Jahrestag

Gedenken an Mandela: In Südafrika geht es vielen schlechter

Nelson Mandela wäre am Mittwoch 100 Jahre alt geworden. Er hat gegen den Rasssismus in Südafrika gekämpft. Was ist davon geblieben?

Johannesburg/Berlin.  Barack Obama steht auf der Bühne des Cricket-Stadiums in Johannesburg. Es ist fast wie in alten Zeiten. Der ehemalige US-Präsident malt mit den Händen, schaut in die voll besetzten Ränge und sorgt mit seiner Rede für prasselnden Applaus. „Ich glaube an Nelson Mandelas Vision von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit“, sagt Obama. Mandela habe die „Hoffnung der Besitzlosen in der ganzen Welt auf ein besseres Leben“ dargestellt.

Es ist eine der vielen Festveranstaltung zu Ehren Mandelas, der an diesem Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre. Doch tief im Land ist von der einstigen Euphorie um den Wundertäter am Kap nur noch wenig zu spüren. Wo man auch hinschaut, scheint sich seit der politischen Wende vor 24 Jahren kaum etwas Entscheidendes verändert zu haben: Noch immer geben weiße Firmenchefs, weiße Farmer und weiße Experten den Ton an, während die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in tiefster Armut festsitzt. Für einen Großteil der Südafrikaner hat sich die Befreiung nicht ausgezahlt.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist noch groß

„Südafrika ist eines der ungleichsten Länder in der Welt, und die Ungleichheit hat seit dem Ende der Apartheid 1994 weiter zugenommen“, kommentiert die Weltbank. Diese Realität spiegelt sich auch in den Straßen der Wirtschaftsmetropole Johannesburg wider, in der die Villen der Reichen und die Wellblechhütten der Ärmsten oft nur Kilometer voneinander entfernt sind.

Im südwestlichen Township Soweto etwa, jenem Armenviertel, in dem einst auch Mandela wohnte, leben bis heute viele Familien in Hütten von der Größe eines deutschen Kinderzimmers. Mancherorts teilen sich Dutzende Anwohner einen Wasserhahn zum Waschen und Kochen. Auf vielen Straßen flitzen Ratten zwischen Müllhaufen, Kinder spielen im Dreck.

Mandela verbrachte 27 Jahre hinter Gittern

Das Bildungssystem ist desolat, und die Arbeitslosenquote liegt bei rund 27 Prozent. Das benachteiligt vor allem jene, für deren Freiheit Mandela gekämpft hat: „Schwarze Südafrikaner haben das höchste Risiko, arm zu sein“, heißt es vonseiten der Weltbank.

Nelson Rolihlahla Mandelas Weg vom Revolutionär zum Versöhner ist einzigartig. Er schloss sich 1944 als Jurastudent dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) an, um für gleiche Rechte zu kämpfen. Als der ANC 1960 verboten wurde, war Mandela einer der Gründer des Flügels für den bewaffneten Widerstand. 1964 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Es folgten 27 Jahre hinter Gittern, die meisten davon auf der Gefangeneninsel Robben Island bei Kapstadt.

Zornige Jugendliche sprechen von Verrat an den Schwarzen

Mandelas Inhaftierung wurde zum Symbol der Ungerechtigkeit des rassistischen Regimes. Doch erst Ende der 1980er-Jahre begann die Apartheid zu zerfallen: Internationaler Druck, Sanktionen und der Widerstand der schwarzen Mehrheit brachten die Kehrtwende. Im September 1989 wurde der Reformer Frederik Willem de Klerk südafrikanischer Präsident. Er ließ Mandela frei und hob das ANC-Verbot auf. 1993 bekamen de Klerk und Mandela den Friedensnobelpreis. 1994 wurde Mandela Südafrikas erster demokratisch gewählter Präsident. In seiner Amtszeit bis 1999 setzte Mandela auf die Aussöhnung der Bevölkerungsgruppen.

Doch Mandelas Legenden-Status ist heute nicht mehr unumstritten. Vor allem zornige schwarze Jugendliche ­halten die Versöhnungs-Rhetorik für Augenwischerei. Mandela habe seine dunkelhäutigen Landsleute erst befreit und dann verraten, heißt es. Wortführer der jungen Wütenden ist Julius Malema, ehemaliger Chef der ANC-Jugendliga, der nach seinem Rausschmiss aus der Regierungspartei eine eigene Partei, die Economic Freedom Fighter (EFF), gründete.

Verstaatlichung von Banken und Minen als zweiten Schritt gefordert

Er wirft Mandela vor, nach seiner Machtübernahme vor der zweiten Phase der Revolution zurückgeschreckt zu sein und das Land mitsamt seinen Rohstoffen und der industriellen Macht in den Händen der Weißen gelassen zu haben. Die EFF-Kämpfer fordern nun eine radikale Landreform sowie die Verstaatlichung von Banken und Minen.

Dass die Ökonomischen Freiheitskämpfer mit ihrer Kritik nicht allein stehen, wurde spätestens im April dieses Jahres beim Tod von Mandelas zweiter Ehefrau Winnie deutlich. Winnie eignete sich bestens als Gesicht eines sich erneuernden und radikalisierenden Afrikanischen Nationalkongresses.

Zeitweise nahm Mandela den Diktator Gaddafi in Schutz

Die verstorbene „Mutter der Nation“ galt als furchtlose Anwältin der Interessen der Ärmsten. In einem Aufsehen erregenden Interview legte Winnie ihrem Ex-Mann schon wenige Jahre vor dessen Tod im Dezember 2013 die heutigen Vorwürfe Malemas zur Last: dass er die schwarzen Südafrikaner „fallen gelassen“ habe, als er bei den Verhandlungen um die Zukunft des Landes die Weißen zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht am Drücker ließ.

Auch in der Wissenschaft wird Mandela heute differenzierter gesehen. So räumt der Regensburger Politologe Stephan Bierling in seiner kürzlich erschienen Mandela-Biografie mit einigen hartnäckigen Missverständnissen auf. Zum Beispiel mit dem Bild vom hehren Pazifisten, überzeugten Antikommunisten oder vom aufrechten Menschenrechtskämpfer. In Wahrheit nahm die südafrikanische Ikone einst den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi in Schutz, weil dieser den ANC mit Geld versorgt hatte.

Südafrika hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt

Er schloss sich zeitweise der moskauhörigen Kommunistischen Partei Südafrikas an, weil diese seinen bewaffneten Kampf unterstützte, und griff – anders als Mahatma Gandhi – zur Gewalt als Mittel der Befreiung, was dem Land noch heute anzumerken ist. Gewalt hat sich als akzeptierte Reaktion auf gesellschaftliches Unrecht eingebürgert. Das ist einer der Gründe dafür, dass Südafrika unter einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt leidet.

Die jungen Wütenden berufen sich ausgerechnet auf diesen gewaltbereiten Mandela, der die Revolution begonnen, aber leider abgebrochen habe. Vom versöhnenden „Madiba“, der in seinen 27 Haftjahren die weißen Gefängniswärter zu verstehen und auf seine Seite zu bringen suchte, wollen sie nichts wissen.

Doch das ist ein Irrweg, wie sich an der Entwicklung Simbabwes oder zwei Dutzend weiterer afrikanischer Staaten ablesen lässt. Was Süd­afrika hingegen braucht, ist eine gemeinsame Vision von einem gerechten Gemeinwesen, für das auch Privilegien geopfert werden müssen. Nelson Mandela stand für diesen großen Wurf. Ein besseres Vorbild haben die Südafrikaner nicht – und werden sie vermutlich auch nie bekommen.