Untergrundkirche

„Pakt mit Teufel“: Chinas Katholiken schockiert über Papst

Der Vatikan und Chinas Führung verhandeln offenbar über ein historisches Abkommen. Die Katholiken im Untergrund fühlen sich verraten.

Foto: DAMIR SAGOLJ / REUTERS

Peking.  Das Abendmahl können diese Katholiken nur in Hinterzimmern zu sich nehmen. Pfarrer, Mönche und Nonnen dürfen sich nicht als solche bekennen. Und auch über ihre Gottesdienste müssen alle Gemeindemitglieder nach außen Stillschweigen bewahren.

Mehr als zehn Millionen Katholiken gibt es Schätzungen zufolge derzeit in China. Zwar ist der Katholizismus im Reich der Mitte nicht verboten, aber die Gläubigen müssen sich der offiziellen „Katholischen Patriotischen Vereinigung“ anschließen. Knapp die Hälfte gehören jedoch zur „Untergrundkirche“: Sie erkennen nicht den chinesischen Staat und seine Religionsbehörden, sondern den Papst als oberste Instanz an, der auch das letzte Wort bei der Ernennung von Bischöfen hat. Deshalb werden sie verfolgt. Trotzdem halten sie dem Kirchenoberhaupt in Rom seit Jahrzehnten die Treue.

Ernennung von Bischöfen führt immer wieder zu Konflikten

Nun ist zwischen der „Untergrundkirche“ und dem Vatikan jedoch ein heftiger Streit ausgebrochen. Von „Verrat“ ist gar die Rede. Der Grund: Peking und der Vatikan sind nach Angaben der chinesischen Staatszeitung „Global Times“ kurz davor, sich auf ein historisches Abkommen zu einigen. Die Verhandlungen hätten „die Schlussphase“ erreicht, wird Bischof Guo Jinca, Generalsekretär der „Katholischen Patriotischen Vereinigung“, zitiert. Angeblich ist in der Übereinkunft auch von einer Aufnahme von diplomatischen Beziehungen die Rede. Die Vereinbarung könne sehr bald unterschrieben werden, „falls alles gut läuft“, betonte Bischof Guo.

Der Vatikan bestreitet das zwar noch. Papst-Sprecher Greg Burke erklärte am Donnerstag, die Unterzeichnung des Papiers stehe nicht unmittelbar an. Er bestätigte jedoch, dass Franziskus mit seinen Mitarbeitern in regem Kontakt zum Thema China stehe und die Etappen des derzeitigen Dialogs intensiv begleite. China zählt insgesamt 77 Bischöfe. Ein wichtiger Streitpunkt ist die Frage, wer sie ernennen darf: Peking oder der Heilige Stuhl. Zwei Drittel von ihnen werden bereits sowohl vom Vatikan als auch von Peking anerkannt. Die Ernennung der anderen Geistlichen führte jedoch immer wieder zu Konflikten.

Weitere Spaltung der Kirche befürchtet

Doch eine Einigung scheint in Sicht zu sein – und zwar zugunsten Pekings. Zu Beginn des Jahres hat der Vatikan bereits zwei chinesische Untergrund-Bischöfe aufgefordert, ihren Rücktritt einzureichen – zum großen Ärger der Christen, die nicht unter den Fittichen des Staates stehen wollen. Hongkongs emeritierter Kardinal Joseph Zen, seit langem Fürsprecher der Untergrundkatholiken in China, zeigte sich „zutiefst schockiert“. Er warnt vor einem „Pakt mit dem Teufel“ und warf dem Papst vor, die Kirche zu verraten. Zen spricht von „Verwirrung und Schmerz“ unter den Vatikantreuen und befürchtet eine weitere Spaltung der Kirche.

Zen war Anfang Januar nach Rom gereist, um Franziskus umzustimmen. Doch ohne Erfolg: Chinesischen Medienberichten zufolge soll der Papst zudem zugesagt haben, sieben Bischöfe der Staatskirche anzuerkennen und deren Exkommunizierung zurücknehmen. Diese hatten zuvor gegen den Willen des Papstes ihre Ernennungen durch die Führung in Peking angenommen und waren daher vom Vatikan bestraft worden.

Genaue Zahl der Katholiken in China umstritten

Zu Wochenbeginn nahmen chinesische Behörden zeitweise den Untergrundbischof Vincent Guo Xijin in Gewahrsam. Guo ist einer der beiden, den der Vatikan kürzlich aufgefordert hatte, seinen Posten zugunsten eines von Peking ernannten Bischofs zu räumen. Laut „Asia News“ steht die Festnahme im Zusammenhang mit Guos Weigerung, die Ostermesse gemeinsam mit einem Peking-treuen Bischof zu feiern. Guo ist inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Das Verhältnis zwischen der Kommunistischen Partei Chinas und den meisten Religionsgemeinschaften war von Anfang an schwierig und ist bis heute oft widersprüchlich. So ist umstritten, wie hoch die Zahl der Katholiken – und Christen überhaupt – im Land ist. Einige Schätzungen sprechen von bis zu 100 Millionen Anhängern verschiedener christlicher Kirchen. Chinesische Medien nennen in der Regel deutlich geringere Zahlen.

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Staat geht verstärkt gegen Gemeinden im Untergrund vor

Die Untergrundkatholiken sind meist in sogenannten Hauskirchen organisiert. Mehr als 3000 soll es allein in der Hauptstadt Peking geben. Der chinesische Staat weiß von diesen Untergrundgemeinden und hat sie zwischenzeitlich auch gewähren lassen. Doch seit einigen Jahren gehen die Behörden wieder verstärkt gegen sie vor. In der östlichen Küstenstadt Wenzhou, die wegen ihrer vielen Christen auch als „Jerusalem Chinas“ bekannt ist, haben die Behörden mehrfach Kreuze von Kirchen und Gebäuden entfernen lassen. Christen, die protestierten, wurden festgenommen. Peking hat in den vergangenen Jahren zudem mehrfach Bischöfe, die sich nicht der KP unterordnen wollten, verschwinden lassen.

Trotzdem bemüht sich Papst Franziskus um engere Beziehungen zu China. Eine Kommission soll ein Konkordat aushandeln, heißt es. Als einziger europäischer Staat unterhält der Vatikan keine diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik. Sollte ein solcher Staatsvertrag zwischen Peking und dem Vatikan zustande kommen, würde schnell die Forderung laut, dass der Vatikan seine Beziehungen zu Taiwan kappen müsste. Papst Franziskus hat bereits signalisiert, dass er dazu bereit sei.

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