Giftanschlag

Bröckelt jetzt im Fall Skripal die Allianz gegen Russland?

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Jochen Wittmann
Ermittler in Schutzanzügen untersuchen den Tatort in der südenglischen Stadt Salisbury.

Ermittler in Schutzanzügen untersuchen den Tatort in der südenglischen Stadt Salisbury.

Foto: Steve Parsons / dpa

Bei der Sondersitzung der Waffenexperten lieferten sich London und Moskau einen Schlagabtausch. Der Ursprung des Gift bleibt unklar.

London.  Bei ihrer ersten direkten Konfrontation im Fall des Nervengift-Anschlags auf den früheren Doppelspion Sergej Skripal sind Großbritannien und Russland heftig aneinander geraten. Der Streit stand am Mittwoch im Mittelpunkt einer Sondersitzung des Exekutivrats der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag, die Russland beantragt hatte.

Großbritannien beharrte auf seiner Einschätzung, dass Moskau für die Attacke verantwortlich sei, und bezeichnete den Vorschlag Russlands zu gemeinsamen Ermittlungen als „pervers“. Das sei ein Ablenkungsmanöver Moskaus, um Fragen auszuweichen, twitterte die britische OPCW-Delegation.

Skripal weiter in kritischem Zustand

Der frühere russische Doppelagent Skripal war am 4. März zusammen mit seiner Tochter Julia im südenglischen Salisbury vergiftet worden. Der 66-Jährige befindet sich in einem kritischen Zustand, seiner 33 Jahre alten Tochter geht es besser. Moskau weist die Vorwürfe des Westens vehement zurück.

Der Streit zwischen Moskau und London hat eine schwere diplomatische Krise ausgelöst. Rund 25 westliche Staaten und die Nato wiesen als Reaktion auf den Anschlag etwa 150 russische Diplomaten aus, Moskau verwies im Gegenzug genauso viele westliche Di­plomaten des Landes.

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Weiter unklar, woher Gift kommt

Kurz vor der mit Spannung erwarteten Sitzung des OPCW-Exekutivrates hatte Gary Aitkenhead, Leiter des Militärlabors Porton Down, des britische Zentrums der Chemie- und Biowaffenforschung, in einem Interview erklärt, dass seine Mitarbeiter zwar das verwendete Gift als Nowitschok haben identifizieren können. Man sei überzeugt, dass der Kampfstoff in einem staatlichen Labor hergestellt sein müsse, habe aber keine Erkenntnisse, was seinen genauen Ursprung angeht. Wir konnten, sagte Aitkenhead, „die präzise Quelle nicht identifizieren“.

Bröckelt nun die internationale Allianz, die Großbritannien in der Skripal-Affäre schmieden konnte? Das britische Außenministerium bemühte sich schleunigst um Schadensbegrenzung. Dass es sich bei dem Gift um Nowitschok handelt, ließ man verlauten, sei nur einer von vier Faktoren des „geheimdienstlichen Erkenntnisbilds“. Hinzu käme, dass man wisse, dass Russland in den letzten zehn Jahren chemische Kampfstoffe entwickelt und gelagert habe, dass es eine Bilanz von russischen Mordversuchen im Ausland gebe und dass ehemalige russische Geheimdienstmitarbeiter vom Kreml als legitime Ziele betrachtet würden.

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Russland: 20 Staaten können Nowitschok herstellen

Besonders der zweite Punkt dürfte für die Alliierten Londons interessant sein. Wenn der britische Geheimdienst Beweise dafür hat, dass Russland weiterhin verbotene Nervenkampfstoffe produziert, sollten diese auf den Tisch gelegt werden. Nach Angaben der russischen Regierung sind 20 Staaten in der Lage, das Gift Nowitschok herzustellen.

Man darf annehmen, dass London seine Verbündeten hinter geschlossener Tür überzeugt hat. Wie der Sender Sky News berichtete, habe es drei Treffen in Brüssel gegeben, bei denen der nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill den westlichen Alliierten Erkenntnisse unterbreitet hätten, die als „beispiellos“ bezeichnet wurden. Großbritannien teile, sagte Alistair Bunkall von Sky News, mit seinen Partnern „im Privaten viel mehr geheimdienstliches Material, als es das in der Öffentlichkeit mache“ und habe dadurch den internationalen Schulterschluss ermöglicht. (mit dpa)

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