Antisemitismus

Nach Vorfall von Berlin: Null Toleranz gegen Judenhass

Im Internet verbreitet sich ein Video von einem Mann, der einen Juden in Berlin beschimpft. Der Vorfall offenbart zweierlei Dinge.

Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin.

Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin.

Foto: dpa

Berlin.  Vor einer Woche wurde der Beginn des Jubiläumsjahres „70 Jahre Israel“ in der israelischen Botschaft gefeiert. Der Bundespräsident mahnte dort, der Antisemitismus zeige „sein böses Gesicht in vielfältigem Gewand“.

Frank-Walter Steinmeier muss dabei noch die Bilder von den Israel-Protesten keine 300 Meter vom Deutschen Bundestag entfernt im Kopf gehabt haben. Propalästinensische, meist arabischstämmige Demonstranten steckten Israelflaggen in Brand. Eine Reaktion auf US-Präsident Donald Trump, der ein paar Tage zuvor Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hatte.

Video von Vorfall aus Berlin ging viral

Nicht geahnt haben wird der deutsche Präsident, dass die Aussage „böses Gesicht in vielfältigem Gewand“ eine Woche später noch viel mehr zur Antisemitismusrealität in Deutschland passen würde. Mitten in Berlin bepöbelt ein offenbar gut situierter, 60-jähriger deutscher Herr den jüdischen Restaurantbesitzer Yorai Feinberg vor dessen Lokal.

Ein etwa sechsminütiges Video dokumentiert den unfassbaren Auftritt des Mannes. Er beginnt seine Tirade mit einer Täuschung. Der Mann gibt zunächst vor, den Staat Israel zu kritisieren: „Ihr führt 70 Jahre einen Krieg gegen die Palästinenser. Ihr seid gemein.“

Das offenbart der Vorfall

Doch ziemlich schnell offenbart er den dahinterliegenden Antisemitismus: „Bei euch geht es nur ums Geld und du kriegst deine Rechnung“ und „Was wollt ihr nach ‘45 hier, sechs Millionen Menschen sind von euch umgebracht worden, was willst du hier?“ und „Niemand schützt euch. Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer. Keiner will euch hier.“ All das passiert am helllichten Tag, bis Feinberg eine Polizeistreife stoppt.

Was sich an diesem Beispiel offenbart, ist zweierlei. Erstens, dass hinter dem deutschen Fachwort „Israel-Kritik“, hinter dem: „Man wird doch den Staat Israel für seine Politik kritisieren dürfen“, eben oft purer Antisemitismus steckt, also eine Einstellung, die das Existenzrecht von Juden infrage stellt.

Nicht für Israels Politik verantwortlich

Wissenschaftlich belegt wird dieser verdruckste Rassismus durch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, „Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände“, zu rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen in Deutschland.

Darin gaben 40 Prozent der Befragten an, sie seien der Meinung: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“ Und 25 Prozent meinten, Juden würden „aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil ziehen“.

Nebenbei gesagt, es ist völlig unsinnig, Juden in Deutschland für die Politik in Israel verantwortlich zu machen.

Straftaten von Deutschen ausgeübt

Das zweite, was dieser schlimme Vorfall in Berlin belegt ist, dass es sich beim Antisemitismus heutzutage in Deutschland wohl kaum um einen von Flüchtlingen oder muslimischen Einwanderern „importierten Antisemitismus“ handelt.

CDU-Politiker Jens Spahn twitterte den Begriff, nachdem die Israelflaggen und Davidsterne vor dem Brandenburger Tor brannten. Grundsätzlich hat Spahn recht mit der Aussage „Wehret den Anfängen“. Doch es sind längst nicht die Anfänge, die wir hier spüren, es ist immer noch alles da. Das belegt auch die Kriminalitätsstatistik, 95 Prozent der antisemitischen Straftaten werden hierzulande von Deutschen verübt.

Null Toleranz gegen Judenhass

Und so gilt neben richtigen Ansätzen wie härterem Durchgreifen gegen Antisemitismus, der Berufung eines Antisemitismusbeauftragten, vor allem: Null Toleranz gegen Judenhass.

Außerdem stimmt nicht, was der Pöbler dem Restaurantbesitzer gedroht hat: „Niemand schützt euch.“ Der Staatsschutz ermittelt jetzt gegen ihn wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Widerstands gegen Polizisten.

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