Gießen/Berlin

Opfer von Kinderpornografie werden immer jünger

Zahl der Fälle steigt – Ermittler von Bund und Ländern kämpfen mit beschränkten Mitteln gegen eine konspirative Szene, deren Taten brutaler werden

Gießen/Berlin.  In der Weihnachtszeit gibt sich der 61 Jahre alte Uwe-Michael G. viel Mühe für die Besucher auf seiner Webseite. Er schmückt das Forum, das er als Grafiker gestaltet, mit einem Bild: einem Penis, der aussieht wie ein Schoko-Nikolaus, die glitzernde Folie schon abgepellt, lang und schmal. Daneben steht das Bild eines Mädchens, vielleicht acht Jahre alt, ein blonder Zopf, der Rock bis zu den Knien. Das Mädchen lächelt. Daneben montiert G. in blauer Schrift den Namen der Webseite: „Elysium“. Es ist Advent 2016.

In der griechischen Mythologie ist „Elysium“ die „Insel der Glückseligen“ – im verschlüsselten Internet, dem Dark-net, eine Plattform, auf der Straftäter Tausende Videos und Fotos von missbrauchten Kindern hochluden.

Im August 2016 reist der 61-jährige Deutsche aus Bayern nach Österreich. Uwe-Michael G. trifft sich mit einem Vater aus Wien. Ein Video zeigt die Männer – mit dem Sohn und der Tochter des Österreichers, erst fünf und sieben Jahre alt. Die Beschuldigten fotografieren die nackten Kinder, berühren sie an den Genitalien. Das Video landet später auf der Plattform „Elysium“. Mittlerweile sitzt Uwe-Michael G. in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: bandenmäßige Verbreitung von Kinderpornografie und Kindesmissbrauch. Drei weitere Hintermänner, darunter Gründer und Administratoren der Plattform „Elysium“, sind ebenfalls im Fokus der Justiz. Im Sommer soll der Prozess in Limburg beginnen.

Ermittlungen mit Fake-Videos von Kinderpornografie

Im vergangenen Jahr schalten deutsche und österreichische Ermittler die illegale Internetseite ab. Sie war nur einige Monate online. Doch das Darknet-Forum hatte schnell bis zu 87.000 Mitglieder. Es gab Chaträume auf Deutsch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wer exklusive Filme von missbrauchten Kindern anschleppt, gilt als „Star“. Manche Foren haben dafür eine Bühne, die „Producers Lounge“, eine Art VIP-Raum für Kinderschänder.

Seit 2010 ermittelt das Bundeskriminalamt (BKA) jährlich zwischen 6200 und 7600 Fälle von Kinderpornografie. Mehrfach hatte die Polizei zuletzt Erfolg. Seit gestern sitzt ein 41-Jähriger vor dem Landgericht Freiburg auf der Anklagebank. Eine Mutter soll ihren neunjährigen Jungen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten im Internet angeboten und Männern gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen haben. Der Angeklagte ist einer von acht Beschuldigten, die den Jungen missbraucht haben sollen.

Ein Trend, den Experten zunehmend erkennen, ist Missbrauch von Kindern per Livestream etwa über Skype oder den Messenger-Dienst WhatsApp. Live-Bilder hätten in der Szene „einen hohen Wert“, sie würden den Tätern als „besonderer Kick“ gelten, da das Ende des Missbrauchs offen ist, sagt Georg Ungefuk dieser Redaktion. Er ist Oberstaatsanwalt und Sprecher der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT) in Gießen. 2017 stieg die Zahl der Kinderpornografie-Verfahren bei der ZIT laut hessischem Justizministerium auf 2551. Im Jahr 2016 waren es noch 1504. Im Fokus der Fahnder immer wieder: die Philippinen. In dem Land produzieren Kriminelle massenhaft Live-Übertragungen. Wer arm ist, für den kann das Geschäft mit Pornografie eine schnelle Geldquelle sein. Viele Menschen auf den Philippinen sprechen Englisch. Das hilft den Tätern, die Übertragungen international anzubieten. Und der Ausbau von schnellen Internetleitungen befeuert das Geschäft.

Die Opfer sind zu drei Vierteln Mädchen, die Täter meist Männer. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Gruppen, sind Ärzte, KfZ-Mechaniker, Büroangestellte oder Anwälte. Sehr häufig sind die Täter mit dem Kind verwandt. Die Ermittler sehen weitere Trends in der Szene: Der Anteil der Opfer unter sechs Jahren sei in den vergangenen Jahren gestiegen, heißt es beim BKA. Und das Bildmaterial wird immer drastischer. Julia Bussweiler ist Staatsanwältin bei der ZIT und ermittelt zu Plattformen wie „Elysium“. Sie sagt: „Wir sehen häufig Videos, in denen sexualisierte Gewalt ausgeübt wird.“ Filme, in denen Kinder geschlagen oder gefesselt werden. „Auch Videos oder Fotos, in denen Säuglinge missbraucht werden, kommen oft vor.“ Sogar Tierpornografie mit Kindern sei ihnen untergekommen, sagt Bussweiler.

Auch die EU-Polizeibehörde Europol bestätigt, dass mehr junge Kinder unter den Opfern sind, und die Filme brutaler werden. 1200 Polizisten aus EU-Staaten arbeiten in der länderübergreifenden Behörde. 180 Operationen koordinierte Europol 2017 allein im Bereich Internetkriminalität, in rund 60 Fällen ging es um Kindesmissbrauch. Ermittler in der Zentrale in Den Haag analysieren täglich etliche Videos und Filme von illegalen Plattformen. In den Szenen, in denen Kinder missbraucht werden, suchen die Kriminalisten nach Hinweisen: einer Cola-Dose mit bulgarischer Aufschrift auf dem Tisch, einer österreichischen Tageszeitung in der Ecke, besonders auffälligen Möbelstücken oder besonderen Gebäuden, die man durch das Fenster sieht. Täter können illegales Material verschlüsseln und im Netz verbreiten – doch auch sie hinterlassen Spuren an den Tatorten. Spiegelt sich im Video das Gesicht des Täters in der Glasvitrine? Huscht ein Arm mit einem auffälligen Tattoo durch das Bild?

Doch trotz des Aufbaus von Spezialeinheiten, trotz verstärkter Zusammenarbeit von europäischen Polizisten mit Behörden vor allem in den USA – häufig sind illegale Chats so gut verschlüsselt und Nutzerdaten so gut anonymisiert, dass Polizisten die wahre Identität, den Wohnort oder die Kontodaten eines Tatverdächtigen nicht herausfinden. Die Täter agieren in vielen Fällen „sehr vorsichtig und konspirativ“, sagt Staatsanwältin Bussweiler. In den Foren tauschen sich Pädophile darüber aus, wie sie unerkannt bleiben: Den Laptop immer mit Bargeld bezahlen, um keine Daten von Kreditkarten zu hinterlassen. Mit Hunderten Beamten sind deutsche Kriminalämter im Darknet verdeckt unterwegs. Unter Tarnidentitäten versuchen sie, Kontakt zu den Kinderschändern aufzubauen, um ihnen Informationen zu entlocken. Wo war er im Urlaub? Arbeitet er als Mechaniker oder als Kaufmann? Wurde er zuletzt in einem Krankenhaus wegen einer seltenen Krankheit behandelt? So setzen die Fahnder ein Puzzle der Chat-Teilnehmer zusammen.

Anders als etwa in Australien dürfen deutsche Polizisten selbst keine Fotos oder Videos mit Kinderpornografie auf Webseiten hochladen, um getarnt weiter zu ermitteln. Doch genau dies verlangen Betreiber von illegalen Plattformen häufig – die Szene spricht vom „Keuschheitstest“. Eine Art Beweis, dass ein Nutzer kein Polizist ist. Wer selbst nichts postet, macht sich verdächtig.

Hessens Justizministerin und CDU-Politikerin Eva Kühne-Hörmann will den Strafverfolgungsbehörden erlauben, zur Tarnung künstlich erstellte Videos von Kindesmissbrauch hochladen zu dürfen – digital animiert mit Computerprogrammen. Würde der Gesetzgeber den Ermittlern nicht ermöglichen, diese Dateien einzusetzen, „die als Eintrittskarte in geschlossene Tauschzirkel verlangt werden, werden wir kaum in der Lage sein, gegen Hintermänner und Szene-Größen vorzugehen“, sagt Kühne-Hörmann dieser Redaktion. Doch auch Fake-Kinderpornografie ist rechtlich heikel. Denn soll sie echt wirken, befeuern solche Videos die Nutzung einer Webseite.

Als die Ermittler das Missbrauchsvideo mit dem 61 Jahre alten Grafiker Uwe-Michael G. analysierten, waren sie schnell sicher: Es ist ein zweiter Täter dabei. Die Polizisten fanden heraus, dass der Film in Österreich gedreht worden war. Das Bundeskriminalamt kontaktierte die Kollegen in Wien. Die österreichischen Ermittler wussten: Das Mädchen in dem Video ist im schulpflichtigen Alter. Also traten die Beamten eine Großfahndung an Schulen los, zeigten Lehrern ein Foto des Kindes. Eine Volksschullehrerin erkannte das Mädchen schließlich. Kurz darauf verhafteten Polizisten den Vater.