Kommentar

Millionär Merz: Der Premium-Kandidat und der deutsche Neid

Friedrich Merz (CDU) verdient eine Million Euro im Jahr. Darf er das? Die Deutschen sind schnell neidisch. Reichtum ist verdächtig.

Friedrich Merz (CDU) verdient gut. Zumindest im Vergleich zum Durchschnittsbürger. Ein Bayern-München-Star würde wohl müde lächeln.

Friedrich Merz (CDU) verdient gut. Zumindest im Vergleich zum Durchschnittsbürger. Ein Bayern-München-Star würde wohl müde lächeln.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin.  Betrachtet man das Rennen um den CDU-Vorsitz als 100-Meter-Lauf, war Friedrich Merz der Letzte am Startblock, aber schneller als alle anderen raus. An zwei Hürden kann er noch ins Stolpern geraten: am Ego und am Geld. Er müsste in die Südsee fliegen und am Vorabend der Wahl zurückkehren. Dann bliebe Merz, was er ist: eine Projektionsfläche für konservative Sehnsüchte. Stattdessen muss er sich stellen, reden, erklären, Flagge zeigen.

Merz ist intellektuell eitel und hat kein gutes Timing. Er verpasst oft den Augenblick, an dem man sich besser zurücknimmt. Auf ihn gehen die Debatten über eine Leitkultur und eine Steuererklärung auf einem Bierdeckel zurück.

Die Leitkultur ist in der Union längst Allgemeingut, ein einfacheres Steuerrecht wäre eine gute Sache; vielleicht nur nicht für Steuerbeamte und -berater. Seinerzeit wurde beides jedoch verlacht, kritisiert, skandalisiert.

Ein Fußball-Profi wäre sicher besorgt über Merz

In den USA stolpern Politiker über Sexaffären, in Deutschland über finanzielle Verfehlungen. Im Volksmund heißt es, Geld verderbe den Charakter; und zwar nicht nur, wenn einer zu wenig davon hat.

Merz verdient nach eigenen Angaben eine Million Euro. Ein Fußballspieler von Bayern München würde sich besorgt erkundigen, ob wirklich ein Jahresgehalt gemeint sei oder nicht doch der Monatslohn. Auf der anderen Seite geben Tag für Tag viele Leute ihren Lottoschein in der Hoffnung auf das große Los ab. Für sechs Richtige gab es zuletzt 513.205 Euro. Reichtum ist relativ.

Deutschland – eine Neidgesellschaft?

Es heißt, Deutschland sei eine Neidgesellschaft. Zumindest gibt es einen ökonomischen Voyeurismus. Im Netz heißt es, Merz habe sich geoutet. Muss man all seinen Mut zusammen nehmen? Ich bin Millionär, und das ist gut so!

Wer „Merz“ und „Geld“ googelt, bekommt 6,3 Millionen Einträge. Jeder kann das mit Kramp-Karrenbauer und Spahn probieren: Der Kandidat der Premium-Klasse schlägt beide. Nicht nur im Netz folgen viele wie Kriminalisten der Spur seines Geldes, sondern auch die Medien und die Konkurrenten. Reichtum ist seine Bleiweste im CDU-Rennen.

Was ist statthaft? Zwei Fragen vielleicht. Erstens: Hebt ein Politiker, der viel Geld verdient, ab? Zweitens: Bestimmt das Sein das Bewusstsein? Hat Merz in der Wirtschaft dieselben Werte vertreten wie heute? Er muss es sich gefallen lassen, dass Geschäfte auch politisch beurteilt werden.

Von Merkel gibt es nur Erzählungen der Bescheidenheit

Die erste Frage ist die nach der Volksnähe. Weshalb es von Angela Merkel fast nur Erzählungen der Bescheidenheit gibt. Synonyme dafür sind die Kartoffelsuppe, Gartenarbeit und die „Schland“-Kette, die aus Bergkristallen und nicht aus Diamanten bestand. Wer gegen das Bedürfnis nach Märchen verstößt und wie Peer Steinbrück sagt, er trinke keinen Pinot Grigio für fünf Euro, irritiert.

Deshalb geht Merz in Interviews bis zur Studienzeit zurück, um zu erzählen, dass er weiß, wie es ist, jeden Euro zweimal umdrehen zu müssen, beziehungsweise Mark; die Armutserfahrung ist lange her. Gerade hat er auf die gemeine Frage von „Bild“, was eine gute Flasche Wein kosten müsse, geantwortet, „das fängt bei 4,50 Euro an“. Das fällt unter die Kategorie Notlüge.

Beurteilung nach Tatkraft statt nach Kontostand

Wenn das Geld sauber verdient wurde, darf man Merz aus seinem Erfolg keinen Strick drehen. Die CDU sollte die Kandidaten nach ihren Plänen, Tatkraft, Glaubwürdigkeit beurteilen – nicht nach dem Kontostand. In Wahrheit wird im Rennen geschubst, getreten.

Spahn sagt, er müsse seine Positionen nicht „verbiegen“ und dass er „mit der Partei in guten und schlechten Zeiten Wahlkampf gemacht“ habe. Stimmt, Herr Spahn, zwischendurch wollte Merz lieber Geld verdienen. Diese Debatte ist zu billig.