Kandidatur

Aygül Özkan wurde vom Gastarbeiterkind zur Spitzenkandidatin

Aygül Özkan könnte erste muslimische Regierungschefin Deutschlands werden. Nun jedoch erkrankte die Hamburger CDU-Politikerin schwer.

Aygül Özkan zu ihrer Zeit als niedersächsische Ministerin für Soziales, Familie, Frauen, Gesundheit und Integration bei einer Presskonferenz in Berlin.

Aygül Özkan zu ihrer Zeit als niedersächsische Ministerin für Soziales, Familie, Frauen, Gesundheit und Integration bei einer Presskonferenz in Berlin.

Foto: imago stock&people

Hamburg.  Jung, weiblich, konservativ – und muslimisch. Mit diesem Profil soll die türkischstämmige Hamburgerin Aygül Özkan die jahrelang weitgehend fest gefügte Politik der Hansestadt aufmischen und die schwächelnden Christdemokraten 2020 bei der Bürgerschaftswahl zurück an die Macht führen. Das zumindest wünschen sich die CDU-Spitzen, die die 46-Jährige jetzt als ihre Spitzenkandidatin vorstellten und die Öffentlichkeit damit völlig überraschten.

Doch ob es so kommt, ist offen. Was zu einem Triumph werden sollte, könnte zum Drama geraten. Denn Özkan, an deren Kampagne die CDU im Stillen über den Sommer mit Hochdruck gearbeitet hatte, ist schwer erkrankt. Am vergangenen Mittwoch erhielt sie die Diagnose. Um welche Krankheit es sich handelt, wurde nicht bekannt. Am Donnerstag informierte sie die konsternierten Spitzen von Landespartei und Bürgerschaftsfraktion.

Die entschlossen sich dennoch, mit ihrem Personalvorschlag an die Öffentlichkeit zu gehen, wohl aus Stolz darüber, eine beeindruckende Herausforderin für den blassen Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gefunden zu haben. Doch der Coup misslang. „Im Moment“, teilte Aygül Özkan mit, könne sie die „tolle Herausforderung, Hamburgs Erste Bürgermeisterin zu werden“, leider nicht annehmen. Die CDU hält an ihr fest, will ihr Zeit geben. Und die politische Konkurrenz ringt am Tag nach der Bekanntgabe mit sich, ob sie sich inhaltlich an der designierten Spitzenkandidatin abarbeiten oder ihr einfach eine rasche Genesung wünschen soll.

Vater machte sich selbstständig

Wer aber ist die Frau, die als Gastarbeiterkind aufwuchs und die erste türkischstämmige Ministerpräsidentin Deutschlands werden könnte – wenn sie denn ihre Krankheit bald übersteht? Ihre Biografie ist die Geschichte eines Aufstiegs; gefördert von liberalen Eltern, die wollten, dass es den Kindern einmal besser gehe, erzählt sie. Die Familie kam in den 1960er-Jahren aus Ankara nach Hamburg. Ihr Vater arbeitete erst bei der Post und machte sich dann als Schneider im multikulturellen Altona selbstständig.

Im Gymnasium Allee gleich gegenüber der Schneiderei legte die Tochter 1990 ihr Abitur ab. Ihre Eltern hätten ihr vorgelebt, dass es nichts nütze, sich in die Schmollecke zu verkriechen, erzählte sie. Der Vater lernte schnell Deutsch und ließ sich in den Elternbeirat wählen, weil er das deutsche Schulsystem verstehen wollte. „Überwinde dich, geh voran, frage, mach Vorschläge, gestalte!“ sei das Credo ihrer Eltern gewesen.

Özkan zog 2008 in die Hamburger Bürgerschaft ein

Und sie ging voran, studierte Jura und reüssierte schnell: Nach Stationen bei der Hamburger Handelskammer übernahm sie die Leitung des Geschäftskundenvertriebs Nord bei T-Mobile, bevor sie als Niederlassungsleiterin zum Logistikunternehmen TNT Post Deutschland wechselte und dessen Hamburger Filiale aufbaute. 2004 trat sie in die CDU ein.

Eine junge Frau mit Migrationshintergrund, selbstbewusst, integriert, verheiratet und Mutter eines Sohnes, den sie zweisprachig erzieht, in der Wirtschaft erfolgreiche Juristin – der damalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) wurde schnell auf Aygül Özkan aufmerksam.

Sie schien gut ins Anforderungsprofil der modernen Großstadtpartei zu passen. Özkan erhielt einen sicheren Listenplatz und zog 2008 in die Hamburgische Bürgerschaft ein. Sie wurde Fachsprecherin für Wirtschaft, engagierte sich für die Integration ausländischer Jugendlicher und stieg sogar zur Vize-Landeschefin auf. Doch als politisches Ausnahmetalent machte sie nicht von sich reden. Sie trat stets freundlich und verbindlich auf, ohne sich wirklich hinter die Fassade schauen zu lassen. „Unauffällig“, urteilten politische Beobachter bald, auch wenn ihr Fleiß und Sachkunde attestiert wurden. Unauffälligkeit blieb ihr vorrangiges Merkmal.

Özkan leistete sich im Wulff-Kabinett zwei Fehltritte

Das änderte sich schlagartig, als der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sie 2010 als Sozial- und Integrationsministerin in sein Kabinett berief. Schlagzeilen machte sie aber nicht nur als erste Ministerin mit Migrationshintergrund in Deutschland, sondern noch vor Amtsantritt mit einem politischen Fehltritt, der ihre ganze Unerfahrenheit offenbarte: „Christliche Symbole gehören nicht an staatliche Schulen“, verkündete sie – und löste damit einen Sturm der Entrüstung in der CDU aus. Wulff distanzierte sich, Özkan ruderte zurück.

Doch auch, als sie mit einer „Mediencharta“ Grundregeln für die Berichterstattung über Integration setzen wollte, stieß sie auf Protest. Wulffs Nachfolger David McAllister (CDU) räumte das Thema ab: „Wir werden alles tun, damit sich ein solcher Fehler nicht wiederholt.“ Özkan musste ein zweites Mal zurückrudern.

Ernüchterung machte sich breit, auch weil Özkan in ihrer weiteren Amtszeit überwiegend eines blieb: unauffällig. Nach der Wahlniederlage ihrer Partei schied sie 2013 als Ministerin aus, übernahm die Geschäftsführung der DB Kredit Service GmbH in Berlin, einer Tochterfirma der Deutschen Bank. Politik schien für sie passé.

CDU holte bei der Bürgerschaftswahl 2015 nur 15,9 Prozent

Nun soll Aygül Özkan zur Hoffnungsträgerin der Hamburger CDU werden, die bei der letzten Bürgerschaftswahl 2015 mit 15,9 Prozent ein historisch schlechtes Ergebnis eingefahren hatte. CDU-Landeschef Roland Heintze glaubt, dass sie als jemand, „der Hamburg in seiner Vielseitigkeit und Offenheit gut repräsentieren kann, der in der Wirtschaft verwurzelt ist und die notwendige Regierungsverantwortung hat“ überzeugen kann, zumal der Ausgang der Wahlen nach dem Weggang des übermächtigen früheren Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) wieder offener ist.

Wenn Özkan rechtzeitig gesund wird, würden mindestens zwei Frauen ihre Parteien in den Bürgerschaftswahlkampf führen. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank von den Grünen hat kürzlich ihre Kandidatur angekündigt.