Berlin

Der Fall Canisius aus Berlin zeigt das Versagen der Kirche

Haupttäter wurde versetzt und verging sich weiter an Kindern

Berlin.  Im Januar 2010 wurde der Skandal öffentlich. Die Berliner Morgenpost berichtete als erstes Medium über zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg, die sich vor allem in den 70er- und 80er-Jahren ereignet hatten. Neu war nicht der Verdacht, sondern das schriftliche Eingeständnis des Schulleiters, dass es unter seinen Vorgängern zu sexuellen Übergriffen vor allem im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit gekommen war. Pater Klaus Mertes glaubte den zahlreichen ehemaligen Schülern, die ihn im Laufe der Jahre mit ihren Leidensgeschichten konfrontiert hatten.

Dieses Verhalten markiert einen Wendepunkt in der Debatte um sexuellen Missbrauch generell, vor allem aber in der katholischen Kirche. Missbrauchsopfer mussten nicht mehr justiziabel nachweisen, dass ihnen Leid zugefügt wurde. Sondern ihre Schilderungen gelten seither als glaubhaft. Übergriffe gegen Schüler und in geringerem Umfang Schülerinnen durch Geistliche und andere Ordensangehörige sind seither an zahlreichen Schulen und in vielen Gemeinden angezeigt worden.

Die Geschichte des Haupttäters vom Canisius Kolleg, Pater R., zeigt die Versäumnisse des Jesuitenordens und der Diözesen. R. wurde nach seinen Verfehlungen in Berlin ins Bistum Hildesheim versetzt und weiter in der Jugendarbeit eingesetzt. Informationen über die Gefahr, die von diesem Priester ausging, wurden nicht weitergegeben. R. verging sich in dieser Zeit wiederholt an Mädchen und Jungen. Eine Studie des Bistums Hildesheim führt die jüngsten Übergriffe 1997 auf. Einige Taten kommen erst Jahre später ans Licht, als sich die Opfer trauen, ihr Schicksal öffentlich zu machen. 1986 verübte ein früheres Opfer des Priesters sogar ein Messer­attentat auf den Mann, der heute mit einer Pension in Berlin lebt. Der Junge nahm sich kurz darauf das Leben.

Matthias Katsch, Ex-Canisius-Schüler und Sprecher der Opfervereinigung Eckiger Tisch, kommentierte, „eine Organisation von Tätern und Vertuschern“ könne sich nicht selbst aufarbeiten. In der Studie der Bischofskonferenz seien die Opfer von Canisius-Kolleg, Kloster Ettal, den Regensburger Domspatzen und all der anderen Internate, Schulen, Heime nicht berücksichtigt worden.

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