Der Tag endet in einem Raum, der klein ist und karg, mit einem Fenster und einer Tür aus Eisenstangen. An der Wand stehen eine Kommode und ein Kühlschrank, Matratzen liegen auf dem Boden. Dittmar Kania sucht sich eine, Michael Herbke nimmt eine andere. Und der Kommandant, der sich als Abdulrahman vorstellt, legt sich für die Nacht auf eine dritte Matratze. Die Maschinenpistole an seiner Seite.
Der Tag hatte friedlich begonnen, mit dem stillen, weiten Meer, einige Seemeilen entfernt von der libyschen Küste. Kania und Herbke, die beiden Deutschen, verbrachten hier in ihrem Schnellboot „Speedy“ die Nacht, eine Testfahrt von Tunesien aus, bevor die Reise der Crew von dort mit dem großen Schiff losgeht. Sie sind Helfer der Organisation „Sea Eye“ aus Regensburg. Als sie schon auf dem Rückweg waren, tauchte plötzlich ein kleines, aber schnelles Boot hinter ihnen auf. „Piraten“, dachten die Männer und gaben Gas. Doch da fielen schon Warnschüsse aus den Gewehren. Männer in Tarnfleck stoppen sie. Einer von ihnen ist Abdulrahman. Es ist September 2016.
Die Küste vor Libyen ist tödlich. Fast 2500 Menschen starben in diesem Jahr, als sie versuchten, in wackeligen Schlauchbooten oder alten Holzkähnen von dem nordafrikanischen Staat aus Europa zu erreichen. Mehr als 100.000 Menschen schafften es 2017, mehr als 180.000 waren es 2016. Sie kommen derzeit vor allem aus Nigeria, Guinea, Bangladesch und der Elfenbeinküste.
Nach dem Sturz von Diktator Gaddafi 2011 brach in Libyen der Staat zusammen und der Bürgerkrieg aus. Zwei Regierungen bekämpfen sich gegenseitig, das Land ist gespalten, und ohnehin im Nebeneinander von lokalen Herrschern und kriminellen Banden kaum zu durchschauen. In einigen Provinzen breiten sich bewaffnete Milizen aus, kontrollieren Straßen und Fabriken. Auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ agiert in Teilen Libyens.
Wer kann, flieht. 500.000 Menschen, vielleicht sogar eine Million. So viele sollen derzeit in dem Land sein und auf einen Platz in den Booten der Schlepper hoffen. Es gibt Berichte, dass Migranten in privaten Knästen der Milizen eingesperrt sind. Die Vereinten Nationen, aber auch Diplomaten schreiben von Menschenhandel, Sklaverei, Folter.
Was genau in Libyen passiert, ist wenig dokumentiert. Flüchtlinge, die Europa erreichen, berichten davon. Die Botschaften und Regierungen der EU haben ihre Kontakte, auch über Nachrichtendienste, libysche Medien und die staatlichen Stellen berichten ihre Sicht. Einen kleinen Einblick gibt auch das, was die Deutschen Herbke und Kania darüber erzählen, als sie von Abdulrahmans Leuten verhaftet worden sind und nach Zawiya gebracht wurden, eine Stadt im Nordwesten Libyens.
„Wir wurden sechs Stunden verhört“, erzählen die beiden. Sie seien in libysches Hoheitsgewässer eingedrungen, werfen die Männer in Camouflage ihnen vor. Was sie hier suchen? Warum sie Flüchtlinge retten? „Sie nahmen uns Handy, Pass und Geld ab“, sagt Herbke. „Dann brachte uns der Kommandant auf sein Anwesen.“ Ein Gelände, auf dem die Hütte mit dem Raum und den Matratzen steht, daneben ein größeres Haus, eine Koppel für Pferde und eine Voliere mit Hunderten Wellensittichen und Kanarienvögeln. Später deponiert Abdulrahman noch eine Panzerfaust und Geschosse in der Hütte. Ein junger Mann um die 30, schwarzes Haar, Bart. Nach Gaddafis Sturz kam seine Familie an Geld. Er bewaffnete einige Männer, kaufte ein Schiff. Der Hafen sei sein Territorium. Sein Kampfname: „Al-Bija“.
Herbke und Kania waren eingesperrt auf dem Grundstück. Aber sie erzählen, dass sie gut behandelt worden seien: Man gibt ihnen essen, sie können sich duschen. Sogar die Eltern von Abdulrahman besuchen sie. Abends sitzen sie manchmal mit Abdulrahman und dessen Leuten auf der Terrasse. Nur wenige der Männer sprechen Englisch. Und wenn sie über Deutschland reden, dann nur gut. Zum Beispiel über die schnellen Autos. Oder über den deutschen Feldmarschall Rommel, dessen Truppen hier im Zweiten Weltkrieg bei seinem Afrika-Feldzug vorbeimarschiert sein sollen. „Wir hatten keine Angst, aber wir waren wütend“, sagt Herbke. „Niemand sagte uns, was mit uns passiert.“ Mal telefoniert Abdulrahman mit jemandem in der Hauptstadt, mal ruft ein Vertreter der deutschen Botschaft in Tunesien an.
Vieles spricht dafür, dass auch aufgrund von Männern wie Abdulrahman seit einigen Wochen weniger Flüchtlinge aus Libyen in Richtung Europa ablegen.
Im ganzen August erreichten nicht einmal 4000 Italien, noch im Juli waren es laut UNHCR fast 12.000, im Juni mehr als 23.000. Im September erreichten bisher gerade etwas mehr als 1000 Menschen Italien, September 2016 waren es 17.000, im Oktober laut UNHCR sogar fast 30.000. Denn im Spätsommer boomt das Geschäft der Schleuser. Die See ist ruhig, das Mittelmeer wärmer.
Hohe Zahl an Flüchtlingen, vor allem Italien steht unter Druck
In den vergangenen Monaten waren die Rettungsmissionen von EU-Marine-Schiffen, der italienischen Küstenwache und Booten der Hilfsorganisationen ein Wettlauf: Fast jeden Tag kamen neue Meldungen von Schlauchbooten in Seenot. An manchen Tagen holten die Helfer mehrere Tausend Geflüchtete aus den seeuntauglichen Booten, brachten sie zu Schiffen der EU, dann weiter zur Registrierung in die italienischen Häfen. Ein erfolgreicher Tag war ein Tag ohne Ertrunkene. Doch vor allem die italienische Regierung steht unter Druck.
Doch mittlerweile legen kaum mehr Schleuserboote in Libyen ab. Und wenn sie doch in See stechen, kommen sie offenbar nicht weit. Für die Gründe gibt es mehrere Indizien: Zum einen lehnen sich offenbar Bewohner einzelner Städte an der libyschen Küste gegen die Schlepper an ihren Stränden auf, vertreiben die Kriminellen, wollen ihren Frieden. Zum anderen verfasste die italienische Regierung in Zustimmung mit der EU-Kommission einen „Verhaltenskodex“ für die Rettungsschiffe der ehrenamtlichen Helfer, die mit etwas Abstand vor der libyschen Küste patrouillieren. Mehrfach war es zu riskanten Störmanövern, auch Warnschüssen, durch die Küstenwache Libyens gekommen, die das Gebiet auch über die Zwölf-Meilen-Seegrenze für sich beansprucht. Der „Kodex“ schränkt die Arbeit der Organisationen ein, lässt sogar zu, dass italienische Polizisten die Arbeit der Helfer an Bord prüfen, wenn etwa der Verdacht der Zusammenarbeit mit Schleppern vorliege. Belegt ist das bisher in keinem Fall. Doch unter europäischen Regierungen wächst die Kritik: Durch die zahlreichen Hilfsschiffe sei eine „Brücke nach Europa“ entstanden, sagen manche.
„Ärzte ohne Grenzen“ und andere Gruppen hatten nach Ankündigung des „Verhaltenskodexes“ das Gebiet vor Libyen verlassen. Sie fühlen sich kriminalisiert. Den Vorwurf, man befeuere das Geschäft der Schlepper, wollen sie nicht gelten lassen. Man rette Menschenleben und leiste, was die EU mit ihrer „Abschottungspolitik“ unterlasse, sagen sie.
Auch mehrere Gutachten von Wissenschaftlern im Auftrag des Bundestags halten den „Kodex“ für heikel, sofern damit die Seenotrettung behindert werde. Die Bundesregierung von Union und SPD hält die Maßnahme der Italiener hingegen für „sinnvoll“, schreibt das Auswärtige Amt in einer Antwort auf Nachfrage der Grünen-Fraktion, die dieser Redaktion vorliegt. Der „Verhaltenskodex“ stehe „mit den völkerrechtlichen Vorgaben über Seenotrettung im Einklang“. Dass die Libyer ihren „Such- und Rettungsbereich“ ausgeweitet hätten, bedeute weder eine „Ausweitung der libyschen Hoheitsgewalt“, noch dürfe es zu „völkerrechtswidrigen Einschränkungen von Seenotrettungen durch Nichtregierungsorganisationen“ kommen. Wie die Bundesregierung dies prüfen wolle, schreibt sie nicht. Man weise die libysche Seite in Gesprächen darauf hin, heißt es. Und: Der „Kommandeur der libyschen Küstenwache“ habe gegenüber dem deutschen Botschafter bestätigt, dass dieser eine „enge Zusammenarbeit“ mit Schiffen der EU anstrebe.
Die Opposition übt an dem „Verhaltenskodex“ und der Haltung der Bundesregierung scharfe Kritik. Die Regierung wisse „von der dramatischen Lage und dem täglichen Sterben auf dem Mittelmeer“ und nehme „billigend in Kauf, dass die Zivilgesellschaft daran gehindert wird, Schutzsuchende zu retten“, sagt die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, Luise Amtsberg, dieser Redaktion. „Sei es durch fragwürdige Kodizes oder durch eine libysche Küstenwache, die selbst Teil des Problems ist.“
Welche Rolle spielt diese Küstenwache bei der Frage, warum die Zahlen der Migrantenboote so stark gesunken sind? Seit Monaten bildet die EU Mitglieder der Küstenwache aus, es fließt weiteres Geld in „Hilfsprogramme“, der Wert insgesamt: 200 Millionen Euro. Im Februar schließt Italien einen Deal mit einem der libyschen Regierungschefs, Fayez Sarraj. Als Gegenleistung zu den Millionen aus Rom sollen libysche Küstenwächter Schlepperboote aufhalten.
Nur an wen genau fließt das Geld in Libyen am Ende? Fast vier Tage hält der 30 Jahre alte Abdulrahman die beiden deutschen Helfer fest. Dann kommen sie frei, ein Schiff der Bundeswehr holt sie vor der Küste Libyens ab. Michael Herbke sagt: „Uns war bis zuletzt nicht klar, welche Rolle Abdulrahman in der Politik mit den Migranten spielt.“
Der Libyer selbst habe erzählt, dass er die lokale Küstenwache anführe. Dass er gegen Öldiebe an den Bohrinseln vorgehe. Und dass sie Schleuser bekämpfen. Sie würden die Menschen aus den Schlauchbooten und an Land bringen. Was dann mit den Migranten passiert, erfahren die beiden Helfer nicht. Nur, dass Abdulrahman auf eigene Faust arbeiten würde. Geld von der Regierung bekomme er nicht, habe er gesagt.
Migranten werden geschlagen und ausgeraubt
In einem Bericht aus diesem Sommer dokumentieren die UN weiterhin, wie Migranten geschlagen, ausgeraubt und in Auffanglager gebracht würden. In dem Report heißt es, dass Armee, Kriminelle und verschiedene Gruppen der Küstenwache Geschäfte machen würden. Auch der Name Abdulrahman Milad, alias Bija, fällt. Er hätte, wie andere der Küstenwache auch, auf Migrantenboote geschossen und sie zum Teil versenkt. Die 300 Seiten dicke Analyse nennt weitere Namen: Ahmed Dabashi. Er soll nun den Kampf gegen Schleuser in der Region um die Stadt Sabratha anführen. Dabei hat Dabashi demnach selbst jahrelang Geld mit Menschenhandel verdient. Dann tauchen zwei Brüder in dem UN-Bericht auf: Mohamed und Walid Koshlaf. Sie würden eine Raffinerie in Zawiya kontrollieren, auf deren Gelände nun ein Internierungslager für Migranten sei. Auch hier soll es zu Misshandlungen gekommen sein. Dort heißt es dann auch: Abdulrahman Milad stehe in engen Verbindungen zu den Koshlaf-Brüdern.

