ein Ende setzen

Thanathorn Juangroongruangkit will sein Land aus der Militärdiktatur führen. Dafür legt sich der Polit-Jungstar mit der Regierung an.

Thanathorn Juangroongruangkit bei einer Pressekonferenz in Bangkok im April.

Thanathorn Juangroongruangkit bei einer Pressekonferenz in Bangkok im April.

Foto: imago stock&people / imago/Kyodo News

Bangkok.  Viele Stockwerke über dem Trubel und der Hitze Bangkoks breiten Pannika Wanich und Kunthida Rungruengkiat in einem kühlen, holzvertäfelten Konferenzraum die Zukunft Thailands aus, wie sie sie sich vorstellen. Vielfältiger soll es sein, das neue Thailand, gerechter, demokratischer und vor allem: freier. „Anakhot Mai“, „Neue Zukunft“, heißt die Partei, mit der die beiden jungen Frauen das erreichen wollen, oder auf Englisch: „Future Forward“, „Zukunft voraus“.

„Die Leute haben genug von mehr als einem Jahrzehnt politischer Rivalitäten zwischen Rot- und Gelbhemden und Militärinterventionen“, sagt Pannika und meint damit auch den Putsch 2014, seit dem das Land von einer Militärjunta regiert wird. An deren Spitze steht Prayuth Chan-o-cha, der nächste Woche für ein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin sein wird. Die Leute, sagt Pannika, wollten etwas Neues. Jemanden wie Thanathorn Juangroongruangkit.

Thanathorn ist die zentrale Figur in dieser Vision von einem neuen Thailand. Seit der 40-Jährige mit dem breiten Lächeln und den stets makellosen Hemden Anfang des Jahres die politische Bühne des Landes betreten hat, zieht er die Aufmerksamkeit von Beobachtern und Politikbetrieb gleichermaßen auf sich. Thanathorn stammt aus einer bekannten Familie: Ihr gehört die Thai Summit Group, der größte Autozulieferer des Landes. Der Sohn wuchs auf als Teil einer globalen Elite, studierte in Bangkok, St. Gallen, Nottingham und New York. Er hätte ein ruhiges Leben haben können, isoliert von den politischen Verwerfungen seines Heimatlandes durch das Vermögen der Familie.

Thanathorn setzte sich schon als Student gegen Armut ein

Doch Thanathorn, der seine Freizeit mit Langstreckenläufen durch Wüsten und Gebirge verbringt, entschied sich früh gegen diesen Weg. Schon als Student setzte er sich gegen Armut und Ungleichheit ein. Nach dem Tod seines Vaters stieg er ins Familienunternehmen ein und zog sich politisch zurück – bis zum März dieses Jahres, als er die Gründung einer Partei verkündete. „Wir haben zu lange mit Enttäuschung gelebt“, sagt er. „Unsere Gesellschaft hat sich der Ungerechtigkeit so lange ergeben, bis diese Ungerechtigkeit normal geworden ist.“ Das soll Anakhot Mai ändern.

Das Interesse an der Partei war sofort groß. 26 Gründungsmitglieder hätten 70 Reportern gegenübergestanden, erzählt Pannika. Sie war damals selbst noch unter den Journalisten. Ihren Job als Nachrichtensprecherin habe sie zwar geliebt, sagt die 30-Jährige, die mit den langen, glatten Haaren und den akkurat nachgezogenen Augenbrauen noch immer aussieht, als könnte sie jederzeit vor einer Kamera stehen.

Aber als Thanathorn sie gefragt hat, ob sie in sein Team kommen wolle, hat sie sich 24 Stunden Zeit genommen – und dann Ja gesagt und gekündigt. „Ich wollte mitspielen, statt immer nur von der Seitenlinie zu kommentieren“, sagt sie. Heute ist sie Sprecherin der Partei.

Ein festes Programm hat die neue Partei noch nicht

Länger dabei als Pannika sind nur Leute wie Kunthida. Die 36-jährige Lehrerin ist eines der Gründungsmitglieder der Partei und zuständig für Bildungsthemen. Ein festes Programm hat Anakhot Mai in diesem Bereich noch nicht, ebenso wenig wie in anderen. Ziele sind bessere Chancen für alle, weniger Bürokratie und mehr Gerechtigkeit, so die Partei.

Mit welchen konkreten Positionen sich das umsetzen lässt, will Anakhot Mai in der Diskussion erarbeiten: Parteimitglieder, aber auch Bürger aus allen Teilen des Landes sollen sich einbringen können. Bei jedem Schritt sollen die Parteimitglieder eingebunden sein, nicht so wie in der „alten Politik“, erklärt Kunthida und rückt ihre knallrote Brille zurecht: „Wir sind frischer Wind.“

Jung, dynamisch und bereit, alles anders zu machen: Es ist ein Image, das die Partei pflegt. Offenbar mit Erfolg. Der Name, den Beobachter im Gespräch über Anakhot Mai nach „Thanathorn“ am häufigsten nennen, ist Emmanuel Macron – der junge französische Präsident, der aus dem Nichts eine Bewegung aus der Taufe hob, alte Loyalitäten zu politischen Lagern aufbrach und getragen von einem enthusiastischen Team das höchste Amt des Staates eroberte.

Kritik an der Regierung ist sehr riskant

Es ist eine Erzählung, die in Thailand vor allem bei jungen, gut ausgebildeten Menschen auf offene Ohren stößt: Denn seit vor vier Jahren das Militär die Macht im Land übernommen und den früheren Armeechef Prayuth Chan-o-cha zum Premierminister gemacht hat, stand politisch zumindest an der Oberfläche lange alles still.

Ein Verbot politischer Aktivitäten wurde erst im September gelockert, Kritik an der Regierung, ebenso wie am König, ist sehr riskant. Als am vierten Jahrestag des Putsches in Bangkok rund 200 Menschen gegen die Regierung demonstrieren wollten, wurden sie von der Polizei eingekesselt, bevor sie überhaupt loslaufen konnten. Die Anführer wurden festgenommen.

Auch Anakhot Mai hat Bekanntschaft mit dem Militärrat gemacht, dem „Nationalen Rat für Frieden und Ordnung“ (NCPO), denn das Verfahren für die offizielle Anerkennung neuer Parteien liegt in dessen Hand. Der Prozess zeige sehr klar, wer im Land die Fäden in der Hand halte, sagt Kunthida: „Die Erlaubnis, eine Gründungsversammlung zu veranstalten, mussten wir uns aus dem Armee-Hauptquartier holen.“

Büffelrennen in Thailand

Seit 1932 gab es zwölf erfolgreiche Putsche

Das Militär ist in Thailand ein Machtfaktor, dem Selbstverständnis nach der einzige, der Stabilität garantiert. Wird es den Generälen unter gewählten Regierungen zu unübersichtlich, übernehmen sie. Seit 1932 gab es zwölf erfolgreiche Putsche im Land. Beim vorletzten, 2006, jagten die Generäle Premierminister Thaksin Shinawatra aus dem Amt. Der Mobilfunkmagnat, im Exil wegen Korruption verurteilt, und seine Anhänger, die „Rothemden“, sind vor allem bei den Menschen auf dem Land, wo Armut weit verbreitet ist, noch immer sehr beliebt.

2011, als Thaksin bereits im Exil war, waren sie es, die seine Schwester Yingluck Shinawatra zur Premierministerin machten. Nach monatelangen Protesten endete ihre Regierung 2014 mit dem Putsch.

Die Landbevölkerung, auf die große Teile von Thaksins Politik zielte, stellt die Mehrheit unter den 69 Millionen Thailändern. Doch sie hat Schwierigkeiten, gehört zu werden, denn alle wichtigen Fäden laufen in Bangkok zusammen: Die Regierung, die Wirtschaft, die Universitäten, die Medien – alles konzentriert sich in der Hauptstadt.

„In den 1990ern war der Mittelklasse Demokratie wichtig“, sagt Pitch Pongsawat, der an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok Politikwissenschaften lehrt. „Jetzt ist es ihnen egal – sie wollen nur ein System, das sicherstellt, dass die Dinge funktionieren und Thaksin nicht zurückkommt.“ Genau aus dieser Mittelschicht kommen die Anhänger der „Gelbhemden“, der Royalisten und Vertreter der Elite.

Anakhot Mai muss auch die Menschen auf dem Land überzeugen

Land gegen Stadt, Arm gegen Reich: Diese Lager gibt es immer noch, auch wenn das Militär in den letzten vier Jahren mit Macht für Ruhe gesorgt hat. Wollen Thanathorn und sein Team bei Wahlen erfolgreich sein, muss er auch auf dem Land Stimmen holen. Einfach wird das nicht, das weiß auch Pannika. Denn auch wenn ihr Gründer betont, Anakhot Mai sei „für die 99 Prozent“ – in Habitus und Herkunft steht die Partei der Elite deutlich näher als der Landbevölkerung. Die Idee der Partei aus der Stadt in die Provinzen zu tragen, sei „die größte Herausforderung“, sagt sie.

Die Hürden für die neue Partei mögen noch hoch sein – die Militärregierung traut ihr offenbar genug Potenzial zu, um nervös zu werden. Nach einem Livestream auf Facebook Ende Juni wurden Thanathorn und zwei weitere Parteimitglieder wegen Verstößen gegen das Gesetz gegen Computer-Kriminalität angeklagt. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft. Die Partei sieht darin eine klare Schikane – und einen Hinweis darauf, dass der NCPO sie als Bedrohung empfindet.

Die Anzeichen mehren sich, dass die Junta vorhat, an der Macht zu bleiben, sagt Phil Robertson, Südostasien-Experte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. „Bei früheren Coups hat das Militär meistens nach etwa einem Jahr die Macht zurückgegeben“, erklärt Robertson. „Aber dieses Mal ist es ganz anders.“ Möglich sei auch, dass die Junta die Wahl, die aktuell für das Frühjahr 2019 angekündigt ist, einfach immer weiter verschiebt – wie sie es bereits mehrmals und trotz anderslautender Versprechen getan hat.