Umweltschutz

Bundesregierung will gegen Insektensterben vorgehen

Die Bundesregierung stuft das Insektensterben als dramatisch ein. Bundesumweltministerin Schulze kündigt jetzt ein Sofortprogramm an.

Neben der Biene sind zahlreiche weitere Insektenarten gefährdet.

Neben der Biene sind zahlreiche weitere Insektenarten gefährdet.

Foto: Oliver Willikonsky / imago/Oliver Willikonsky

Berlin.  Obstplantagen ohne Bienen, Äcker und Wiesen ohne Käfer und Falter? Die Bundesregierung stuft den Rückgang der Insekten in Deutschland als dramatisch ein und sieht einen „akuten Handlungsbedarf“, um mögliche Folgen für Ökosysteme und Menschen abzuwenden. Das geht aus einem noch unveröffentlichten Bericht des Bundesumweltministeriums hervor, der dieser Redaktion vorliegt.

Von den bislang in den Roten Listen bewerteten 8000 Insektenarten in Deutschland gelten demnach 42 Prozent als bestandsgefährdet, extrem selten, bereits ausgestorben oder verschollen. Hauptursache sei der Verlust von Lebensräumen. Aber auch Pflanzengifte sowie Schadstoffe in Böden und Wasser hätten viele Arten an den Rand des Aussterbens gebracht.

Immer weniger Insekten werden gezählt

„Dieser Artenschwund findet nicht in fernen Ländern statt, sondern direkt vor unserer Haustür“, sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) unserer Redaktion. Sie kündigte ein Sofortprogramm zum Insektenschutz an.

Vom Rückgang betroffen sind sowohl tagaktive als auch nachtaktive Arten – Käfer, Fluginsekten und auch solche Arten, die im Wasser lebten, schreiben die Experten des Bundesamtes für Naturschutz.

Ihr Bericht, der am morgigen Mittwoch auf der Umweltministerkonferenz der Länder in Bremen vorlegt werden soll, fasst die neuesten Forschungserkenntnisse zur Insektenvielfalt zusammen. Ausdrücklich erwähnt wird darin die Studie des Entomologischen Vereins Krefeld aus dem vergangenen Jahr.

Über einen Zeitraum von 27 Jahren hatten Wissenschaftler in 63 deutschen Schutzgebieten flugfähige Insekten in Fallen gefangen. Dabei wurde ein Rückgang der Biomasse um 76 Prozent festgestellt.

Sorge um die Bestäuber

Im Mittelpunkt der Warnungen stehen dabei die Bestäuberinsekten. Von den bislang untersuchten 557 Wildbienarten – Hummeln eingeschlossen – seien aktuell über 40 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Sieben Prozent seien in Deutschland bereits ausgestorben oder so selten, dass sie als verschollen gelten.

Ohne Bestäubung durch Insekten wären in Deutschland der Obst- und Gemüseanbau, aber auch Pflanzen wie Raps, Sonnenblumen oder Ackerbohnen betroffen, warnt der Bericht. Beim Rückgang der Insekten handle es sich nicht um ein lokales Phänomen, sondern um eine bundesweite und klar belegbare Entwicklung.

Der Verlust gefährde andere Tierarten in der Nahrungskette. „Insekten sind die wesentliche Nahrungsgrundlage für zahlreiche weitere Insekten, Spinnen, Vögel, Reptilien, Amphibien oder insektenfressende Säugetiere wie Fledermäuse“, so die Autoren. Bei Vogelarten, die während der Brutzeit Kleininsekten fressen, seien besonders viele Rückgänge zu verzeichnen.

Das Insektensterben hat viele Ursachen

Die Ursachen des Insektenrückgangs seien vielfältig, aber bereits wissenschaftlich hinreichend belegt. Die Trockenlegung von Feuchtgebieten, die Zunahme des Maisanbaus als Energiepflanze sowie die Umwandlung von Grünland in Ackerland raube den Insekten die Lebensräume.

Gleiches gelte für das Abholzen von Alleen oder Straßenbäumen – eine Maßnahme, die eigentlich der Verkehrssicherheit dienen soll. Auch neuartige Bedrohungen zählen die Naturschutzexperten auf: die Lichtverschmutzung. Nachtaktive Insekten würden von künstlichen Lichtquellen angezogen, die aufgrund ihrer Bauweise wie Fallen wirkten.

Zur Gefahr für viele Arten würden zunehmend auch die laut Experten großen Mengen von Insektiziden in der Landwirtschaft. Als Pflanzenschutzmittel ausgebracht, sollen sie Schädlinge auf Äckern vernichten, töteten dabei aber auch Nicht-Zielarten. Neonikotinoide seien die seit den 1990er-Jahren am weitesten verbreiteten Insektizide, sie wirkten jedoch auf das Nervensystem aller Insektenarten, so der Bericht.

Die schädigende Wirkung auf Honigbienen oder einige Hummelarten sei wissenschaftlich gut untersucht, schreiben die Autoren. Als Folge hätten Honigbienen mitunter nicht zu ihrem Bienenstock zurückgefunden. Dies habe zu geschwächten Völkern geführt, die Königinnenproduktion sei um 85 Prozent reduziert.

Warnung vor neuem Insektizid-Wirkstoff

Explizit warnen Experten vor der Zulassung des neuen Insektizidwirkstoffes Cyntraniliprol, bei dem bereits der einfache Kontakt die Muskulatur von Insekten lähme und so bei Gliedertieren zum Tode führe. Für die Gruppe der bestäubenden Insekten wie auch für im Wasser lenkende Wirbellose stelle dies ein hohes Risiko dar. Cyantraniliprol-haltige Pflanzenschutzmittel seien bisher in Deutschland nicht zugelassen, heißt es in dem Bericht. Allerdings dürfe nach EU-Recht mit Cyantraniliprol gebeiztes Saatgut aus Polen importiert werden.

„Wir brauchen eine andere Pflanzenschutzpolitik, besseres Monitoring der Insektenbestände und mehr landwirtschaftliche Flächen, auf denen Insekten leben können“, sagte Umweltministerin Schulze.

Noch in diesem Sommer sollen mit den Bundesländern die Details eines bundesweiten Insektenmonitorings abgestimmt werden. In ganz Deutschland sollen dann Insekten gefangen und in der Menge erfasst werden. „Es ist gut und richtig, dass die Bundesregierung den dramatischen Insektenschwund endlich angehen will“, sagte Olaf Tschimpke, Präsident des größten deutschen Naturschutzverbandes Nabu. „Alle insektenschädlichen Neonikotinoide und ähnlichen Stoffe müssen schnellstmöglich und komplett vom Markt verschwinden. Zudem müsse EU-weit der Einsatz aller Pestizide drastisch reduziert werden.