Belästigung

Das bedeutet die „MeToo“-Debatte für unsere Redaktion

Vor einem Jahr entstand die „MeToo“-Bewegung. Neun Redakteure schreiben über ihre Erfahrungen und wie sie die Debatte erlebt haben.

Seit einem Jahr wird sexuelle Belästigung unter dem Hashtag #MeToo diskutiert.

Seit einem Jahr wird sexuelle Belästigung unter dem Hashtag #MeToo diskutiert.

Foto: WDR/dpa/Christian Charisius

Berlin.  Am 15. Oktober 2017 verschickte die amerikanische Schauspielerin Alyssa Milano einen Aufruf bei Twitter: Frauen, die sexuell belästigt oder angegriffen wurden, sollten ihr mit den Worten „MeToo“ antworten.

Am ersten Tag verwendeten 200.000 Nutzer diesen Hashtag, in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten weltweit Millionen Menschen.

Acht Kolleginnen und Kollegen aus unserer Redaktion berichten, wie sie die #MeToo-Debatte erlebt haben:

Julius Betschka (27): „#MeToo nervt – gut so.“

„Mich nervt #MeToo. Ich habe doch keiner Frau etwas getan! Warum soll ich mich damit auseinandersetzen? So ging es mir vor etwa einem Jahr.

Inzwischen habe ich von wahnsinnig viel Wut gelesen. Wut, die ich verstehe und Wut, die mir teils unverständlich war – und noch ist. So sei er eben der privilegierte Mann, heißt es: Er nutzt seine Macht aus. Warum werden jetzt alle Männer pauschal angegriffen? Das nervt.

Aber warum? Weil ich erkenne, dass ich Teil des Problems bin. Früher in der Schule haben wir Mädchen mit zu kurzen Röcken als „Nutten“ beschimpft. Eine Frau, die mit mehr als einem Mann geschlafen hatte, galt als „Dorfmatratze“. Das ist MeToo. Als Rainer Brüderle 2013 einer Journalistin erklärte, dass sie auch ein Dirndl gut ausfüllen würde, erklärte ich einer Freundin: Eigentlich sei das ja ganz witzig. Heute weiß ich, man selbst merkt selten, wann man sich wie ein Idiot verhält, das ist das Problem. Auch das offenbart MeToo. Das kann gewaltig nerven. Denn natürlich ist Feminismus für uns Männer anstrengend. Macht abgeben, das macht kaum jemand gern. Aber ich will das ertragen. Will genervt sein. Weil ich will, dass Frauen nicht länger als „Dorfmatratzen“ oder „Nutten“ bezeichnet werden – nicht in der Schule und nicht anderswo. Wer kann das nicht wollen?!“

Anne Baumgarten (29): Sagt gleich etwas!

„Mein erster Chef schenkte mir ein Buch: „Fremdgehen für Anfänger“. Ich war gerade 19 Jahre alt, seit einem Jahr in einer Beziehung und schüchtern. Er sagte, das Buch hätte ihm seine Frau gegeben – und zwinkerte mir zu.

Ist das schon sexuelle Belästigung? Wahrscheinlich. Brauchte ich erst eine große Gesellschaftsdebatte, um ihm mitzuteilen, dass es total unangebracht war? Nein. Dazu brauchte es „nur“ etwas Mut. Diesen hatte ich allerdings erst zwei Jahre später, als ich ein Einzelbüro mit ihm bezog. Was genau habe ich aus dieser Situation gelernt? Es fehlt an der richtigen Kommunikation. Die anfängliche MeToo-Debatte war hilfreich und gibt auch heute noch Frauen den Rückhalt, sich endlich zu äußern – allerdings meist an einem falschen Ort, den sozialen Medien. Sollte nicht jede sofort etwas sagen, wenn sie sich unwohl fühlt? Und nicht erst Wochen, Monate, Jahre später? Online? Damit möglichst viele mitbekommen, was nur zwei betrifft? Gebt dem Gegenüber sofort ein Feedback, die Chance, die Situation aus einer anderen Sicht zu betrachten und sich zu entschuldigen. Dafür benötigt man keine Bestätigung und Applaus von anderen Frauen, sondern das fordert innere Stärke und Mut.“

Christian Unger (37): „Männer, hört gut zu!“

„Hat sich die Gesellschaft in diesen vergangenen zwölf Monaten zum Besseren gewandelt? Ich denke: nein. Auch Deutschland erlebt weiterhin Sexismus, täglich, vielfach. Daran ändert auch ein Hashtag nichts. Blöde Witze, Beleidigungen, Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt gibt es weiterhin. In Beziehungen, in Familien, am Arbeitsplatz, in der Diskothek. Auf Facebook, auf Twitter, in den Kommentarspalten der Online-Medien.

Klar, ein bisschen öfter ist nun Aufschrei. Aber oft denke ich, dass wir eher zurückschreiten als voran. Zum Beispiel, wenn ich lese, wie junge Jesidinnen im Irak versklavt werden. Nicht immer geht es um Gewalt, manchmal auch um meine Umwelt: weniger Frauen im Bundestag, kaum Frauen an Konzernspitzen. Und immer mehr pinke Prinzessinnen in den Spielwarenabteilungen. Die MeToo-Debatte – war alles umsonst? Auch nein. Freundinnen, Kolleginnen, Bekannte erzählten mir, wie wichtig sie diese Debatte finden. Wie wichtig den Hashtag. Weil viele Frauen erzählen können, was ihnen an Übergriffen widerfahren ist. Weil so Gespräche entstehen – in der Mittagspause, in den Konferenzen, auf der Party. Weil MeToo zum Zuhören zwingt. Auch mich. Deshalb finde ich die Debatte wichtig. Denn das Zuhören schärft das Schwert im Einsatz gegen Sexismus und für Geschlechtergleichheit. Und das geht alle an. Auch – und gerade – Männer.“

Björn Hartmann (50): „Klare Regeln helfen“

„Mich macht die MeToo-Debatte etwas ratlos. Zum einen überrascht mich, was sich die Männer dieses Planeten so herausnehmen, zum anderen, was jetzt plötzlich alles anstößig sein soll. Ich habe festgestellt, dass ein paar Regeln den Berufsalltag vereinfachen.

Wer Verantwortung für Kollegen übernimmt und Dinge erledigt, die nicht immer die Begeisterung der Kollegen finden, muss aufpassen. Auch um nicht verdächtigt zu werden, bestimmte Personen zu bevorzugen. Erstens: Sich selbst nicht allzu wichtig nehmen. Zweitens: Keine Kommentare zu Kleidung und Aussehen. Das mag spießig klingen, vermeidet aber, dass jemand etwas falsch verstehen kann. Drittens: Keine Treffen zu zweit nach der Arbeit. Berufliches lässt sich immer im Büro klären. Viertens: Niemanden, außer zum Händeschütteln und in Notsituationen, anfassen. Es gibt keinen Grund dazu. Fünftens: Sachlich bleiben. Vor allem der letzte Punkt geht auch in der Debatte etwas verloren. Hysterie ist unangebracht. Vergewaltigung ist ein Straftatbestand, sexuelle Nötigung auch. Die Aussage, jemand trage ein schönes Kleid ist aber keine sexuelle Belästigung, sondern meist einfach nur nett gemeint.“

Petra Koruhn (59): „Es tut sich doch was!“

„Eigentlich hatte ich das längst vergessen. Aber seit es MeToo gibt, gucke ich wieder genauer hin auf Frauen in so genannten „Männerberufen“. Und ich glaube, es ist - trotz gläserner Decke und all dem – besser geworden. Ich war ja so eine Frau im Männerberuf: Sportredakteurin. Sport ist männlich, und ich als Frau unter fünf Männern. Um es sofort zu sagen: Sie waren toll.

Aber man ging ja auch mal raus. Bundesliga – das war in den 80er, 90er Jahren Männersache. Da saß man da nach dem Spiel bei der Pressekonferenz. Wollte Fragen stellen, ging aber nicht: Man wurde nicht aufgerufen. Klassische Abseitsposition: Die Herren Trainer sahen durch einen durch. Meist sprang einem ein Sportkollege bei, rief so etwas wie: „Da ist noch jemand, der – äh – DIE was fragen will.“ Liebe Sportkollegen, danke! Ihr habt Euch echt eingesetzt. Ich wusste nicht, was nerviger war – einfach übersehen – oder dann wieder bei einem Wald- und Wiesenverein persönlich begrüßt zu werden mit Sprüchen wie „Hey, Süße!“ Oder „Ausziehen, ausziehen“. Hallo?

Ich, die in der Studenten-WG den Typen die Emma vorgelesen und den Müll zum Rausbringen in die Hand gedrückt hatte – ich wurde rot. Männerwitze als Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung? So habe ich es mir erklärt. (Übrigens machen Frauen auch blöde Witze. Bei Kegelausflügen, aber das ist wohl ein anderes Thema.) MeToo sensibilisiert für Veränderung: Frauen im Sport gehören zu uns! Ich freu mich. Auch darüber, wie mein Sohn (17) über Mädchen spricht, über das, was sie tun, was sie denken. Zum Aussehen sagt er nie etwas. Nur: „Ist doch nicht wichtig.““

Jörg Quoos (55): „Mit zweierlei Maß“

„Hat die MeToo-Debatte etwas im Alltag geändert? Ich würde sagen – ja. Die Unbefangenheit ist weg. Das harmlose Armumlegen beim Gruppenfoto. Das Kompliment für das schöne neue Sommerkleid. Was früher ganz normal war, ist für viele Frauen heute vielleicht immer noch okay. Vielleicht aber auch nicht. Und genau dieses Restrisiko für Missverständnisse ist nach MeToo einfach zu groß. Ganz besonders für Führungskräfte, die im Team Vorbild sein wollen. Aber lieber vorsichtig, als übergriffig.

MeToo ist ein Thema für Männer. Sie sind diejenigen, die meist Grenzen überschreiten und zu Recht Empörung auslösen. Man kann aber durchaus ungerecht finden, wenn bei MeToo mit zweierlei Maß gemessen wird. Auch viele Männer können sagen: me too! Zotige Sprüche, die Hand am Hintern. Das ist kein exklusives Erlebnis für Frauen. Männer gehen mit solchen Übergriffen durch Frauen nur bisher anders um. Sie kontern das mit einem lockeren Spruch. Manche sind stolz auf weibliche Bestätigung. Andere verlassen den Raum. Mancher nimmt das körperliche Angebot an. Egal wie die Reaktion ausfällt – die meisten schweigen bis heute über solche Situationen. Es könnte ihnen als Schwäche ausgelegt werden – und männliche Schwäche ist immer noch Tabu. Auch darüber müssen wir reden. Das soll das Problem nicht verharmlosen. Aber es ist eine Wahrheit, die auch zu MeToo gehört.“

Theresa Martus (29): „Männer, glaubt ihr uns jetzt?“

„Als Brett Kavanaugh als Richter für den Supreme Court in den USA bestätigt wurde, habe ich mir gewünscht, Christine Blasey Ford hätte sich nie zu Wort gemeldet. Hätte nie öffentlich gemacht, dass Kavanaugh als Teenager versucht hat sie in den 80er-Jahren zu vergewaltigen. Ich habe mir gewünscht, ich hätte nicht zusehen müssen, wie sie sich vor der ganzen Welt verwundbar macht – nur um zu erfahren, dass es die, deren Wort zählt, nicht interessiert.

Sie habe sich im Voraus gefragt, sagte Ford dem Senat, „ob ich mich nur vor einen Zug werfe, der dahin fährt, wo er sowieso hingefahren wäre, und ich vernichtet werde.“ Ford hat sich vor den „Zug“ geworfen, er hat nicht angehalten. Kavanaugh ist jetzt im höchsten Richteramt der Vereinigten Staaten. Christine Blasey Ford und ihre Familie können nicht in ihr Haus zurück, weil sie zu viele Morddrohungen erhalten. Ich habe in den vergangenen zwölf Monaten viele Geschichten wie Christine Blasey Fords gehört. Alle tun weh. Und es muss noch viel mehr weh tun, sie zu erzählen. Aber ist es nicht endlich genug? Haben sich nicht endlich genug Menschen, vor allem Frauen, vor den Zug geworfen? Alle, die dachten, es geht sie nichts an: Glaubt Ihr jetzt endlich, wenn euch jemand sagt, es ist real und es kann überall passieren? Diejenigen, die ihre Geschichte erzählt haben, haben ihren Teil der Arbeit gemacht. Sie haben sich verwundbar gemacht und schmerzhafte Erinnerungen ausgegraben, in der Hoffnung, damit etwas bewegen zu können. Das darf nicht umsonst gewesen sein.“

Caroline Rosales (36): „Und ihr seid nun verunsichert?“

„Den Anfang von MeToo empfand ich wie einen Lichtstrahl, der durch eine Tür dringt, die sich unerwartet öffnet.

Auf einmal wurden die Dinge beim Namen genannt: Toxische Männlichkeit, Mansplaining, Gender-Paygap – diese Missstände waren plötzlich klar zu benennen. Auch erschienen mir Erlebnisse mit Vorgesetzten und Kollegen, angehäuft in 14 Jahren Berufsleben, auf einmal in einem ganz neuen Licht.

Ein Beispiel: Ein Vorgesetzter bestand vor Jahren darauf, dass junge Kolleginnen nach der Arbeit mit ihm Essen gingen. Bei diesen Dinnern legte er Wert darauf, seine Sicht auf die Weltlage darzulegen und mit seiner Begleitung im Szene-Treff anzugeben. Und seien wir ehrlich: Dieser Chef war viele. Seit MeToo klingt das wie tiefstes Mittelalter. Denn nun wird offen gesprochen – und die Botschaft aller war anfangs: Wir hören zu! Doch viel zu schnell war auch diese Euphorie zu Ende. Noch bevor die letzte Frau ausgesprochen hatte, schwang das Pendel zurück und Männertränen tropften die Feuilletonseiten herunter, in Talkshows wurde lamentiert: „Der Feminismus hat die Romantik zerstört.“ Wenn Männer allerdings vorwurfsvoll fragen, wo denn die Grenze liegt zwischen Flirten und übergriffigem Verhalten, dann verschieben sie das Problem von sich weg und hin zu den Frauen. Ihre Verunsicherung ist nur eine weitere Abwehrstrategie, unter keinen Umständen die eigene Rolle hinterfragen zu müssen. Es bleibt also zäh, das Umdenken – es wird wohl noch Generationen andauern. Bis dahin trösten wir uns mit der Gewissheit, dass der Geist nicht mehr in die Flasche zurück kann.“