Facebook-Chef

So lullte Mark Zuckerberg den US-Senat nach Datenskandal ein

Facebook-Chef Zuckerberg stellte sich im US-Kongress Politiker-Fragen und wich oft aus. Kritiker sprechen von „Marks Märchenstunde“.

Mark Zuckerberg, Gründer und Chef von Facebook, im US-Kongress.

Mark Zuckerberg, Gründer und Chef von Facebook, im US-Kongress.

Foto: Andrew Harnik / dpa

Washington.  Immer wenn es eng oder konkret wird, greift der blasse Mann mit der taubenblauen Krawatte zu seiner Allzweckwaffe: „Wichtige Frage, Herr Senator. Ich werde mein Team gerne bitten, die Details nachzureichen.“

Mark Zuckerberg, der Gründer und Chef des weltweit größten Internet-Netzwerks Facebook , bediente sich in seinem ersten Vernehmungs-Marathon vor den Ausschüssen des Kongresses in Washington so oft dieses einstudierten Ausweichmanövers, dass Chronisten mit dem Zählen nicht mehr nachkamen.

Gleichwohl überstand der 33-Jährige das im Zuge des Datenmissbrauchs-Skandals um die britische Firma Cambridge Analytica anberaumte Ritual aus der Reihe „Politiker fragen, Wirtschaftsgewaltige antworten“ ohne wirkliche Schrammen.

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Facebook-Kritiker sprechen von „Marks erfolgreicher Märchenstunde“

Eine von Zuckerberg in den 14 Jahren des Bestehens seiner Firma kultivierte Strategie der dosierten Reue („Es war mein Fehler, und es tut mir leid“) gepaart mit allgemein gehaltenen Versprechungen auf Besserung („Es reicht nicht, Instrumente zu produzieren. Wir müssen auch sicherstellen, dass sie für Gutes genutzt werden“) reichte vorläufig aus, um dem von Politikern kanalisierten Unmut über das Geschäftsgebaren von Facebook die Spitze zu nehmen. Kritiker im Internet sprachen spöttisch von „Marks erfolgreicher Märchenstunde“. Während der live im Fernsehen übertragenen Sitzung, so Börsen-Analysten mit Blick auf den gestiegene Aktienkurs, wurde Zuckerberg um drei Milliarden Dollar reicher.

Auslöser für den ersten Auftritt des einstigen Wunderkinds der Tech-Branche war, dass ein App-Entwickler bereits vor vier Jahren die Daten von rund 90 Millionen Facebook-Kunden abgesaugt und an Cambridge Analytica verkauft hatte. Mit dem Material wurden im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gezielt positive Werbe-Botschaften für den heutigen US-Präsidenten Donald Trump platziert.

Viele Senatoren fragten relativ unbedarft

Begüngstigt wurde Zuckerbergs „Sieg“ (CNN) durch den Generationen-Unterschied. Viele der 44 fragenden Senatorinnen und Senatoren sind weit über 70. Ihr Wissen über die innere Mechanik der mit 450 Milliarden Dollar notierten Firma ist überschaubar. So fragte Orin Hatch (Utah, 84) ernsthaft, wie es sein kann, dass Facebook seine Produkte kostenlos anbietet. Entgeisterte Antwort Zuckerbergs: „Wir lassen Werbung laufen, Senator.“

Darum verwunderte es auch nicht, als keiner der Senatoren reagierte, als Zuckerberg einen Ausblick auf die Zukunft gab, der um Transparenz besorgte Fachleute frösteln lässt. Danach werde bald verstärkt „Künstliche Intelligenz“ eingesetzt, um Hass-Tiraden und vergiftete politische Propaganda von der Plattform zu tilgen. „Und wer kontrolliert diese Algorithmen?“, fragte ein Leser in einem Forum der Washington Post und zog einen Vergleich zur George Orwell.

Zuckerberg behauptet, Nutzer hätten Kontrolle über ihre Daten

Ohne größere Widerstände konnte Mark Zuckerberg mehrfach behaupten, dass die Nutzer a) volle Kontrolle über ihre Daten und b) durch Bestätigung der Geschäftsbedingungen schließlich in deren Weitergabe eingewilligt hätten. An beiden Aussagen gibt es seit langem Zweifel. 2011 verdonnerte die zuständige Federal Trade Commission (FTC) Facebook dazu, Nutzerdaten besonders zu schützen – und das verständlich.

John Kennedy, Republikaner aus Louisiana, nannte die in ausgedruckter Form bibeldicken Geschäftsbedingungen „beschissen“ und ermahnte Zuckerberg zur drastischen Vereinfachung. Kurz zuvor hatte Lindsey Graham gefragt: „Denken Sie nicht, dass Sie ein Monopol haben?“ Zuckerberg ungerührt: „Fühlt sich für mich nicht so an.“

Sehr viele offene Fragen

Bei der Vorgeschichte von Fehlern und Pannen, so sagten Experten vor der Sitzung, müsse Zuckerberg Antworten auf Kernfragen geben können. Wie viele Fake-Nutzerkonten (von russischen Trollfabriken und anderen) wurden inzwischen enttarnt und gelöscht? Wie häufig haben Drittanbieter Daten von Facebook ohne explizite vorherige Zustimmung der Betroffenen kommerziell weiterverarbeitet?

Wie viele Facebook-Mitarbeiter haben Cambridge Analytica bei dem Versuch unterstützt, Donald Trump ins Amt zu bringen? Aus welchen Bundesstaaten kommen die Facebook-Kunden, deren Daten gezielt von Cambridge Analytica genutzt wurden? Warum dauert die Löschung persönlicher Daten im Falle einer Konto-Auflösung bis zu 90 Tage – und was passiert in dieser Zeit mit den Informationen? Kontrolliert Facebook das Gebaren seiner Kunden, auch wenn sie sich aus dem sozialen Netzwerk abgemeldet haben? Und: Welche Art staatlicher Regulierung hält der Mann für nötig, der Facebook 2004 in seinem Studentenzimmer gegründet hat?

Zuckerberg blieb fast immer im Ungefähren

In fast allen Punkten blieb Zuckerberg, dem Mitarbeiter ein langes Papier mit Gedächtnisstützen vorbereitet hatten, im Ungefähren. Beispiel staatliche Regulierung. Ist er dafür? „Ja, wenn es die richtige Regulierung ist.“ Allein der Demokrat Richard Blumenthal winkte erkennbar säuerlich ab. Ohne spezifische Regeln, die von einer unabhängigen Instanz durchgesetzt werden müssten, können er „vagen Versprechen“ auf Besserung keinen Glauben schenken.

Dass die politischen Konsequenzen nach dem Schaulaufen für Facebook „wohl milde“ ausfallen werden, steht für einige US-Medien bereits fest. Eine politische Mehrheit, die Facebook ans staatliche Gängelband legen möchte, sei im Altherren-Gremium des Senats nicht vorhanden. Bis auf wenige Ausnahmen hoffe man dort, dass der Konzern „die Probleme selbst in den Griff kriegt“, sagte ein Analyst im Sender MSNBC.

Zuckerberg verkauft Facebook als Mittel der Völkerverständigung

Nicht nur dort wurde kritisiert, dass Zuckerberg Facebook immer noch vor allem als idealistische Veranstaltung zur Völkerverständigung verkauft. Dass die Firma 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz mit Werbung macht, die allein auf den riesigen Datenschatz zielt, gehe unter. An jedem US-Nutzer verdiente Facebook 2017 statistisch gesehen 80 Dollar.

In der amerikanischen Öffentlichkeit ist die Debatte schon weiter. Nur 25 Prozent der Jüngeren unter 30 Jahren halten Facebook noch für eine vertrauenswürdige Geschichte. In einer andere Umfrage sagen 56 Prozent der Amerikaner, dass sie Facebook am wenigsten trauen, wenn es um die sichere Handhabung ihrer privaten Informationen geht. Google, Amazon, Netflix und Uber schneiden deutlich besser ab.