Andreas Krebs ist froh, dass er im Gefängnis sitzt. Hier in Deutschland – und nicht in Italien. Die italienischen Behörden wollen ihm den Prozess machen, haben Haftbefehl erlassen. Der Vorwurf: Mord. Er soll einen Tankwart mit einem Messer erstochen haben. Die Familie des Opfers hat sein Gesicht an Hauswände und Lichtmasten plakatiert, ruft im Internet zu Selbstjustiz auf. Krebs drohen bei einer Auslieferung bis zu 30 Jahre Haft. Hier in Deutschland sitzt er noch bis Mai ein wegen Fahrens ohne Führerschein. Das alles wissen auch die deutschen Ermittler. Und sie wissen noch mehr.

Krebs, heute 46, ist Linksextremist. „Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht“, sagt er während des Telefonats aus dem Gefängnis dieser Redaktion. Krebs lebte im besetzten Haus in der Rigaer Straße in Berlin, dessen Bewohner der Verfassungsschutz „zum harten Kern der militanten autonomen Szene“ zählt. Nach der Messerattacke in einer Tankstelle bei Neapel floh Krebs nach Deutschland, blieb unentdeckt, bis ihn Zielfahnder der Polizei fassten. Wie gut ist Krebs in der linksextremen Szene noch vernetzt? Wer hat ihm geholfen, als er im Untergrund lebte? Es sind Fragen, die sich auch die Ermittler des Landeskriminalamts in Niedersachsen stellen. Und: Hat Krebs Informationen über die untergetauchten Ex-RAFler?

Zuletzt schlugen die drei 2016 nahe Braunschweig zu

40 Jahre ist der „Deutsche Herbst“ her: die Entführung von Hanns Martin Schleyer, Arbeitgeberpräsident, seine Ermordung, dann die Geiselnahme in der Lufthansa-Maschine „Landshut“. Andreas Baader und Ulrike Meinhof gehörten zur sogenannten ersten Generation der Terrorgruppe.

Staub, Garweg und Klette waren Teil der dritten Generation, bis sich die RAF 1998 auflöste. Über die letzte Generation linker Terroristen wissen die Ermittler bis heute wenig. Kaum eine Tat ist aufgeklärt. Dazu zählen mutmaßlich zehn Morde, darunter die an Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts, an Gerold von Braunmühl, dem Vertrauten von Bundesaußenminister Genscher 1986 oder das Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen 1989. Am Ostermontag 1991 erschießt ein RAF-Scharfschütze Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder in seinem Düsseldorfer Haus. Letztes Opfer der dritten RAF-Generation ist der GSG-9-Kommissar Michael Newrzella. Ihn erschießt Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, bevor er beim Feuergefecht selbst sein Leben verliert. Danach endet die Mordserie. Nur wenige Mitglieder des letzten RAF-Kapitels sind der Polizei überhaupt bekannt.

Am Morgen des 12. Oktober 2017 holen Beamte den linksradikalen Krebs aus seiner Zelle der JVA Volkstedt in Sachsen-Anhalt. Krebs erzählt, die Ermittler hätten ihn in einen Bus mit abgedunkelten Scheiben gebracht, vorher habe er eine Schutzweste überziehen sollen. Zu seinem Schutz. Der Auftrag dazu kam von der Staatsanwaltschaft Verden. Es sind die Staatsanwälte, die das Verfahren gegen die letzten drei abgetauchten Ex-Mitglieder der RAF führen: Ernst-Volker Staub, 63, Burkhard Garweg, 49, und Daniela Klette, 59.

Die Ermittler legen Staub, Garweg und Klette mindestens neun Raubüberfälle in Norddeutschland zur Last. Zuletzt schlugen die drei offenbar 2016 nahe Braunschweig zu. Mit Panzerfaust und Automatikgewehr überfielen zwei Männer und eine Frau einen Geldtransporter und ein Geschäft. Doch das Trio ist seit Jahren abgetaucht. „Die sind wie vom Erdboden verschluckt, hochprofessionell“, sagen Kriminalbeamte, die mit den Ermittlungen betraut sind. Weiß der inhaftierte Andreas Krebs mehr? Über das, was am 12. Oktober in der JVA Volkstedt passiert, gibt es nur die Aussage von Krebs. Die Ermittler wollen sich auf Nachfrage mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern. In einer Anfrage der Linksfraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt bestätigt die Landesregierung von Sachsen-Anhalt nur, dass Krebs von acht Uhr bis 18 Uhr in „Gewahrsam“ des LKA Niedersachsen war. Zehn Stunden lang.

Krebs erzählt am Telefon, einer der Beamten in dem Bus mit den abgedunkelten Scheiben sei irgendwann mit dem Grund für die ungewöhnliche Fahrt herausgerückt: Man wisse, dass Krebs vor einigen Monaten Kontakt zu zwei der gesuchten Ex-RAF-Leute gehabt habe. Es war die Zeit, in der Krebs nach der Flucht aus Italien sieben Monate im Untergrund lebte.

Ein Handy im Gefängnis hätten ihm die RAF-Ermittler in Aussicht gestellt, sagt Krebs. Von einer Belohnung hätten sie gesprochen, 80.000 Euro sind ausgesetzt für Hinweise zur Ergreifung – für jeden der drei Ex-RAFler. Und die Beamten wissen, dass Krebs mit seiner Anwältin dafür kämpft, nicht nach Italien ausgeliefert zu werden. Da ließe sich etwas machen, habe ihm einer der Beamten im Bus gesagt. Die Haft in Italien als Druckmittel? So erzählt Krebs es. Polizisten unterstreichen, solche Druckmittel kämen nicht zum Einsatz. Da seien ihnen klare Grenzen in den Dienstvorschriften vorgegeben.

Wie die Tat an der italienischen Tankstelle abgelaufen ist, lässt sich nicht klären. Ein italienisches Gericht will den Fall aufarbeiten. Krebs spricht von Notwehr. Die italienischen Staatsanwälte glauben das nicht. Bei der Flucht aus Italien habe er Hilfe bekommen, sagt Krebs. Von wem, sagt er nicht.

Als die deutschen Beamten ihm nun im Oktober angeboten hätten, Informationen gegen Vergünstigungen einzutauschen, sei er nicht darauf eingegangen. Krebs lässt auch offen, ob er den Ermittlern bei der Suche nach dem Trio helfen kann. Nur so viel sagt er: Wenn jemand im Untergrund lebe und Unterstützer habe, sei es klar, dass die Polizei Verbindungen zu anderen Abgetauchten vermute. Er bestätigt nichts – er widerspricht aber auch nicht. Krebs macht Politik hinter Gittern.

Der Fall ist jetzt Sacheder Ermittler in Verden

Krebs hat in einem Brief mal gefordert, man müsse den „Justizapparat“ in die Luft sprengen. „Das war geschrieben nach einem Vorfall im Knast in einem emotionalen Moment, das würde ich nie tun“, sagt er heute. Andere machten ernst: Die DNA der Ex-Terroristen Staub und Klette wurde gefunden, nachdem RAF-Anhänger 1993 die JVA Weiterstadt in die Luft gesprengt hatten – der letzte Anschlag der militanten Gruppe. Doch gibt es in der linksextremen Szene weiterhin Sympathisanten. In den vergangenen Jahren tauchten etwa in Hamburg Plakate auf, die Taten der Ex-RAF-Mitglieder glorifizieren. Auch ein Radiobeitrag eines linksalternativen Senders verherrlicht die Gewalt.

Verfassungsschützer sehen heute keine große Bedeutung der Ex-RAF-Mitglieder für die aktuelle linksradikale Szene. „Allenfalls ein paar Nostalgiker interessieren sich noch für die RAF“, sagt eine Mitarbeiterin in Niedersachsen. Viele Medien nennen Staub, Garweg und Klette nur noch „RAF-Rentner“. Die Überfälle dienen laut Sicherheitsbehörden vor allem dazu, das Leben im Untergrund zu finanzieren. Das BKA ermittelt nicht mehr. Der Fall ist jetzt Sache der Ermittler in Verden.

Für die Justiz dort wäre es ein riesiger Fahndungserfolg, das abgetauchte RAF-Trio zu fassen und deren Straftaten aufzuklären. Nur bleibt die Jagd nach dem Trio mühsam. Offene Grenzen in Europa erschweren die Suche. Früher haben Polizisten ermittelt, wer seine Miete immer in bar bezahlt. Heute können Untergetauchte alles über das Internet regeln – sie brauchen kaum noch das Haus verlassen.

Im November veröffentlichten Polizisten neue Fahndungsfotos. Ein entscheidender Hinweis: bisher offenbar Fehlanzeige. Laut Ermittler könnte ein Grund für die wenigen Hinweise von der Bevölkerung sein, dass die Gesuchten gar nicht mehr in Deutschland leben. Kriminalbeamte vermuten sie im Mittelmeerraum, in Spanien oder Italien. Volker Staub wurde angeblich auf einem Campingplatz in Norditalien gesehen, eindeutig identifiziert wurde er nach Angaben der Fahnder aber nicht.

Italien? Dort lebte auch Andreas Krebs. Nach eigenen Angaben hat er damals Freundschaft zu Leuten von der ehemaligen „Brigate Rosse“, den Roten Brigaden, geschlossen. Die Gruppe wollte mit der RAF eine „antiimperialistische Front in Westeuropa“ schmieden. Greifen Garweg, Klette und Staub jetzt auf diese alten Netzwerke zurück?

Ermittler halten es für möglich. Belege für diese Möglichkeit haben sie nicht. Da hat ihnen auch der Besuch bei Andreas Krebs nicht geholfen.