Vielleicht ist es die modische Frisur, das Piercing über dem Auge oder das bunte Tattoo, das seinen ganzen rechten Arm bedeckt. Lee Pyung sieht aus wie einer der Stars aus der Welt des K-Pop: stylish, schlank und groß gewachsen. Schon allein die Körpergröße widerspricht dem, was viele von Nordkoreanern erwarten: kleiner als Südkoreaner, schüchtern, unauffällig. Selbstbewusst schaut dieser junge Mann in die Kamera und sagt: „Ihr denkt, Nordkoreaner essen Menschenfleisch? Das ist absurd!“

Lee Pyung gehört zu einer neuen Generation von Nordkoreanern. Er hat sich angepasst an den Süden, er weiß, wie er den nordkoreanischen Akzent verbirgt, der so viel härter klingt als das weiche Südkoreanisch. Und er ist nicht der stille junge Mann, der sich für alles bedanken muss. Er hat genug erreicht: Sein Videoblog hat mehr als eine Million Follower.

Auf der Webseite Afreeca ist er einer von rund 20 Nordkoreanern, die dort ihre Geschichten von der Flucht aus dem Norden und dem Ankommen in Südkorea erzählen. Lees Flucht-Geschichte hatte von allen seinen Videos die meisten Zuschauer – und beschert ihm monatlich ein Einkommen von rund 4400 Dollar. Auf Afreeca wird Werbung geschaltet, und ein Teil der Einnahmen hieraus an die Blogger ausgezahlt.

Tauwetter zwischen Nord- und Südkorea

Vor 23 Jahren wurde Lee Pyung in Chongjin geboren, das liegt in den Bergen der Hamgyong-Provinz, Nordkorea. Lee ist mit elf Jahren geflüchtet, er ließ seine Großmutter zurück, bestach Grenzsoldaten, schwamm durch den Grenzfluss Yalu, wurde von Chinesen gefangen genommen, flüchtete, versteckte sich in den mongolischen Wüsten und gelangte schließlich in die südkoreanische Botschaft in Ulan Bator. Der Geheimdienst erlaubte die Einreise nach Südkorea, und nach acht Jahren Trennung traf er in Seoul seine Eltern wieder. Er hatte keine Erinnerung an sie, auch sie waren in den Süden geflohen, da war er drei Jahre alt.

Diese Geschichten sind nicht neu, sie werden seit 70 Jahren erzählt, seit den Staatsgründungen von Süd- und Nordkorea. Doch das Besondere ist nicht, dass Lee Pyung sie erzählt, das Besondere ist, dass er so viele Zuhörer findet. Gut einen Monat liegt das erste historische Treffen von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Südkoreas Präsident Moon Jae-in zurück, das zweite gerade eine Woche. Doch die symbolträchtigen Bilder der Männer, die über die Grenze treten oder einander umarmen, sie führen zu etwas, das nicht anders bezeichnet werden kann als ein Tauwetter zwischen den beiden Staaten.

Image von Kim Jong-un hat sich gebessert

Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Eine Umfrage des TV-Senders MBC ergab noch vor zwei Monaten, dass nur zehn Prozent aller Befragten Kim über den Weg trauen würden. Bei einer Umfrage vor einigen Tagen waren es 78 Prozent. Auch bei jungen Südkoreanern kommt der Machthaber besser an: In einer Umfrage unter Studenten der Kookmin University in Seoul gaben 48,3 Prozent an, dass sie jetzt ein positives Bild von Kim haben — zehnmal so viele wie noch vor dem Gipfeltreffen mit Moon.

Analog änderte sich das Image des Landes: 66 Prozent der südkoreanischen Studenten hatten vor dem Treffen der Staatschefs ein überwiegend negatives Bild von Nordkorea, nach dem 27. April waren es nur noch 17 Prozent. Das sind ausgerechnet jene jungen Menschen, von denen man bisher dachte, sie seien gegen eine Wiedervereinigung des Nordens mit dem Süden.

Südkoreaner sehen Geflüchtete jetzt mit anderen Augen

Lee Nayoung ist eine Lehrerin, die diesen Effekt hautnah miterlebt. Vor fünf Jahren führte sie in Eigeninitiative und mit Unterstützung der Schulleitung ein Unterrichtsfach „Wiedervereinigung“ an der Seoul Foreign Language Highschool ein. „Meine Schüler dachten immer, Kim Jong-un sei das personifizierte Böse“, erzählt sie. „Aber durch das Gipfeltreffen haben viele ihre Meinung geändert, weil sie sehen konnten, dass auch Nordkoreas Machthaber charmant sein kann.“

Und so beginnen Südkoreaner langsam, die nach Süden geflüchteten Nordkoreaner mit anderen Augen zu sehen. Rund 30.000 „Talbukja“ (Abtrünnige), wie nordkoreanische Flüchtlinge genannt werden, leben in Südkorea.

Lees Videos handeln vom Alltag in der Diktatur

In Lee Pyungs Videos erfahren die Zuschauer mehr über den Alltag in der kommunistischen Diktatur. Er erzählt vom Verbot von Miniröcken und Kontaktlinsen, von den brachliegenden Feldern, auf denen sich die Insekten ausbreiten – und auch von öffentlichen Exekutionen. „Ich habe viele tote Körper gesehen“, sagt der tätowierte Star. Vom Süden wusste er lange nur, dass dort „Gangster“ leben. Doch dort hat er sich mittlerweile „sehr gut eingelebt“. Bevor er ein Internetstar wurde, hat er eine Ausbildung zum Hairstylisten gemacht.

Schon 2011 gab es im koreanischen Fernsehen die Sendung „Auf dem Weg, dich zu treffen“, eine Reality-Serie, in der nordkoreanische Frauen vor einer wachsenden Fangemeinde von ihrer Flucht erzählen. Mit den Videoblogs aber können die „Abtrünnigen“ ihre Geschichte selbst erzählen, ohne einem Programmschema folgen zu müssen. Außerdem wurden in dem TV-Programm ausschließlich Frauen eingeladen, weil sie im Süden „traditionell“ als hübscher gelten. „Nam nam buk nyeo“ (Männer vom Süden, Frauen vom Norden) – das rund 500 Jahre alte Sprichwort besagt, dass Männer aus dem Süden und Frauen aus dem Norden besser aussehen.

Einfach nur Koreanerin sein

Son Bom-hyang zumindest kann mit dieser positiven Diskriminierung gut umgehen. Zurechtgemacht sitzt die 29-jährige Nordkoreanerin vor der Kamera und erzählt von ihrer Flucht, als sie zehn Jahre alt war. Sie war im Gefängnis, stahl Essen vom Feld von Chinesen und beantwortet jetzt Fragen wie: „Habt ihr wirklich in jeder Wohnung ein Bild der Kims hängen?“ Sie nickt nur und lächelt. Sie macht inzwischen mehr Geld mit Videos, in denen sie nur Nudeln isst. „Mokbang“, ein älterer Trend in Südkorea: Menschen beim Essen zusehen. Dort ist sie kein Flüchtling mehr, sondern nur: eine hübsche Koreanerin.